Donald Trump beherrscht nach wie vor die medialen Schlagzeilen. Seine erratischen Winkelzüge und jähen Stimmungsumschwünge, die die Weltöffentlichkeit in Atem halten, scheinen einerseits von der Abwesenheit jeglicher Strategie zu zeugen. Andererseits vermitteln zwei regierungsoffizielle Strategiepapiere – die National Security Strategy vom November 2025 (NSS 2025) und die National Defense Strategy vom Februar 2026 – einen gegenteiligen Eindruck. Ohne diesen Widerspruch an dieser Stelle auflösen zu wollen, soll zwei Monate vor den midterms am 3. November 2026 der Versuch unternommen werden, eine vorläufige Bilanz Trumpscher „Weltpolitik“ zu präsentieren. Ausgehend von den geopolitischen Prioritäten der NSS 2025 und NDS 2026[i] wird zunächst das Vorgehen der USA in der Westlichen Hemisphäre untersucht, um es dann mit dem Agieren auf dem eurasischen Kontinent zu vergleichen.[ii]
Was 1812 mit Kanada begann …
Obwohl Donald Trump gleich mehrfach von der US-Außen- und Sicherheitspolitik der letzten 70 Jahre abweicht, weist sein Agieren in der Westlichen Hemisphäre Kontinuitäten auf, die mehr als 200 Jahre zurückreichen und ihren Ursprung in der territorialen Expansion des „Imperiums der Siedler“ haben.[iii] Nach dem Frieden von Paris 1783, mit dem die USA ihre 1776 verkündete Unabhängigkeit von Großbritannien nebst neuer Territorialgewinne in Nordamerika völkerrechtlich besiegeln konnten, blieb das Verhältnis zwischen beiden Staaten fragil. Verschiedene Streitpunkte (Zwangsrekrutierung von US-Matrosen durch die Briten, Seehandel, Verhältnis zu den Indianern) führten am 18. Juni 1812 zur Kriegserklärung der USA gegen Großbritannien. Die Hoffnung der Kriegsfalken, auf diesem Weg Kanada zu erobern, erfüllte sich jedoch nicht. Trotz der Kriege, die die Briten in Europa gegen Napoleon führen mussten, sowie ungeachtet der zahlenmäßigen Überlegenheit und geopolitischen Vorteile der US-Siedler vor Ort endeten die Kampfhandlungen mit einem Unentschieden. Unter russischer Vermittlung schlossen beide Mächte am 24. Dezember 1814 in Gent Frieden. Wegen der Zeitverzögerung bei der Nachrichtenübermittlung dauerten die Kämpfe noch bis zum Januar des folgenden Jahres.
Obwohl der Friedensschluss das Kräfteverhältnis zwischen beiden Kontrahenten im Wesentlichen bestätigte, hatte der Krieg in zweifacher Hinsicht gravierende Folgen. Zum einen bedeutete er für die indianischen Völker östlich des Mississippi, die mehrheitlich an der Seite der Briten auch für ihre eigene Unabhängigkeit gekämpft hatten, dann aber von London im Stich gelassen wurden, das Ende. Zum anderen fanden US-Amerikaner und Briten für ihre Beziehungen in der Westlichen Hemisphäre einen Modus Vivendi, der bis zum Ende des 19. Jahrhundert hielt und dem jungen Siedlerstaat die von außen weitgehend ungestörte Westexpansion bis zum Pazifik ermöglichte, was sowohl zu Lasten der indigenen Bevölkerung, die fast ausgerottet wurde, als auch des mexikanischen Nachbarn im Süden ging. Damit gilt der Krieg von 1812 zwar als Geburtsstunde des „Manifest Destiny“ – der Bestimmung der USA zur Eroberung des nordamerikanischen Kontinents. Zugleich bildet er aber auch den Ausgangspunkt für einen kanadischen Nationalismus, der sich bis heute gegen eine Vereinnahmung durch die USA wehrt. Jüngstes Beispiel sind die bilateralen Verhandlungen über die von Trump geforderten Zölle. In der Nacht zum 22. August 2026 wurden sie von kanadischer Seite für gescheitert erklärt. Mark Carney, Kanadas Premierminister, teilte mit, dass sein Land im Gegenzug zu den Maßnahmen der Trump-Administration seinerseits am 8. September Zölle auf US-Produkte in den Bereichen Stahlindustrie, Milchprodukte oder Elektrogeräte verhängen werde. Wie Donald Trump angesichts des wachsenden Widerstandes Kanadas das Nachbarland – wie von ihm großspurig angekündigt – zum 51. Bundesstaat machen will, bleibt sein Geheimnis.
