Template: single_normal
Artikel

Arroyo, Marcela – Sinesi, Quique: Reflejos

Gonzalo Compañy | | Artikel drucken
Lesedauer: 8 Minuten

Reflejos – so lautet der eindrucksvolle Titel dieses Albums, das aus der Zusammenarbeit zweier Musiker*innen entstanden ist, die nicht nur einen gemeinsamen Ursprung haben – beide wurden in Buenos Aires, Argentinien, geboren – und ein ähnliches Schicksal teilen – sie leben seit mehreren Jahren in Europa, sondern auch durch die gleiche Leidenschaft für die Musik verbunden sind. Und genau das beweisen die Sängerin und Komponistin Marcela Arroyo sowie der Gitarrist und Komponist Enrique Quique Sinesi auf diesem neuen Album. Dank der Mitwirkung des Trompeters Markus Stockhausen wird aus dem Duo zeitweise ein Trio. Reflejos umfasst elf Titel und einen Bonustrack. Darauf wechseln sich hauptsächlich Kompositionen beider Argentinier ab, ergänzt durch Stücke aus dem Repertoire der argentinischen Volksmusik.

Beginnend mit „Danza sin fin“, einem Walzer aus der argentinischen Küstenregion, lädt uns das Album ein, in Stimmung zu kommen und uns auf das vorzubereiten, was noch kommen wird – ein herzlicher Abend, der sich bereits in den ersten Takten von Sinesi andeutet. Dieses Stück, das der Gitarrist bereits 1998 auf seinem gleichnamigen Album im Duett mit dem Pianisten Carlos Aguirre veröffentlicht hatte, inspiriert Arroyo dazu, es mit einem wunderschönen Text zu ergänzen. Der darauffolgende Titel „Tu olvido“ ist eine Originalkomposition, die aus der Zusammenarbeit des Duos hervorgegangen ist. Es handelt sich um eine kleine Suite mit Tango-Anklängen, in der Arroyo bereits im ersten Takt in Erscheinung tritt und einen tiefgründigen Text vorträgt. Durch Wechsel in Rhythmus und Tempi beschreibt die Musik verschiedene Stimmungen, die – bereits auf der Ebene der Abstraktion – die Sängerin schließlich dazu bringen, eine aufsteigende Melodie im Stil Piazzollas zu summen, die schließlich in einem abrupten Ende gipfelt. Damit wird ein nahtloser Übergang zu „Reflejos nocturnos“ (Sinesi) geschaffen, denn es handelt sich um ein Stück mit einem Rhythmus, bei dem die unbetonten Taktzeiten „scharf“ betont werden – sogenannte Synkopen –, was uns sehr an den neuen Tango des großen Bandoneonisten erinnert. Nach einer ersten Runde, in der Arroyos summende Stimme auf einer perkussiven Basis das melodische Thema vorstellt, setzt Stockhausens Trompete ein, und dann gibt es buchstäblich kein Halten mehr. Hier beginnen sich wunderschöne Melodien im Kontrapunkt zu verflechten, und es sind Improvisationen des Trios über diesen „Mikrotango“ von Sinesi zu hören, der ursprünglich auf seinem Album Corazón sur (2019) veröffentlicht wurde.

Das Stück „Abrazo“, welches Arroyos Feder stammt, ist eine langsame Ballade mit Milonga-Charakter. Ursprünglich auf dem Album De par en par (2021) erschienen, auf dem Arroyo von einem hervorragenden Quartett begleitet wird, unterstreicht das Arrangement für Duo die im Gedicht zum Ausdruck kommende Intimität noch stärker. Dieser Text mit einem gewissen brieflichen Charakter vermittelt die vielschichtige Zerrissenheit derer, deren geliebte Menschen in anderen Teilen der Welt leben. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die beiden folgenden Stücke Werke der argentinischen Volksmusik sind, um die Fernwehgefühle zu lindern.

