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Zuckerrohrmonokultur verwüstet Steppe am oberen São Francisco

Maria Luísa Mendonça | | Artikel drucken
Lesedauer: 8 Minuten

Cerrado-Steppe bei Contagem (Bild: Agencia Brasil, Elza Fiuza)Die Cerrado-Steppe (gelegen im südöstlich-zentralen Hinterland Brasiliens, Anm. d. Ü.) ist bekannt als „Mutter der Gewässer“, denn sie speist die wichtigsten Wassereinzugsgebiete Brasiliens. Hier befinden sich die Quellgebiete des São Francisco und seiner Zuflüsse (z.B. Samburá, Santo Antônio, Peixe), sowie des (nach Süden fließenden, Anm. d. Ü.) Rio Grande, der in den Paraná mündet. Die Tier- und Pflanzenwelt zeichnet sich durch sehr große Vielfalt aus, doch zahlreiche Gattungen sind vom Aussterben bedroht. Allein im Quellgebiet des São Francisco, dem Canastra-Gebirge, sind über 300 Vogel- und 7.000 Pflanzengattungen bekannt.

Bereits in den 1970er Jahren gab es hier in der Gemeinde Lagoa da Prata (Silberlagune) einen Zuckerbetrieb, der zu großen Teilen dem Großgrundbesitzer und lokalen Machthaber Antônio Luciano gehörte – einem notorischen grileiro (Grundeigentümer auf Basis gefälschter Eigentumstitel, A. d. Ü.). Vor kurzem wurde sein Betrieb vom französischen Unternehmen Louis Dreyfus erworben, das den Zuckerbetrieb auf die Herstellung von Ethanol umfunktionierte. Seit 2006 beteiligen sich weitere Unternehmen an der Expansion der Zuckermonokultur in der Region – mit verheerenden Auswirkungen.

Auf dem ehemaligen Betrieb von Antonio Luciano wurde – ohne offizielle Genehmigung und ohne Fachgutachten – sogar der Lauf des São Francisco abgeleitet, um den Transport zu erleichtern. Ganz gleich, ob es sich um die Anbau- oder um die Produktionsphase handelt: Die Zuckermonokultur führt immer zur Verdrängung von Nahrungsmittelanbau und Rinderzucht sowie zur Zerstörung von Wald- Schutzgebieten und Uferwäldern. Bei der Anlage neuer Anbauflächen vernichten die Unternehmen die Naturwälder heimlich in der Nacht mittels Brandrodungen, sie fällen die Bäume und vergraben sie, um sie vor der Kontrolle zu verstecken.

„Heutzutage finden wir häufig tote Tiere auf den Straßen tote Tiere, die durch den vernichteten Wald keinen Lebensraum mehr haben: Wölfe, Füchse, Ameisenbären, Fischotter, Waschbären, Gürteltiere, Schlangen, Kormorane, Eulen, Leguane u.a.m. Hinzu kommt das Fischsterben im Fluss, in dem sogar 40 kg schwere tote Fische (etwa der Gattung „surubim“) auftauchen“, sagte Francisco Colares, Professor für Zoologie, Universität Iguatama.

Colares zufolge benutzt der Zuckerbetrieb von Lagoa da Prata das Wasser vom São Francisco für jede Etappe der Produktion, von der Bewässerung über das Auswaschen des geernteten Zuckerrohrs bis hin zur Abkühlung der Kessel. Die entnommene Wassermenge beträgt 500 Liter pro Sekunde, was für die Versorgung der ganzen Gemeinde ausreichen würde.

Das Zuckeranbaugebiet expandiert sehr schnell. Das Unternehmen „Empresa Total“ baut zur Zeit eine Ethanolfabrik in Bambuí, und in der Umgebung sind drei weitere in Planung: zwei in Arcos und eine in Iguatama. Der Zuckeranbau erreicht sogar die Pufferzone zum „Nationalpark Serra da Canastra“ – eine für die Biodiversität höchst bedeutsame Pufferzone nach dem „Atlas da Biodiversidade“.