Aber nicht nur Kanada, sondern auch Grönland, das als autonomes Gebiet mit innerer Selbstverwaltung Bestandteil Dänemarks ist, steht auf der Liste künftiger Einverleibungen durch Washington ganz oben. Wie Kanada, die USA und Mexiko gehört die größte Insel der Welt geographisch zu Nordamerika – für Trump Grund genug, territoriale Ansprüche gegenüber Dänemark geltend zu machen. Besonders die zahlreichen Vorkommen an seltenen Erden und die zentrale geostrategische Lage in der Arktis haben seinen Appetit geweckt. Anders als Kanada haben Dänemark und vor allem die EU eher unterwürfig auf die Ultimaten von Trump reagiert, was sowohl am fehlenden Widerstand gegen die Trump’sche Zollpolitik als auch an der ergebnislosen Entsendung einer „Erkundungsmission“ ausgewählter europäischer Staaten – darunter auch Deutschland mit 13 Soldaten – nach Grönland sichtbar wird.
… ist 2026 mit Venezuela immer noch nicht zu Ende
Im Süden scheint die Donroe-Doktrin, wie Trump selbst seine Geopolitik des „Amerika first!“ bezeichnet, mehr Erfolge zu zeitigen. Venezuela ist nach der US-Invasion vom 3. Januar 2026, die in der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau Cilia Flores gipfelte, faktisch zur „US-Ölkolonie“ degradiert worden.[iv] So haben Donald Trump und die amtierende venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez am 28. August in „eingespielter Eintracht“ ein Energieabkommen verkündet, das die US-Ölreserven mehr als verdoppeln wird – „und zwar ohne jegliche Kosten für den amerikanischen Steuerzahler“, so Trump auf seiner Plattform „Truth Social“. Rodríguez sieht darin ihrerseits einen „strategischen Schritt, um die Bodenschätze des Landes in soziales Wohlergehen, industrielle Entwicklung und wirtschaftliche Stabilität umzuwandeln“.[v] Zwar bleiben laut der venezolanischen Verfassung sämtliche mineralischen Rohstoffe und Kohlenwasserstoffressourcen unveräußerliches Eigentum des Staates, faktisch fließen die Erlöse aus den Ölexporten des Landes mit den weltweit größten nachgewiesenen Reserven (304 Milliarden Barrel bzw. 19 Prozent der globalen Rohölvorkommen) über Konten, die vom US-Finanzministerium kontrolliert werden. Dort werden auch die Haushaltsanträge aus Caracas geprüft, um dann zu entschieden, an wen die freigegebenen Gelder gehen. Wie der venezolanische Ökonom Professor Francisco Rodríguez, Mitarbeiter des Center for Economic and Policy Research (CEPR) in diesem Zusammenhang erklärte, hat Venezuela im ersten Halbjahr 2026 rund 14,7 Milliarden US-Dollar Brutto-Öleinnahmen erzielt. Davon hat Washington 4,7 Milliarden Dollar – rund 32 Prozent – mit der Begründung in Rechnung gestellt, dass damit die Kosten des US-Überfalls vom 3. Januar gedeckt werden müssten. Der venezolanische Staat kann nur über etwa sieben Milliarden Dollar verfügen. Der Rest entfällt auf die Rückzahlung von Schulden an den US-Ölkonzern Chevron, Produktions- und Betriebskosten sowie wechselkursbedingte Abzüge.[vi]