Einerseits „Niebla del Riachuelo“, ein Tango von Juan Carlos Cobián und Enrique Cadícamo, der im Repertoire der Region um den La Plata nicht fehlen darf und gerade deshalb eine Herausforderung für seine Interpreten darstellt, da nicht zuletzt die Gefahr besteht, in Klischees zu verfallen. Hier ist genau das Gegenteil der Fall: Es wird ein originelles Arrangement präsentiert, bei dem ein Intro, das an „Buenos Aires Hora Cero“ erinnert, die Grundlage für eine außergewöhnliche Gesangsdarbietung von Arroyo und die Entfaltung reichhaltiger harmonischer Variationen und rhythmischer Wechsel durch Sinesi bildet. Zum anderen „Si llega a ser tucumana“, eine Zamba des unvergesslichen Komponisten und Pianisten Gustavo Cuchi Leguizamón (mit Lyrics des Dichters Miguel Ángel Pérez). Hier schließt sich Stockhausen nach einer kurzen melodischen Einleitung von Sinesi schnell an, um das Hauptthema vorzustellen. Nach dem Einsatz von Arroyo und der Darbietung der ersten Strophe schließt sich Stockhausen im Refrain wieder an und bleibt, um gemeinsam mit Sinesis Gitarre eine instrumentale Improvisation zu liefern. Im zweiten Teil des Stucks bleibt das Trio bestehen, und der Trompeter hat die Freiheit, kontrapunktisch zur Gesangsmelodie weiterhin zu improvisieren. Das Ergebnis ist eine wunderschöne Interpretation dieser Komposition von Leguizamón. Es sei darauf hingewiesen, dass Sinesi diesem innovativen Komponisten auf zwei Alben Tribut zollte (Cuchichiando. Leguizamón x Sinesi, 2010; und Cuchichiandos. Leguizamón x Sinesi – Vol. II, 2016). Auf Letzterem ist ein weiteres Trio-Arrangement des besagten Stückes zu hören, ebenfalls im Trio mit Mario Gusso (Percussion) und Matías González (E-Bass). Auch Arroyo hatte ihrerseits Werke von Leguizamón aufgenommen, so zum Beispiel „Cantora de Yala“ auf dem Album Tres mil uno (2016) – ebenfalls im Trio-Format, zusammen mit Andreas Engler (Geige) und Daniel Schläppi (Kontrabass). Neben der hohen Qualität und der interpretatorischen Wärme von Arroyo und Sinesi ist es ein Vergnügen, Stockhausen beim Improvisieren zuzuhören – was dem Komponisten zweifellos gefallen hätte.

„Candombe del arco iris“ ist ein weiterer Titel, der ursprünglich von Sinesi komponiert und durch die Poesie von Arroyo ergänzt wurde. Wie der Songtitel bereits andeutet, handelt es sich um ein Stück im Candombe-Tempo, einem Rhythmus aus dem bereits erwähnten La Plata-Gebiet, in dem sich beide Musiker*innen mit großer Leichtigkeit bewegen – was sich wiederum in ihrer Symbiose zeigt, selbst wenn Sinesis Gitarre komplexe Harmonien und wechselnde Tempi spielt. Wer neugierig ist und eine weitere Bearbeitung dieses Stücks hören möchte, findet sie auf den Alben Cuentos de un pueblo escondido (2005) als Solo-Gitarre sowie auf Mahagoni (2017) zusammen mit Fabiana Striffler an der Geige. Im Gegensatz zu diesem letzten Arrangement entschieden sich Arroyo und Sinesi hier für ein Andante-Tempo, das es der Sängerin ermöglicht, ein großartiges Gesangsarrangement zu entfalten. „Latir“, ein Werk, das aus der Zusammenarbeit der drei im Studio anwesenden Künstler*innen entstand, ist ein Stück, in dem Arroyos Melodielinie mit einer gewissen Melancholie über Sinesis Arpeggien schwebt. Diese Atmosphäre wird einige Takte später durch Stockhausens Flügelhorn noch verstärkt, bevor das Trio im Fade-out verklingt. Der Wiederaufschwung erfolgt mit „Milonga por tu ausencia“, einer weiteren Komposition Arroyos, in der das Milonga-Tempo zeitweise Bossa-Anklänge annimmt. In diesem Stück, in dem sich zwei Gitarren miteinander verweben, kommen erneut Arroyos stimmlicher Ausdruck und Sinesis enormes Gespür für die richtigen Töne zum Vorschein. Ähnliches zeigt sich auch in „Terruño“, einem weiteren Titel, der ursprünglich aus der Feder von Sinesi als Instrumentalstück stammte und Arroyo zu einem Text inspirierte. In diesem Stück, das wohl Optimismus vermittelt, kommt ein weiterer Rhythmus der südamerikanischen Volksmusik zum Ausdruck, die Tonada. Eine weitere Bearbeitung dieses Stücks lässt sich auf dem bereits erwähnten Album Mahagoni finden, dem durchaus empfehlenswerten Instrumentalalbum, das gemeinsam mit der deutschen Mandolinistin entstand.