Zuckerrohranbau Brasilien (Bild: Agencia Brasil, Valter Campanato)„Der Zuckeranbau kommt bis ans Ufer des Stausees, ja fast bis in den Stausee hinein. Sie haben die Umgebung total entwaldet und haben Brandrodung getrieben. Dies ist ein großes Risiko für die ganze Region. Die Bundesanwaltschaft hat das Unternehmen verklagt, und wir hoffen, dass die Fläche bald wieder hergestellt wird und die Verantwortlichen für die Umweltschäden bestraft werden. Die zuständigen Organe müssen unbedingt diese Aktivitäten überwachen, denn die Zuckermonokultur zieht ernsthafte Umweltprobleme nach sich. Für Brasilien müsste ein diversifiziertes Anbausystem oberste Priorität haben“, erklärte Joaquim Maia Neto, Leiter der für den Canastra- Nationalpark zuständigen Umweltbehörde.

Dario Paulinelli, Staatssekretär für Landwirtschaft und Umwelt in der Gemeinde: „Das Unternehmen Louis Dreyfus hat viele Pachtverträge mit den Kleinbauern der Region geschlossen – mit großen Folgen für die Umwelt. Das Unternehmen sprüht das Gift vom Flugzeug aus und trifft damit die benachbarten Bauern sowie die Bevölkerung der umliegenden Städte. Die Zuckerbetriebe fällen gesetzlich geschützte Edelhölzer (Pequizeiro, Gameleira), bauen Zuckerrohr nahe den Flussquellgebieten an und missachten die Umweltgutachten. Viele Tiere sterben aufgrund der Waldvernichtung“.

Dem Kleinbauern Gaudino Correia zufolge lohnt es sich nicht, Pächter zu werden. „Die Verträge belaufen sich auf 12 Jahre und nach diesem Zeitraum hat das Zuckerrohr alles zerstört. Das Unternehmen benutzt für die Bodenbearbeitung schwere Maschinen und verursacht damit Bodenerosion. Danach verbrennen sie das Zuckerrohr, und die Asche setzt sich auf die ganze Umgebung nieder. Ich habe mich geweigert, mein Land zu verpachten, und nun bin ich vom Zuckeranbau umgeben. Hier gibt es kein Land mehr für Ackerbau. Deswegen sind die Nahrungsmittelpreise derart gestiegen. Meine Nachbarn haben aufgehört, Mais, Bohnen, Kaffee und Milch zu produzieren, weil sie ihr Land an das Unternehmen Empresa Total verpachtet haben. Noch baue ich Mais und Bohnen an und behalte meinen Milchbetrieb. Doch für den Produzenten sind die Verkaufspreise nicht gestiegen. Die höheren Preise bleiben nur beim Vermittler und belasten die Konsumenten. Noch arbeitet mein Milchbetrieb wirtschaftlich, weil ich das Futter selbst herstelle. Müsste ich es kaufen, so würde kein Einkommen übrig bleiben. Die Futterpreise sind um 50% gestiegen, deshalb wird auch die Tierzucht schwierig“.

Kleinbauer Sebastião Ribeiro nimmt in ähnlicher Weise Stellung: „Das Unternehmen hat mich zur Verpachtung gedrängt, doch ich blieb beim Nein. Meine Nachbarn haben ihr Land verpachtet und sind nun ganz verzagt, weil dies einem Verlust von Land gleichkommt. Was wird geschehen, wenn die Bauern den Nahrungsmittelanbau aufgeben?“ Ribeiro weist darauf hin, dass der Zuckerbetrieb für die Bewässerung das Wasser vom São Francisco nutzt.

Experten machen darauf aufmerksam, dass es keine wirksame Kontrolle der sozialen und ökologischen Auswirkungen gibt. „Der Staat müsste den Schutz der Quellgebiete der Flüsse zur obersten Priorität machen. Denn es ist so, als würde man die Venen zerstören, die das Blut zum Herzen leiten. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft wird aufgrund des explosiv expandierenden Zuckeranbaus verschwinden, und es kann zu Nahrungsmittelmangel kommen“, behauptet Lessandro Costa, Leiter des Umweltvereins vom Oberlauf des São Francisco.

Zwar werben die Unternehmen mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und mit ihrem Beitrag zur Entwicklung, doch lokale Organisationen prangern die Tatsache an, dass die Zuckerbetriebe weder Arbeits- noch Umweltgesetze einhalten. „Sie verwenden starke Gifte, die die Gesundheit der Bevölkerung und der Arbeiter angreifen. Wo früher Mais, Bohnen, Kaffee und andere Nahrungsmittel angebaut sowie Milch produziert wurden, gibt es heute nur noch Zuckerrohr. Es gibt keinen Kredit für die Kleinbauern, aber die Banco do Brasil hat Geld im Überfluss für die Förderung von großen Zuckerbetrieben, die die Cerrado-Steppe und Amazonien zerstören“, erklärt Carlos Santana, Berater der Landarbeitergewerkschaft von Bambuí.

Er erläutert, dass „es hier zwar Arbeit gibt, aber doch nur eine körperliche. Von überall her kommen die Arbeiter, um sich bei der Zuckerrohrernte zu verdingen, und die Mieten sind stark gestiegen. Das öffentliche Gesundheitswesen kann den Ansturm nicht mehr bewältigen. Und weil die Erntearbeiter nach ihrer Produktion bezahlt werden, ist Ausbeutung die Folge. Viele werden krank und können nicht mehr arbeiten“.

Abholzung (Agencia Brasil)Der Vorsitzende der Landarbeitergewerkschaft von Lagoa da Prata, Nelson Rufino, klagt den Zuckerbetrieb an, weil er „eine große Zerstörung der Umwelt verursacht. Der unternehmenseigene Bagger reißt die Bäume ab und begräbt sie, um das Umweltverbrechen zu verstecken. Das Abwasser aus der Bagasse (vinhoto, faserige Masse, die bei der Verarbeitung von Zuckerrohr abfällt, Anm. d. Red.) wird zwar in Kanäle geleitet, doch nur 50% davon haben vorschriftsmäßig eine Betonschicht, sodass 50% des vinhoto versickern oder in die Flüsse eingeleitet werden. Wir nennen dieses Abwasser ‚Stinkwasser ‚“.

Ein Großteil der Erntearbeiter besteht aus Migranten und ist deshalb in besonderem Maße Ausbeutung und Vorurteilen ausgesetzt. Ihre Unterkunft in Lagoa de Prata wird „Carandiru“ genannt. Nach Rufino hat sich die „Situation für die Arbeitnehmer verschlechtert, weil wir Einkommenseinbußen erlitten haben. Letztes Jahr haben wir einen 45-tägigen Streik durchgeführt, um eine Lohnsteigerung von R$ 2,50 (= € 0,986) auf R$ 2,80 (€ 1,105) je Tonne geschnittenen Zuckerrohrs durchzusetzen. Das Unternehmen versucht, uns zu kriminalisieren und verklagt deshalb die Gewerkschaft“.

Des weiteren versucht das Unternehmen die Arbeitnehmer dadurch gefügig zu machen, dass es sie in Leistungsgruppen je nach Zielmenge geschnittenen Zuckerrohrs einteilt. Wer das Soll nicht erfüllt, wird in der kommenden Erntezeit nicht mehr eingestellt. Wer die Höchstmenge erreicht, wird in die Gruppe der „Stiere“ aufgenommen, die täglich zwischen 17 und 25 Tonnen Zuckerrohr schneiden. Viele davon mussten aus Gesundheitsgründen der Arbeit fernbleiben und werden nun „kranke Kälber“ genannt.

Der ehemalige Vorsitzende der Landarbeitergewerkschaft von Bambuí, Moacir Gomes, schließt daraus, dass „Präsident Lula die Wirklichkeit nicht kennt. Wie kann er sagen, dass das Zuckerrohr den Nahrungsmittelanbau nicht verdrängt hat? Die Zuckerbetriebe sind dabei, Elend zu bringen und auf den Tischen der Bevölkerung wird es an Nahrungsmitteln mangeln“.

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Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch für KoBra: Gilberto Calcagnotto

Maria Luísa Mendonça ist Koordinatorin der Rede Social de Justiça e Direitos Humanos (Soziales Netzwerk Gerechtigkeit und Menschenrechte).

Dieser Beitrag erschien bereits im April 2009 im Brasilicum Sonderheft zum São Francisco, herausgegeben von der Kooperation Brasilien (KoBra). Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von KoBra.

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Bildquelle:

01. Cerrado-Steppe bei Contagem. Agencia Brasil, Elza Fiúza.
02. Zuckerrohranbau. Agencia Brasil, Valter Campanato.
03. Abholzung. Agencia Brasil, Antônio Cruz.

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