Am 7. März hatte Donald Trump die Präsidenten von Argentinien, Bolivien, Chile, Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Ecuador, El Salvador, Honduras, Panama und Paraguay sowie die Premierminister von Guyana, Trinidad und Tobago und von Jamaica in Doral (Florida) versammelt, um unter der Bezeichnung „Shield of the Americas“ eine neue regionale Sicherheitsarchitektur aus der Taufe zu heben. An dem Treffen nahmen auch die Minister für Verteidigung bzw. Sicherheit der Bahamas, von Belize, Guatemala und Peru teil.[vii] Nach dem Amtsantritt von Abelardo de la Espriella als neuer Präsident Kolumbiens, der am 7. August 2026 erfolgte, ist auch dieses südamerikanische Land Mitglied der neuen Allianz mit nunmehr 19 Mitgliedern, die sich unter dem Schirm der Donroe-Doktrin versammelt haben. Abgesehen von Ausnahmen wie Guatemala und Belize handelt es sich um Länder mit rechtsgerichteten Regierungen. Auffällig ist zudem die Abwesenheit der Staatsoberhäupter der beiden regionalen Schwergewichte Brasilien und Mexiko, Luiz Inácio da Silva (Lula) und Claudia Sheinbaum. Im Falle des größten lateinamerikanischen Landes könnte sich dies schon bald ändern.
Am 4. Oktober 2026 finden in Brasilien zeitgleich Präsidentschafts-, Kongress-, Gouverneurs- und Landesparlamentswahlen statt. Im Mittelpunkt der Präsidentschaftswahl stehen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei – PT) und Senator Flávio Bolsonaro (Liberale Partei – PL), Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Alles deutet darauf hin, dass das über die Zukunft des Landes entscheidende Rennen zwischen diesen beiden Exponenten des linken bzw. extremrechten Lagers ausgetragen wird.[viii] Sollten sich die rund 156 Millionen Wahlberechtigten mehrheitlich für Flávio Bolsonaro entscheiden, hätte Lateinamerika einen politischen Ausschlag nach rechts zu verkraften, der in seiner Reichweite und Tiefenwirkung der Zeit der Militärdiktaturen zwischen 1964-1990 ähneln würde (siehe QUETZAL-Dossier), wobei drei Besonderheiten zu beachten sind: Erstens handelt es sich heute um Regierungen, die sich nicht in erster Linie aus rechten Putschisten des Militärs zusammensetzen. Gefälschte oder manipulierte Wahlen, Lawfare, Sanktionen und Einmischungen Washingtons sind die derzeit bevorzugten Mittel, um linke Kräfte von der Regierung zu verdrängen. Zweitens unterscheidet sich die gegenwärtige zeitliche und räumliche Zusammenballung rechter Regierungen von der eher zyklisch verlaufenden Periode der Militärregierungen. Drittens verschafft die Donroe-Doktrin dem lateinamerikanischen Rechtsblock eine Bedeutung, die gegenüber den wechselnden und in anderen Weltregionen gebundenen US-Administrationen der 25 Jahre zwischen 1964 und 1990 eine völlig neue Qualität besitzt. „America first!“ gilt nunmehr nicht nur für das „Homeland“ (also für die USA selbst), sondern eben auch für „Our Hemisphere“ (also den gesamten amerikanischen Doppelkontinent). Die direkte Verfügungsgewalt über Lateinamerika ist für den „MAGA-Imperialismus“[ix] unverzichtbar, wenn der Abstieg der USA gestoppt und dann umgekehrt werden soll.
