Im Trüben fischen
Am 22.4.1970 gingen in den USA mehr als zwanzig Millionen Menschen auf die Straßen, um ihrem kollektiven Unmut über die zunehmende Umweltverschmutzung durch Pestizide, Smog, Ölunfälle u. a. eine gemeinsame Stimme zu verleihen und ihren starken Willen, gegen die anthropogene Umweltzerstörung vorzugehen, öffentlich zu demonstrieren. Dieser erste „Earth Day“ markierte den Beginn der modernen globalen Ökologiebewegung. Das Buch der US-Zoologin Rachel Carson „Der stumme Frühling“ (1962) gilt als das Manifest der Protestierenden. Unter international anerkannten Wissenschaftlern herrschte früh allgemeiner Konsens darüber, dass die kommende große Bedrohung für den Planeten die Erderwärmung sein würde. Der britische Visionär James Graham Ballard hatte bereits 1962 in seinen Dystopien „Die Dürre“ und „Die Flut“ äußerst bedrückende Schreckensbilder einer Zukunft gezeichnet, die in unserer Gegenwart in erschütterndem Ausmaß Realität geworden sind. Die meisten Mahnungen waren indes ungehört geblieben.
Um die Jahrhundertwende bildete sich angesichts des immer rasanter fortschreitenden Klimawandels zunächst in den USA und Großbritannien als eine neue Subgattung des Romans die sogenannte Klimafiktion heraus, zu deren Wegbereiter(inne)n neben dem bereits genannten J. G. Ballard der Brite John Brunner sowie aus den USA Ernest Callenbach, David Brin, Ursula K. Le Guin und Octavia Butler u. a. zählen. Der Begriff Climate Fiction, kurz: Cli-Fi, geht auf den US-amerikanischen Umweltaktivisten Dan Bloom zurück, der diesen Ende der Nullerjahre prägte. Klimawandel-Narrative thematisieren die existentielle Bedrohung der Menschheit durch die Klimakrise sowohl in Utopien als auch in Dystopien (Öko-Horror) und kritisieren den in Form von rücksichtslosem Extraktivismus ausgeübten und in letzter Konsequenz zerstörerischen Raubbau an den Naturressourcen, zeigen aber auch andere Facetten der Thematik auf wie Ökoterrorismus, Klimakapitalismus und als Resultat die unterbleibende Umweltpolitik bis hin zur totalen Leugnung der globalen Erwärmung. Die US-amerikanische
Literaturkritikerin und Autorin der monatlichen Kolumne „Burning Worlds“ Amy Brady bringt den Klimawandel auf folgende kurze, schmerzhafte Formel: „Er verbrennt unsere Wälder, überflutet unsere Häuser, verwüstet unsere Seelen und zerstört unsere Atemluft.“
Prominente Cli-Fi Autor(inn)en seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind in den USA Kim Stanley Robinson, die Pulitzer-Preisträger(innen) Barbara Kingsolver und Richard Powers, Paolo Bacigalupi sowie T. C. Boyle, in Großbritannien Ian McEwan und Megan Hunter, in Kanada Margaret Atwood u. a.
Auf dem Buchmarkt Südamerikas hat die literarische Ökokritik im letzten Jahrzehnt Fuß fassen können. Während in den hochindustrialisierten Ländern die Verursacher der Umweltschäden mehrheitlich aus den eigenen Reihen stammen, wird das ökologische Gleichgewicht auf dem südamerikanischen Teilkontinent fast ausschließlich extern, d. h. von ausländischen Konzernen durch eine exzessive, rein exportorientierte Rohstoffgewinnung sowie eine massiv betriebene industrielle Landwirtschaft und Viehzucht aus
dem Lot gebracht.