Im Stück „Alas desplegadas“, einer aus der Zusammenarbeit zwischen Quique Sinesi und Guadalupe Gómez ergebenden Titel, hebt uns die Musik durch den Einsatz von Arpeggien und Obertönen schnell in den Himmel empor, wo sich rasch die Melodielinie der Trompete entfaltet, gefolgt von Arroyos summender Melodie. Nach dieser Einführung kündigt ein rhythmischer Wechsel den Einsatz der vielfältigen Stimme der Sängerin an. Auch hier spielt das Flügelhorn eine zentrale Rolle, indem es hier und da bestimmte Phrasen hervorhebt und Melodien über den harmonischen und rhythmischen Variationen von Sinesi improvisiert. Es sei daran erinnert, dass der Trompeter dieses wunderbare Werk zuvor bereits im Duo mit Sinesi auf dem Album Color cielo (2012) aufgenommen hatte. Der Komponist seinerseits hatte es gemeinsam mit Marcelo Moguilevsky am Saxophon auf dem Album Sólo el río (2006) – einem ihrer gemeinsamen Projekte – der Öffentlichkeit vorgestellt. Das bislang instrumentale Stück hatte im Rahmen der Arbeiten für das Album Canción hacia vos (2014), das aus der Zusammenarbeit von Sinesi mit Gómez entstand, einen Text bekommen. Nach dem schweren, offenen Akkord, mit dem dieses „Alas desplegadas“ endet und wiederum das Repertoire abschließt, erklingt erneut das Eröffnungslied des Albums – wie ein Spiegelbild. In dem als Bonustrack angegebenen „Danza sin fin – Radio Edit“ präsentieren die Musiker*innen ein etwas lebhafteres, weniger melancholisches Arrangement, in dem ein durchaus präzises Solo von Sinesi und die perkussiven Arrangements von Arroyo hervorstechen, bevor sich die Melodie verliert und nun endgültig den Schluss besiegelt.

Kurz gesprochen ist Reflejos ein Album, das zwei außergewöhnliche Künstler*innen auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zusammenbringt und die sich stets der Herausforderung gestellt haben, ihre Identität durch ständige musikalische Suche zu entwickeln. Quique Sinesi zeigte diese Haltung bereits Anfang der 1980er Jahre als Mitglied von Dino Saluzzis Band und stellte sie seit über 40 Jahren mit einer umfassenden eigenen Diskografie (ausgenommen seine Gastbeiträge) unter Beweis, die sich in mehr als 40 Alben in verschiedenen Besetzungen widerspiegelt. Marcela Arroyo hat ihrerseits in den letzten 15 Jahren ein makelloses Werk veröffentlicht, das sowohl ihre Vielseitigkeit als auch ihren Mut als Komponistin und Interpretin verdeutlicht. Auf „Reflejos“ zeigt sich die Inspiration von Marcela Arroyo und Quique Sinesi sowohl in der individuellen Entfaltung ihrer interpretatorischen Fähigkeiten als auch in der Symbiose, die sich über das gesamte Album hinweg ergibt. Hervorzuheben ist auch die gelungene Tonaufnahme im Studio – was bei der Aufnahme einer Gitarre keineswegs selbstverständlich ist. Ebenso wie in der sorgfältigen Auswahl des Repertoires, in den Entscheidungen bezüglich der Arrangements und der Tempi – und natürlich in dem Raum, der der improvisatorischen Freiheit eingeräumt wird. Gerade in dieser Hinsicht hätte die Einbeziehung des überaus erfahrenen Trompeters Markus Stockhausen nicht treffender sein können – so treffend wie die Entscheidung für dieses großartige Album war, ist und bleiben wird.

 

Marcela Arroyo – Quique Sinesi feat. Markus Stockhausen

Reflejos

Q-rious music, 2026

 


 

Bild: [1] CoverScan

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert