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Paolo Fresu / David Linx / Gustavo Beytelmann: Trama latina

Gonzalo Compañy | | Artikel drucken
Lesedauer: 9 Minuten

Ein italienischer Trompeter, ein belgischer Sänger und ein argentinischer Pianist… Das könnte durchaus der Anfang eines Witzes sein, ist es aber nicht. Tatsächlich hatten Paolo Fresu (Trompete, Flügelhorn und Effekte), David Linx (Gesang) und Gustavo Beytelmann (Klavier) die glückliche Gelegenheit, zum ersten Mal gemeinsam in einem Tonstudio zu arbeiten. Und das ist, wie Sigmund Freud treffend feststellte, eine ebenso ernste Angelegenheit wie der Humor. Aus besagtem Treffen entstand das vorliegende Trama Latina, ein aus zehn Titeln bestehendes Album, dessen Repertoire Arrangements von Werken lateinamerikanischer Komponisten bzw. Songwritern sowie vier Eigenkompositionen umfasst – die zudem hier erstmals veröffentlicht werden.

Gleich zu Beginn des Albums erklingt – quasi als Grundsatzerklärung – der Bolero „Esta tarde vi llover“ des mexikanischen Sängers und Komponisten Armando Manzanero (1934–2020). Die ersten Takte übernimmt Beytelmann, der einfache Arpeggios im Ostinato spielt, zu denen sich schnell das Flügelhorn von Fresu gesellt, bevor Linx die erste Strophe anstimmt. Das Arrangement behält das vom Komponisten bei der ersten Aufnahme 1967 vorgegebene Tempo bei und fügt gleichzeitig harmonische Arrangements am Klavier sowie melodische Elemente an der Trompete hinzu. Beide unterstützen Linx, der mit großer Leidenschaft singt.

In „A falta de um lugar (diáspora)“, einer von Fresu komponierten Ballade mit einem Text des brasilianischen Liedermachers Celso Viafora (*1959), wird die warme Stimme von Linx von Beytelmann begleitet, der auch hier sehr kreative Arrangements beisteuert. Im Zwischenspiel bereitet der Pianist harmonisch den Boden vor, damit Fresu ein wunderschönes Trompetensolo darlegen kann. Unmittelbar danach entfaltet sich „My first love (el primer amor)“, eine Version des Klassikers von Pablo Milanés mit englischem Text. Dabei bleibt Linx bei der ursprünglichen Phrasierung, die der kubanische Liedermacher auf dem Album Proposiciones (1988) eingespielt hat, weitgehend. Auch Beytelmann und Fresu behalten hier das ursprüngliche Tempo bei, entwickeln jedoch sowohl in der Begleitung als auch im Instrumentalpart eine harmonische Struktur, die nicht nur sehr präzise, sondern auch deutlich wärmer ist und einen Kontrast zu den ursprünglich verwendeten Synthesizern und anderen elektronischen Instrumenten bildet.

Anschließend wenden sich die Musiker dem Stück „Chiquilín de Bachín“ zu, dem im Walzertakt gehaltenen Tango des argentinischen Bandoneonisten Astor Piazzolla (1921–1992) mit Lyrics des uruguayischen Dichters Horacio Ferrer (1933–2014). Schon von Beginn an präsentieren sich sehr originelle Arrangements, sowohl instrumental als auch vokal. Während Beytelmann, ein anerkannter Interpret und Arrangeur mit Spezialisierung auf Tango, das Werk von den ersten Takten an im Stil seines Kollegen Gerardo Gandini (1936–2013) angeht – das heißt, indem er die Melodie so aufschlüsselt, dass der Zuhörer sie nach und nach entdeckt –, steuert Fresu eine freie Phrasierung bei, die auf langen Noten basiert. Linx setzt eine lyrische Melodie, die es Beytelmann ermöglicht, je nach Bedarf ganze Akkorde oder einzelne Noten als Kontrapunkt einzusetzen. Die Soli von Fresu und Beytelmann münden genau im Moment der Rückkehr des Gesangsteils in ein Crescendo, was es dem Sänger erlaubt, die in den vorangegangenen Stücken aufgestaute Energie in wenigen Takten freizusetzen. Das Endergebnis ist eine mehr als gelungene Version dieses 1969 erstmals veröffentlichten und oft eingespielten Werks.

Es folgt nun „Making haste“, ein Originalstück aus der Feder von Beytelmann und Linx, welches – wie sein Titel schon andeutet – eine gewisse Spannung und Eile vermittelt. Es handelt sich um ein wohl anspruchsvolles Werk, das instrumental eine eher zeitgenössische Auffassung von Rhythmus zeigt, mit Akzentwechseln, Verschiebungen und einem sehr engen Zusammenspiel zwischen Stimme und Klavier, sowohl durch Unisono als auch durch kontrapunktische Interaktion. Gesanglich bewegt sich Linx über einen weiten Tonumfang, dehnt und verkürzt Phrasen, rezitiert, tritt völlig frei in den Takt ein und wieder aus und beweist damit seine große Vielseitigkeit als Interpret – und nicht zuletzt seine ausgeprägte Sprachbegabung.

Anschließend ertönt „No room for maybes here (nem um talvez)“, eine Bearbeitung des Stücks des kürzlich verstorbenen Hermeto Pascoal (1943–2025). Diesmal gibt Fresu den Auftakt. Mit dem Einsatz von Beytelmann nehmen die ersten Takte die Form einer Frage-Antwort-Struktur an und bereiten den Rahmen für den Eintritt von Linx vor, der eine eher freie Adaption vorträgt, in der er im Spoken-Word-Stil eine Abfolge von Gedanken, Aussagen und kurzen Fragen vorträgt. Im Verlauf des Stücks zieht der Sänger keine feste Grenze zwischen Sprechen und Singen: während seine Stimme in bestimmten Momenten einen fast gesprochenen Charakter annimmt, wird die Melodielinie in anderen Momenten deutlich melodisch. Dabei spielen die Worte eine grundlegende rhythmische Rolle, da Konsonanten und Pausen zur Gestaltung der Phrasierung beitragen. Es sei darauf hingewiesen, dass dieses Stück bekanntlich zu den Werken gehörte, die Pascoal für die von Miles Davis geleiteten Aufnahmen zu Live-Evil (1971) ins Studio mitbrachte. Bei dieser legendären Aufnahme ist es der Brasilianer, der im Unisono mit Davis’ Trompete singt. Das Arrangement, das in Trama Latina enthalten ist, fängt zwar sowohl durch die Gesangsmelodie als auch durch den Klang des Flügelhorns und die allgemeine Dramatik, die das gesamte Stück durchzieht, den Geist dieses Werks weitgehend ein, verwandelt es jedoch zugleich durch den bereits erwähnten, von Linx verfassten englischen Text und den instrumentalen Dialog mit Beytelmann und Fresu.

In „In coro tou“, einem weiteren Originalstück, das aus der Zusammenarbeit zwischen Fresu und Linx hervorgenagen hat, leitet Beytelmann am Klavier das Thema im Milonga-Tempo ein, gestützt auf lange Noten, die Fresu auf dem Flügelhorn spielt. Mit dem Einsatz des Sängers, der diesmal einen Text im sardischen Dialekt singt, wird die Klavierbegleitung harmonischer und nimmt rhythmische Veränderungen an. Im instrumentalen Teil besticht der kontrapunktische Dialog zwischen den Instrumenten und den Gesangsarrangements. Daraus ergibt sich eine wunderschöne Ballade, die – gäbe es Gerechtigkeit in der heutigen Welt – schnell einen Platz im Repertoire der Popmusik einnehmen würde. Der folgende Titel ist „Each day new“, der sich ebenfalls aus der Zusammenarbeit des Duo ergab. Eine geheimnisvolle, nächtliche Trompetenmelodie erklingt, auf die schwere, etwas düstere Akkorde des Klaviers folgen. Erst als Linx mit einer eher feierlichen Melodielinie einsetzt, verändert sich die Stimmung: Die Dunkelheit der ersten Takte weicht, Helligkeit hält Einzug.

Darauf schließt sich “Perron (encontros y despedidas)” an, ein Arrangement des Titels von Milton Nascimento (*1942). Hier setzt nach einer kurzen Einleitung am Klavier mit Stakkato-Akkorden zunächst Linx ein, unmittelbar gefolgt von Fresu, welcher die Melodielinie abwandelt, betont und variiert. Die Version ist nicht nur musikalisch originell, sondern auch hinsichtlich des Textes. Denn der von Linx gesungene Gesangsteil basiert auf „Lieve lacht“, einer niederländischen Adaption der Singer-Songwriterin Famke Sinninghe Damsté (*1959). Ähnlich wie bei dem Arrangement des Stückes von Pablo Milanés, behält das Trio das ursprüngliche Tempo und die Melodie bei – präsentiert jedoch eine akustische Version dieses Songs, welches Nascimento erstmals auf dem gleichnamigen Album „Encontros e despedidas“ (1985) veröffentlichte.