Zeitgenössische lateinamerikanische Umwelt- und Klimaromane unterscheiden sich von den US-amerikanischen und europäischen im Wesentlichen dadurch, dass sie, um Umweltkrisen (be)greifbar zu machen, in der Tradition des magischen Realismus die ökologische Wirklichkeit mit alten Mythen zu einem neuen Ganzen verschmelzen lassen. Zu den wichtigsten Autor(inne)n zählen u. a. Fernanda Trías aus Uruguay, Andrea Chapea aus Mexiko, Renan Bernardo
aus Brasilien, die Argentinierinnen Samantha Schweblin, Alejandra Bruno und Claudia Aboaf, in deren „Wassertrilogie“ (Trilogía del agua, 2024) die Verknappung dieser überlebenswichtigen Ressource das zentrale Thema ist. In dem magisch-realistischen Roman „Die Stimmen des Yucumã“ (Água turva, 2024) der Brasilianerin Morgana Kretzmann ist die heimliche Hauptfigur der Río Uruguay. In der Überlieferung – so Kretzmann in ihrem Text „Wir alle sind schuld“ (2026) – war der Uruguay „ein heiliges Wesen namens Omí Yeyeôô“, welches „einmal einem einzigen Land angehört haben“ soll: „Die unterschiedlichen Völker […] lebten in Harmonie miteinander. Jedes Volk hatte seine eigenen Glaubensvorstellungen, aber alle glaubten an den Segen des Wassers des Uruguay.“ Diese Idylle fand ihr jähes Ende, als ein Fremder mit seinem riesigen Schiff das Flusswasser vergiftete und die Lebewesen im Umland zu Tode kamen oder von dort flüchteten. Jahrhunderte später erschien Omí Yeyeôô in der Gestalt eines Jaguars, tötete aus folgenschwerer Unbedachtheit zwei Menschen, aber durch die Tränen der hinterbliebenen Waisenkinder füllte sich der frühere Fluss wieder mit Wasser, in dem der von Reue geplagte Jaguar sein Leben ließ. Dies war die Stunde der Wiedergeburt des für Lateinamerika so wichtigen Wasserlaufs Río Uruguay. In der Gegenwart ist er akut bedroht durch vernachlässigten Umweltschutz, wie die Abholzung der Wälder in den Ufergebieten, unbehandelt eingeleitete Abwässer, die Pflanzengifte, Treibstoffe, Motoröle u. a. enthalten sowie durch institutionelle Korruption auf allen Ebenen.
Der Kern der Handlung basiert auf den realen, in Brasilien äußerst umstrittenen Plänen am Río Uruguay die Stauanlage Garabi-Roncador mit angeschlossenem Wasserkraftwerk zu errichten, da die Gefahr besteht, dass dieses Megaprojekt eine verheerende Umweltkatastrophe auslösen würde. Fiktiver Natur hingegen sind die mythischen Einschübe sowie die auf drei unterschiedlichen Zeitebenen angesiedelten Geschichten der verfeindeten Familien, auf denen ein Fluch zu liegen scheint. Als am Ende das über viele Jahrzehnte gehütete Geheimnis gelüftet wird, gelingt es auch den drei weiblichen Hauptpersonen des Romans ihre persönlichen Befindlichkeiten zu Gunsten der Umwelt ihrer Heimat und der Geschlechtergerechtigkeit zu überwinden, ihre Kräfte zu bündeln, um gemeinsam für Neues für sich und ihr Umfeld zu kämpfen. So endet der mehrstimmige Gesang in „Die Stimmen des Yucumã“ trotz anfänglicher Misstöne schlussendlich in einem hoffnungsvollen harmonischen Miteinander, das eine bessere Zukunft zu versprechen scheint.
Die Mahnung der studierten Umweltmanagerin Morgana Kretzmann, dass in Zeiten der Klimakatastrophe nur durch gemeinschaftliche Anstrengungen den Problemen begegnet werden kann, ist überdeutlich: „Es ist die Schuld von uns allen, und wir hören nicht auf, Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen. Wir alle sind schuld, da wir noch immer unsere Politik, die Gesetzgebung, die Großunternehmen nicht genug in die Pflicht nehmen. Es braucht ein neues Bewusstsein, ein planetares und nicht mehr individuelles Bewusstsein, sowie ein Umdenken in Richtung der Zukunft und künftiger Generationen.“
Morgana Kretzmann
Die Stimmen des Yucumã
Insel Verlag. Berlin 2025
Literatur:
Morgana Kretzmann: Água turva, São Paulo (Companhia das Letras) 2024
Morgana Kretzmann: „Wir alle sind schuld“ (La culpa es de todos nosotros). In: Dossier „Wasser“ (Agua) des Humboldt Magazins, Goethe Institut 2026
Bildquellen: [1] CoverScan; [2-5] Quetzal-Redaktion, cd
