Die aktuelle kubanische Krise ist keine bloße Versorgungskrise, sondern das Resultat einer historisch gewachsenen Strukturkrise, in der ein sozialistischer Staat seine Binnenreproduktion unter Bedingungen einer feindlich dominierten kapitalistischen Weltwirtschaft sichern muss; die neueste US-Blockade verschärft diese Krise, indem sie den Devisenzugang, über den sich Kuba bisher reproduziert hat, systematisch abschneidet.
Die Devisenabhängigkeit Kubas
Der kubanische Staat kann im Inland Preise, Löhne und Verteilung politisch organisieren – er kann aber nicht politisch festlegen, dass Rohöl, Weizen oder Medikamente gegen seine nicht konvertible Staatswährung geliefert werden. Genau hier setzt die strukturelle Abhängigkeit vom Weltmarkt ein: Die Reproduktion der Binnenökonomie hängt von Gütern ab, die nur gegen Weltgeld zu beschaffen sind.
Kuba ist eine Insel, die den Großteil ihrer Energie, ihrer Nahrungsmittel, Maschinen und Medikamente importiert, den Tourismus auf internationale Besucher angewiesen hat und auf Geldüberweisungen aus dem Ausland angewiesen ist. Selbst wenn Kuba politisch souverän ist – wirtschaftlich muss es sich in einem System beweisen, dessen Regeln von Kapitalismus und US-Dominanz gesetzt werden.
Historische Devisenquellen und ihre Abfolge
Die Sowjetunion als erste Abfederung
Durch die Einbindung Kubas in den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und den Handel mit der Sowjetunion hatte Kuba einen privilegierten Zugang zu Energie, Absatzmärkten und Importen. Die Sowjetunion lieferte jährlich bis zu 13 mio. Tonnen Öl, wovon Kuba nicht alles für die eigene Versorgung brauchte und somit einen Teil auf dem Weltmarkt gegen Devisen verkaufen konnte. Im Gegenzug lieferte Kuba Zucker, zu Vorzugspreisen.[i] Der Außenhandel funktionierte damit unter Bedingungen, die der Insel wesentlich günstigere Möglichkeiten boten, ihre Binnenwirtschaft zu reproduzieren. Kuba musste die Schwierigkeiten zwischen seiner sozialistischen Binnenökonomie und dem kapitalistischen Weltmarkt nicht in derselben Härte praktisch lösen, weil die Sowjetunion einen großen Teil dieser Devisenversorgung übernahm. Die Gründe, warum sie dies taten sind bekannt, neben der Unterstützung sozialistischer Bruderstaaten waren es geopolitische Interessen.
Der Zusammenbruch und die Doppelwährung
In den 90ern, durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, fiel diese Unterstützung plötzlich weg. Das Devisenproblem wurde hier erstmals dramatisch, da vorher mindestens 80% der Importe aus der Sowjetunion kamen, Kuba nach wie vor auf darauf angewiesen war und die Importe nun vom Weltmarkt beziehen mussten.[ii]
Und hier kam die Doppelwährung ins Spiel. Diese war der Versuch, die notwendige Einbindung Kubas in den Weltmarkt mit der staatlich organisierten Binnenwirtschaft bearbeitbar zu machen, ohne die Binnenwirtschaft vollständig den Bedingungen des Marktes zu unterwerfen. Ab den 90er Jahren existierten zwei Währungen nebeneinander: der CUP (Peso Cubano) für staatliche Löhne und Binnenpreise, und der CUC (Peso Convertible), mit einem staatlich festgelegten Wechselkurs von 1:1 an den US-Dollar gekoppelt, für Tourismus, Importwaren und Devisentransaktionen.
Dieses System stabilisierte kurzfristig die Versorgung, indem es Devisenzuflüsse aus Tourismus, Schwarzmarkt und Überweisungen kanalisierte. Langfristig erzeugte es jedoch fundamentale Verzerrungen. Export wurde systematisch unterbewertet, Import systematisch überbewertet. Die Folge: Der Staat musste die entstehenden Verluste decken, während Unternehmen weder effizient noch konkurrenzfähig werden konnten.[iii]
Venezuela als zweite Abfederung
Mit Chávez bestand erneut die Möglichkeit, einen Teil der drängenden Notwendigkeit, Devisen unter den Bedingungen des Weltmarktes zu beschaffen, wieder durch eine politisch organisierte Form des internationalen Austauschs abzufangen. Auch dies bedeutete keine Aufhebung der grundsätzlichen Problematik. Kuba blieb auf Importe und damit auf die Einbindung in den internationalen Handel angewiesen. Aber die Beziehungen zu Venezuela schufen eine Form der Unterstützung, durch die sich die unmittelbare Abhängigkeit vom Weltmarkt erneut verringerte. „Auf der Grundlage eines Kooperationsabkommens zwischen Kuba und Venezuela sind mehr als 25.000 kubanische Ärzte, Arzthelfer und Krankenschwestern nach Venezuela gekommen, die die Bevölkerung kostenlos behandeln. Im Gegenzug liefert Venezuela 100.000 Barrel Öl täglich nach Kuba.“[iv] Kubas Ölbedarf wurde somit gedeckt und darüber hinaus konnten sie, wie zu Sowjetzeiten, einen Teil des Öls auf dem Weltmarkt gegen Devisen weiterverkaufen. Das brachte ihnen zwischenzeitlich bis zu 500 mio. Dollar jährlich ein.[v]
Mit der venezolanischen Krise fiel auch diese Form der Unterstützung zunehmend weg. Die Devisenknappheit verschärfte sich erneut, der Abstand zwischen staatlich festgelegten Wechselkurs und dem informellen Kurs wurde immer größer.