Als Fazit bleibt festzuhalten: Das imperiale Rollback in Lateinamerika, das Donald Trump unter dem Banner der Donroe-Doktrin am 3. Januar 2026 mit einem Paukenschlag forciert hat, gewinnt weiter an Tempo und Schärfe. Unter diesen regionalen Rahmenbedingungen kommt den Wahlen in Brasilien eine Schlüsselbedeutung zu. Lula oder Bolsonaro – diese Entscheidung bestimmt nicht nur das weitere Schicksal Brasiliens, sondern ganz Lateinamerikas. Kuba und Nikaragua, die sich schon jetzt in höchster Gefahr befinden, haben bei einer Niederlage Lulas den worst case des Regime Change zu befürchten. Offen bleibt, wie China und Russland, deren regionale Präsenz mit dem Verlust Venezuelas stark angeschlagen ist, auf die Trump’sche Offensive reagieren werden. Um dies besser beurteilen zu können, ist die Einbeziehung des „eurasischen Schachbretts“ unverzichtbar.
Auf dem Rückzug: Trumps Niederlage in Westasien und in der Ukraine
Der Krieg der USA gegen den Iran, dessen aktuelle Phase am 28. Februar 2026 begann, hat sich für Trump als desaströse Niederlage erwiesen. Statt durch anhaltendes Bombardement und Seeblockade in Teheran einen Regime Change auszulösen, steht er nun vor einem Scherbenhaufen und weiß nicht, wie er aus der selbst gestellten Falle wieder herauskommen soll. Leere Waffendepots, zerstörte US-Militärbasen, verunsicherte und auf Distanz gehende regionale Verbündete, steigende Ölpreise weltweit, zerstörte Lieferketten für strategische Rohstoffe wie Helium und Schwefel, eine sich abzeichnende globale Energiekrise und ein verheerender Prestigeverlust sind die bisherige Bilanz der USA. Auf der Gegenseite hat sich der Iran als Regionalmacht
etabliert, die nicht nur neue Spielregeln aufgestellt hat, sondern auch in der Lage ist, diese durchzusetzen. In Absprache mit dem Oman kontrollieren die iranischen Revolutionsgarden die Straße von Hormus und damit einen der weltweit wichtigsten Transportengpässe, während US-amerikanische Flugzeugträger in sicherer Distanz im Indischen Ozean verharren. Trotz der schweren materiellen Schäden, die der Iran durch den Krieg erlitten hat, geht er politisch und moralisch gestärkt aus dem militärischen Kräftemessen mit zwei Atommächten – USA und Israel – hervor. Die Unterstützung durch China und Russland, aber auch die enge Kooperation mit Pakistan, haben dafür einen wichtigen Beitrag geleistet.[x]
Auf dem zweiten Schlachtfeld der US-amerikanischen Kriege gegen den Abstieg, in der Ukraine, sieht es für Trump nicht viel besser aus. Zwar hat er es vermocht, die materielle und politische Hauptlast der Auseinandersetzungen mit Russland auf die Europäer abzuwälzen. Wie der jüngste Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe in Moskau gezeigt hat, stößt die Trump-Administration mit ihren Bemühungen, die Rolle eines Vermittlers im Ukrainekrieg zu übernehmen, auf taube Ohren. Die jüngsten Erfolge der russischen Streitkräfte auf dem Schlachtfeld und die schweren materiellen Schäden, die die Ukraine durch die Zerstörung ihrer Infrastruktur und die Blockade ihrer Häfen am Schwarzen Meer erleidet, sowie die hektischen bis verzweifelten Versuche der Selinski-Regierung, ihren dramatischen Machtverfall zu verschleiern, sind unabweisbare Indizien, dass der Krieg in seine Endphase eingetreten ist – es sei denn, die NATO entschließt sich zur „Vollinvasion“ im Osten.[xi]
Von Bischkek über Wladiwostok bis Neu-Delhi