„La casita de mis viejos“ ist der zweite der auf diesem Album enthaltenen Tangos – ein Genre, das im Repertoire von Beytelmann nicht fehlen darf, aber auch in Fresus Diskographie vertreten ist (u.a. Tango Macondo, 2021). Mit diesem in solo piano vorgetragenen Stück schenkt uns Beytelmann eine Interpretation einer aus der Zusammenarbeit zwischen Juan Carlos Cobián und Enríque Cadícamo entstandenen Tangos, welcher erstmals 1932 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Durch die Wahl eines eher langsamen Tempos entfaltet hier Beytelmann das Stück auf eine freie, intime und zuweilen introspektive Weise. Nach einem sehr natürlichen und möglicherweise improvisierten Vorspiel beginnt sich das Originalthema abzuzeichnen, als würde es gerade aus dem Ei schlüpfen. Wenn der erwähnte „Chiquilín de Bachín“ an die Gandinis „Postangos“ erinnert, so scheint hier eher sein Kollege Adrián Iaies (*1960) Beytelmann die Phrasierung zu suggerieren. Mit dieser Interpretation eines Titels, das bislang nicht in Beytelmanns aufgenommenen Repertoire enthalten war, stellt er den Liebhabern des Tangos im Besonderen und der Musik im Allgemeinen ein geniales Arrangement dieses Klassikers der Musik vom Río de la Plata zur Verfügung.

Den Abschluss bildet „La añera“, eine Zamba Atahualpa Yupanquis (1908–1992), bei der das Trio wieder zu hören ist. Nach einer kurzen in rubato vorgetragene Einleitung am Klavier setzt die Stimme ein und entfaltet ein sehr gelungenes Vokalarrangement. Und gerade Linx’ eigenständige Phrasierung ermöglicht es Beytelmann, rhythmische und harmonische Variationen in die Begleitung einzubringen. Im Instrumentalteil kommt Fresu hinzu und spielt ein schlichtes und treffendes Solo über das Originalthema. Zwar wird ein Großteil von Yupanquis Werk – vor allem dank der Arrangements von Pianisten wie Hilda Herrera (*1933), Manolo Juárez (1937–2020) und Hernán Ríos (*1967) – zunehmend am Klavier interpretiert (mit mehr als lobenswerten Ergebnissen), doch das Arrangement, das zudem mit der Trompete des genialen italienischen Musikers gespielt wird, gibt uns einen neuen Grund, die Aufnahme dieses Stücks zu feiern, dessen Wahl als Abschluss des Albums treffender nicht hätte sein können.

Im Großen und Ganzen zeugt Trama Latina nicht nur vom interpretatorischen Niveau dreier erstklassiger Musiker mit außergewöhnlichem Hintergrund, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befinden, sondern bietet dem Publikum zudem Arrangements von Werken, die vor relativ langer Zeit komponiert wurden und die, obwohl sie schon unzählige Male gehört wurden, ihre ursprüngliche Frische zurückgewinnen. Das Album bietet uns die Möglichkeit, diese Musiker – einzeln oder gemeinsam – immer wieder zu hören, wie sie Werke von Manzanero, Milanés, Piazzolla, Nascimento, Pascoal, Cobián/Cadícamo und Yupanqui interpretieren – was zweifellos als echtes Privileg angesehen werden kann. Als ob das noch nicht genug wäre, enthält die Platte vier Eigenkompositionen – die in einem exquisiten Instrumentalen bzw. klanglichen Format dargeboten werden. Doch Trama Latina zeichnet sich nicht nur durch virtuose Ausführung und Arrangements aus, sondern auch durch die Verbindung mit der Freiheit und Natürlichkeit, die in der Interpretation zum Ausdruck kommen. Dadurch klingt das Trio praktisch durchgehend so, als würde es improvisieren – ohne dabei in Übertreibungen zu verfallen oder den Anspruch zu erheben, sich individuell hervorzuheben. Vielmehr wird die Musik so zu einer Hommage an die Komponisten, getragen von Aufrichtigkeit und Dankbarkeit; zu einer Feier des musikalischen Schaffens und der Interpretation auf einer so intimen und menschlichen Ebene wie nur möglich.

 

Paolo Fresu – David Linx – Gustavo Beytelmann

Trama latina

Tǔk Music, 2026

 


 

Bildquelle: [1] CoverScan

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