Die Währungsreform und ihre Grenzen
Die Währungsreform von 2020/21, bekannt als tarea ordenamiento, zielte nicht darauf ab, materielle Knappheit zu beseitigen. Ihr Ziel war die Überwindung der Entfremdung des Geldsystems von der realen Wirtschaft. Die multiplen Wechselkurse und die Doppelwährung hatten dazu geführt, dass Preise, Kosten und Gewinne ihre orientierende Funktion verloren. Exporte erschienen unrentabel, Importe künstlich günstig, die Effizienz von Betrieben war kaum mehr messbar.[vi]
Doch die Reform konnte nur die Buchungsweise ändern, nicht die materiellen Bedingungen. Sie legte offen, was das Doppelwährungssystem jahrzehntelang verdeckt hatte: dass kubanische Staatsbetriebe unter Bedingungen von Devisenmangel, Importabhängigkeit und fehlender Konkurrenzfähigkeit kaum tragfähig waren. Die Preise stiegen, die Kaufkraft der Löhne brach ein, das Vertrauen in den Peso erodierte. Statt einer Stabilisierung trat eine neue Phase der Krise ein.
Die aktuelle Krise: Von Corona zur Blockade
Die Eskalation 2020-2025
Die tarea ordenamiento startete im Januar 2021 mit der Abschaffung des CUC und der Wiederherstellung eines einheitlichen Geldsystems. Doch die Reform traf auf eine Wirtschaft, die gerade durch COVID-19 ihren wichtigsten Devisenbringer verloren hatte: Der Tourismus, der 2018 noch ca. 2,9 Milliarden Dollar eingebracht hatte,[vii] brach praktisch vollständig weg. Venezuela als zweiter wichtiger Partner war durch eigene Krisen kaum noch in der Lage, Kuba mit Energie und anderen Gütern zu versorgen.
Die Folge: Die Reform machte die zugrunde liegende Krise sichtbar, anstatt sie zu lösen. Die offizielle Inflation lag bei 77 Prozent, Schätzungen gehen aber von 174 bis 700 Prozent aus. Der Peso verlor massiv an Wert – von 40 pro Dollar im Januar 2021 auf 340 im April 2024.[viii] Das Vertrauen in die Währung erodierte, stattdessen setzte sich eine Re-Dollarisierung durch.
Die Situation verschärfte sich durch mehrere sich gegenseitig verstärkende Faktoren. Die venezolanische Krise entzog Kuba einen weiteren wichtigen Partner. Die US-Sanktionen, die unter Trump verschärft und von der Biden-Administration weitgehend beibehalten worden waren, blockierten Finanztransaktionen, erschwerten Importe und verhinderten Investitionen. Die Energieversorgung wurde prekär, Stromausfälle häuften sich. Die kubanische Wirtschaft geriet in einen Teufelskreis: Ohne Devisen keine Importe, ohne Importe keine Produktion, ohne Produktion keine Exporte, ohne Exporte keine Devisen.
Die qualitative Verschärfung: Ölblockade und extraterritoriale Sanktionen
Die Blockade erreichte 2025 eine neue Qualität. Die USA begannen, gezielt die Energieversorgung Kubas anzugreifen. Die sogenannte Ölblockade verhinderte, dass Kuba überhaupt noch Treibstoff importieren konnte – weder direkt aus Venezuela noch über Drittstaaten. Gleichzeitig wurden Sanktionen gegen alle Unternehmen verhängt, die Geschäfte mit kubanischen Staatsunternehmen tätigten. Die extraterritoriale Anwendung des Embargos zwang internationale Firmen, Banken und Versicherer zur Wahl: Geschäft mit den USA oder mit Kuba.