Im Zeitraum von ca. zwei Wochen zeugen vier aufeinander folgende Ereignisse von internationaler Bedeutung davon, wie groß der Graben zwischen den absteigenden USA und seinen aufsteigenden Kontrahenten inzwischen geworden ist. Am 31. August und 1. September fand in Bischkek, der Hauptstadt von Kirgistan, der 25. Gipfel der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) statt. Zu der 2001 von China, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan gegründete Organisation gehören außerdem Indien, Pakistan (beide seit 2017), der Iran (seit 2023) und Belarus (seit 2024). Hinzu kommen die Mongolei und Afghanistan als Beobachter und 13 weitere asiatische Länder sowie Ägypten als Dialogpartner. Die SCO, die im Westen oft fälschlicherweise als eine Art asiatische NATO angesehen wird, hat sich ab 2013 zunehmend zu einer geoökonomischen Organisation entwickelt. Auf dem Gipfel wurden auch über die De-Dollarisierung der gegenseitigen Handelsbeziehungen, die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank und die Schaffung eines SCO-Energiekonsortiums diskutiert. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten die Teilnehmer die Aggression der USA und Israels gegen den Iran sowie die Sanktionspolitik des Westens. Am Rande fanden mehrere Treffen statt, darunter auch eines zwischen Wladimir Putin und dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian.[xii]
Am 1. September wurde in Wladiwostok das 11. Östliche Wirtschaftsforum (Eastern Economic Forum) eröffnet, an dem über 5.000 Menschen aus 80 Ländern teilnehmen. Auf dem Plenum am 3. September nahmen zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sein indonesischer Konterpart Prabowo Subianto, der chinesische Vizepremier Ding Xuexiang, der mongolische Ministerpräsident Nyam-Osoryn Uchral sowie der Erste Vizepräsident von Myanmar, Nyo Saw, teil. Am 12. und 13. September wird in Neu-Delhi das 18. Gipfeltreffen der BRICS stattfinden.[xiii] Parallel zum SCO-Gipfel fand in Ashville (USA) ein Treffen der Zentralbankchefs und Finanzminister der G20 statt. Auf Einladung von US-Finanzminister Scott Bessent nahm auch eine russische Delegation unter Leitung des Finanzministers Anton Siluanow teil, der erstmals seit 2022 wieder persönlich teilnehmen durfte. Zugleich hatte die Trump-Administration selbstherrlich das Mitgliedsland Südafrika von der Teilnahme am G20-Treffen ausgeschlossen Die europäischen Vertreter (EU, Deutschland, Frankreich, Großbritannien) verweigerten ihrem russischen Kollegen die Teilnahme am „Familienfoto“ der G20, was ein neuerliches Schlaglicht auf das völlige Fehlen diplomatischer Gepflogenheiten seitens der führenden europäischen Politiker wirft. Eine gemeinsame Abschlusserklärung scheiterte an einem Absatz, in dem China offen angegriffen wurde, worauf der Vertreter des asiatischen Landes seine Unterschrift unter das Dokument verweigerte.[xiv]
Wie auch immer: In der globalen Zwischenbilanz zwischen dem Westen und dem Rest der Welt können die USA zwar einerseits auf wichtige Erfolge im Rollback der Bestrebungen der lateinamerikanischen Völker nach mehr Souveränität und einer eigenständigen Entwicklung verweisen. Dem steht andererseits der eindeutig negative Trend auf dem eurasischen Schachbrett gegenüber, wo sich der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen an allen Fronten auf dem Rückzug befinden. Was ergibt sich aus diesem Befund für den weiteren Kampf gegen den US-Imperialismus?
Nah an den USA …
Den Unterschieden in der Zwischenbilanz bei der Umsetzung der Donroe-Doktrin – erfolgreiches Rollback in Lateinamerika versus erzwungenem Rückzug in Eurasien – liegen mehrere Faktoren zugrunde.[xv] An erster Stelle sind die geopolitischen Ausgangsbedingungen zu nennen. Aus der Kombination von Geographie (eigene, vom eurasischen Superkontinent durch zwei Ozeane getrennte Hemisphäre), Geschichte (223 Jahre Monroe-Doktrin) und gegenwärtigen Machtverhältnissen (USA als immer noch mächtigstes Land der Welt) ergibt sich, dass die lateinamerikanischen Völker unter wesentlich schlechteren Rahmenbedingungen für ihre Souveränität kämpfen müssen als die Völker Asiens und Afrikas. Das gegenwärtige Schicksal Venezuelas und Kubas sind ebenso wie die rechte Offensive (Shield of the Americas) Ausdruck dieses Souveränitätsdefizits.
Ein zweiter Faktor, unter dem die gesamte Welt zu leiden hat, ist die subjektive Verfasstheit der westlichen Eliten. Dies fängt bei der Person von Donald Trump an, führt über das irrationale Verhalten der europäischen Eliten bis zu den transhumanen Phantasien der westlichen Hightech-Oligarchen. Diese Mischung aus Hybris und Angst vor dem Abstieg wurzelt im realen Niedergang des Westens. Dieser zeigt sich in einer doppelten Krise – in der Hegemonialkrise der USA und im Ende der 500jährigen Dominanz des Westens. Um ihren Niedergang zu kompensieren, flüchten sich die westlichen Eliten in immer abenteuerlichere Narrative, die selbst den Ausbruch eines dritten Weltkrieges in Kauf nehmen. Die Fokussierung des imperialen Umbaus im Zeichen der Donroe-Doktrin auf die Westliche Hemisphäre führt im Zusammenwirken mit den oben genannten Faktoren dazu, dass der Souveränitätsverlust und der Grad der Rekolonialisierung in Lateinamerika größer ist als in den übrigen Weltregionen. Dies wird selbst innerhalb der Westlichen Hemisphäre sichtbar, wenn man das Agieren der kanadischen Regierung mit dem vasallenhaften Verhalten der lateinamerikanischen Kompradorenklassen vergleicht.
Drittens spielen die Wirkungsdauer und Intensität des Eurozentrismus eine entscheidende Rolle. Von allen Weltregionen waren die Amerikas dem westlichen Kolonialismus und Neokolonialismus nicht nur am längsten ausgeliefert, sondern wurden von den europäischen Eroberern kulturell und demographisch auch am stärksten durchdrungen. Der englische Siedlerkolonialismus und die aus ihm hervorgegangenen Vereinigten Staaten von Nord-Amerika waren und sind für Schicksal sowohl der indigenen Völker als auch für die Mischbevölkerungen der Amerikas eine besonders harte Last, die den kolonialisieren Völkern Asiens und Afrikas in dieser Form erspart geblieben ist. Strukturell, kulturell und historisch sind die Amerikas viel enger in das westlich zentrierte Weltsystem eingebunden als Eurasien und Afrika. Lediglich Australien ist in dieser Hinsicht – mit Abstrichen – mit den Amerikas vergleichbar.
… aber nicht allein
Zugleich können die Völker Lateinamerikas auf eine mehr als 500jährige Geschichte des antikolonialen und anti-imperialistischen Widerstandes verweisen, die von zwei gegensätzlichen Polen geprägt ist. Auf der einen Seite steht der Untergang ganzer Zivilisationen (Azteken, Maya, Inka). Auf der anderen Seite hat dieser Widerstand eine Identität der (trans-)kontinentalen Solidarität hervorgebracht, die in den beiden großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts – der mexikanischen Revolution von 1910-1940 und der kubanischen Revolution ab 1959 würdige Höhepunkte gefunden hat. Vor diesem Hintergrund sollen die gegenwärtigen Möglichkeiten des lateinamerikanischen Widerstandes gegen die Vereinnahmung durch den US-Imperialismus anhand von vier Länderfällen kurz ausgelotet werden.
Testfall Kuba: Von allen Ländern der Region hat das kubanische Volk unter der Rollback-Politik des US-Imperialismus am meisten zu leiden. An ihm wollen die US-amerikanischen Eliten aus vier Gründen ein Exempel statuieren. Erstens haben die Kubaner es gewagt, unmittelbar vor der Haustür der Vereinigten Staaten eine sozialistische Revolution durchzuführen, die zweitens allen Bemühungen der Konterrevolution widerstanden hat, sie zurückzurollen. Drittens war Kuba seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein Objekt der US-amerikanischen Begierde. Viertens spielen geopolitische Erwägungen immer noch eine zentrale Rolle. Umgekehrt ist Kuba für die Völker Lateinamerikas und der Welt ein Beispiel der internationalen Solidarität und des ungebrochenen Widerstandes gegen das mächtigste Land der Welt. Das jüngste Totalembargo von Trump zielt auf das Erdrosseln des revolutionären Willens der kubanischen Bevölkerung. Um zu überleben, benötigt sie dringend Hilfe von außen. Russland, China, Mexiko und Brasilien gehören zu den wenigen Ländern, die dazu den Mut aufbringen. Im Umkehrschluss ist die Hilfe für Kuba die Messlatte für die Glaubwürdigkeit des Kampfes für eine Welt ohne US-Dominanz.
Testfall Brasilien: Brasilien nimmt aufgrund seines regionalen Gewichts, seiner Mitgliedschaft in der Gruppe der BRICS und der anerkannten Rolle von Lula eine Schlüsselrolle ein. Nur die Wiederwahl Lulas kann ein Abrutschen des größten lateinamerikanischen Landes ins Trump-Lager verhindern. Seinerseits werden Trump und seine Gesinnungsgenossen alles daransetzen, dass Flávio Bolsonaro die Wahlen vom 4. Oktober gewinnt. Ein solches Szenario würde zudem für die ökonomische Machtstellung Chinas sowohl in Brasilien als auch in ganz Lateinamerika eine Herausforderung darstellen.
Testfall Mexiko: Als südlicher Nachbar, Herkunftsland von 11 Millionen Einwanderern ohne Aufenthaltsgenehmigung und Transitzone bzw. Operationsgebiet transnational agierender krimineller Organisationen hat Mexiko eine besondere Bedeutung für die Wirtschaft und die Innenpolitik der USA. Außenpolitisch kann das Land auf eine lange anti-imperialistische Tradition zurückblicken, die jedoch ab 1982 durch die Hinwendung zu den USA (NAFTA) geschwächt und unterbrochen wurde. Unter der Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador (AMLO – 2018-2024) und seiner Nachfolgerin Claudia Sheinbaum hat das Land wieder mehr Eigenständigkeit gewonnen. Mit seiner Kombination aus begrenzten Spielräumen und geschickter Orientierung an den nationalen Interessen weist Mexiko eine gewisse Ähnlichkeit mit Kanada auf.
Testfall Venezuela: Venezuela stellt den bislang größten Erfolg der Donroe-Doktrin dar. Umgekehrt ist es die größte Niederlage des venezolanischen Volkes im Kampf um die Rückgewinnung seiner Souveränität. Auch für Russland und China, die strategische Partnerschaften mit Venezuela aufgebaut hatten, ist es ein herber Rückschlag, den sie hinnehmen mussten. Ihr Verhalten wirft ein Schlaglicht auf die realen Kräfteverhältnisse in der Westlichen Hemisphäre, wo die Donroe-Doktrin die Präsenz von Akteuren, die mit den USA konkurrieren oder ihnen gar gefährlich werden können, untersagt. Die Unterwerfung Venezuelas unter das Diktat der Trump-Administration wirft nicht nur zahlreiche Fragen in Bezug auf die innere Verfasstheit des Chavismo auf. Mit seinem Protektoratsstatus erinnert das Land in starkem Maße an das vorrevolutionäre Kuba. Es bleibt abzuwarten, ob und – wenn ja – welche Klärungsprozesse mit welchen Ergebnissen unter diesen Bedingungen stattfinden werden. So oder so – Venezuela ist und bleibt neben Kuba der entscheidende Testfall für Erfolg oder Misserfolg der Donroe-Doktrin.
Anmerkungen:
[i] Vgl. dazu: Das doppelte Amerika (Teil 3) – Zurück zur „Festung Amerika“? Mit der Donroe-Doktrin gegen den Abstieg (25. Juni 2026, unter: https://quetzal-leipzig.de/lateinamerika/das-doppelte-amerika-teil-3-zurueck-zur-festung-amerika-mit-der-donroe-doktrin-gegen-den-abstieg
[ii] Erste Einschätzungen finden sich anhand der beiden Fälle Venezuela und Iran in meinem Beitrag vom 12. März diesen Jahres. Vgl. dazu: Erst Venezuela, dann der Iran. Die Trump-Doktrin im Praxistest, unter: https://quetzal-leipzig.de/lateinamerika/erst-venezuela-dann-der-iran-die-trump-doktrin-im-praxistest
[iii] Vgl. dazu: Das doppelte Amerika (Teil 1) – Das Imperium der Siedler (3. Februar 2026), unter: https://quetzal-leipzig.de/lateinamerika/das-doppelte-amerika-vom-empire-der-siedler-bis-zum-ehrlichen-imperialismus-des-donald-trump
[iv] Hermsdorf, Volker: Venezuela wird US-Ölkolonie, in: junge Welt, 31. August 2026, S. 1
[v] Ebenda.
[vi] Vgl. DropSiteNews unter: https://x.com/DropSiteNews/status/2088401203805766103
[vii] Vgl. Sabatini, Christopher: Trump’s ‚Shield of the Americas’ coalition is destined to fail, Chatham House vom 9. März 2026, unter: https://www.chathamhouse.org/2026/03/trumps-shield-americas-coalition-destined-fail
[viii] Vgl. Hedrich, Maximilian: Nimmt Lula seinen Hut? Brasilien vor den Wahlen vor dem 4. Oktober. KAS, Länderbericht, September 2026, unter: https://www.kas.de/documents/252038/253252/Nimmt+Lula+seinen+Hut+Brasilien+vor+den+Wahlen.pdf/b77ffe30-99e0-a66b-374a-965e61a8fdcf?version=1.0&t=1788252315904
[ix] Vgl. Foster, John Bellamy: The Trump Doctrine and the New MAGA Imperialism, in: Monthly Review, 77 (June 2025) 2, S. 1-25, auch unter: https://monthlyreview.org/articles/the-trump-doctrine-and-the-new-maga-imperialism/
[x] Vgl. dazu den Podcast von Danny Haiphong mit Larry Johnson und Oberst Lawrence Wilkerson vom 3. September 2026 unter: https://www.youtube.com/watch?v=tH1kFpmbBIs
[xi] Vgl. dazu den Podcast von Alexander Mercouris vom 2. September 2026 unter: https://www.youtube.com/watch?v=W8o-828LPzc
[xii] Zum SCO-Gipfel vgl. unter: https://thediplomaticinsight.com/sco-leaders-sign-bishkek-declaration-27-documents/ sowie Pepe Escobar bei Glenn Diesen: Aufstieg einer postwestlichen Welt beim SCO-Gipfel (3. September 2026), unter: https://www.youtube.com/watch?v=1BF8qWJgT-Y
[xiii] Vgl. The 2026 Eastern Economic Forum – Russia’s Far East Emerges As A New Gateway To Asian Economic Integration: A Complete Event Analysis, unter: https://russiaspivottoasia.com/the-2026-eastern-economic-forum-russias-far-east-emerges-as-a-new-gateway-to-asian-economic-integration-a-complete-event-analysis/
[xiv] Vgl. zum Treffen in Ashville Alexander Mercouris vom 2. September 2026, unter: https://www.youtube.com/watch?v=W8o-828LPzc
[xv] Einen guten Überblick zu den folgenden Punkten gibt Jeffrey Sachs im Podcast von „The Duran“ vom 2. September 2026, unter: https://www.youtube.com/watch?v=z4E7LTIL61E
Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion_soleb; [2, 3] Quetzal-Redaktion_gc