Das traf den Kern der kubanischen Wirtschaft. Ohne Treibstoff standen die Kraftwerke still, der öffentliche Verkehr brach zusammen, Krankenhäuser mussten ihre Versorgung einschränken. Ohne internationale Bankverbindungen konnten Importe nicht mehr bezahlt werden. Die Lieferketten kollabierten – mehr als 7000 Container mit Lebensmitteln, Medikamenten und Gütern für die Energie- und Wasserversorgung steckten fest.[ix] Mit dem schrittweisen unter Druck setzen von Ländern, die kubanische medizinische Dienstleistungen in Anspruch nehmen und Kuba 2024 noch 6,4 Milliarden Dollar einbrachten soll auch die letzte maßgebliche Devisenquelle zum Erliegen kommen.[x]
Die Reformen von 2026 und ihre Blockade
Unter diesen Bedingungen verabschiedete die Regierung im Juni 2026 das Maßnahmenpaket mit 176 Reformen. Präsident Díaz-Canel begründete dies mit der historischen Verantwortung, das Land zu retten. Die Maßnahmen sehen mehr Markt, mehr Autonomie für staatliche Unternehmen, mehr Raum für Privatkapital und mehr Öffnung für ausländische Investoren vor.[xi]
Doch die Maßnahmen stehen unter einem Vorbehalt, der ihre Wirksamkeit von vornherein einschränkt. Wie Kuba-Experte Marcel Kunzmann betont, „können viele Reformen erst richtig greifen, wenn sich die äußeren Umstände ändern – sprich, wenn die USA ihre Sanktionen zurückfahren, oder befreundete Länder ihre Unterstützung im Energiebereich ausweiten (können).“ [xii] Ohne Treibstoff und Strom erscheint die Krise als unlösbar.
Die US-Regierung intensiviert unterdessen den ökonomischen Würgegriff. Die verschärften Sanktionen führen zu einem eklatanten Treibstoffmangel, der Handel, Tourismus und Gesundheitsdienstleistungen praktisch zum Erliegen bringt. Die Blockade greift nicht punktuell einzelne Sektoren an, sondern klemmt die Lebensader ab, über die sich die Kuba reproduziert.
Die Folgen sind dramatisch. Im Januar 2026 brach die Effizienz des kubanischen Staatssektors auf 41,1 Prozent ein. Innerhalb von zwölf Monaten schrumpften die Verkäufe staatlicher Betriebe um fast ein Drittel, der Brennstoffverbrauch um 38 Prozent, die Steuerbasis kollabierte um mehr als 60 Prozent. Die Inflation beschleunigte sich weiter, die Kaufkraft der Löhne brach ein. Der kubanische Staat verliert zunehmend die Fähigkeit, seine eigene Wirtschaft zu erfassen und zu steuern – nicht wegen eigener Unfähigkeit, sondern weil die materiellen Bedingungen seiner Reproduktion systematisch zerstört werden.[xiii]
Die ewige Devisenabhängigkeit Kubas macht sich das Imperium also zu Nutze, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen (National security strategy 2026), und das „Zentrum des Kommunismus im 21. Jahrhundert“ (Marco Rubio) endgültig und notfalls auch mit militärischen Mitteln zu beseitigen, während Havanna seine Bevölkerung dem antiimperialistischen Kampf verpflichtet.
Anmerkungen:
[i] http://www.spiegel.de/politik/hohes-risiko-a-e9344c12-0002-0001-0000-000013679323
[ii] cubaheute.de/2013/11/03/das-ende-des-dualen-wahrungssystems-in-kuba-teil-1/
[iii] Ebd.
[iv] http://www.bpb.de/themen/mittel-suedamerika/lateinamerika/44908/pdvsa/
[v] https://www.spiegel.de/politik/hohes-risiko-a-e9344c12-0002-0001-0000-000013679323
[vi] www.cubaheute.de/2013/11/03/das-ende-des-dualen-wahrungssystems-in-kuba-teil-1/
[vii] www.indexmundi.com/facts/cuba/indicator/ST.INT.RCPT.CD?utm_source
[viii] www.perfilesycapacidades.javeriana.edu.co/es/publications/cubas-monetary-reform-and-triple-digit-inflation/
[ix] www.amerika21.de/2026/08/289206/kuba-7000-container-blockiert
[x]www.oas.org/en/iachr/reports/pdfs/2026/informe_misiones_medicas_cuba_en.pdf?utm_source
[xi] www.jungewelt.de/beilage/art/525557
[xii] www.cubaheute.de/2026/07/05/gradualismus-big-bang-chancen-risiken-kuba-reformen-analyse/
[xiii] https://www.onei.gob.cu/sites/default/files/publicaciones/2026-07/indicadores-seleccionados-mayo-2026.pdf
Bildquelle: [1] Quetzal-Redaktion, gc; [2] Quetzal-Redaktion, bt