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Ernesto Jodos / Rocío Giménez López: Una casa con dos pianos

Gonzalo Compañy | | Artikel drucken
Lesedauer: 5 Minuten

Una casa con dos pianos lautet der Titel des neuen Albums der argentinischen Pianisten Ernesto Jodos (1973) und Rocío Giménez López (1983). Die Platte umfasst acht Titel, die im Mai 2025 während eines Konzerts im Teatro El Círculo, einem der großartigen Konzertsäle der Stadt Rosario, live aufgenommen wurden. Das Repertoire umfasste sowohl fremde als auch eigens komponierte Stücke. Darunter finden sich einerseits Werke von Unverzichtbaren des Jazz wie Thelonious Monk (1917–1982) und Ornette Coleman (1930–2015), kombiniert mit Stücken von ebenfalls herausragenden Komponist*innen der nachfolgenden Generation, wie John Taylor (1942–2015), Marilyn Crispell (*1947) und Geri Allen (1957–2017). Ergänzt wird das Repertoire zudem durch zwei Kompositionen aus eigener Feder. Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Ausgewogenheit, die auf eine sorgfältige Auswahl der Werke – und natürlich deren Reihenfolge – hindeutet.

Das als Eröffnungsstück für das Album (und das Konzert) ausgewählte Stück ist „Rosslyn“ (John Taylor), in dem zunächst ein Ostinato-Thema vorgestellt wird, zu dem sich das zweite Klavier im Kontrapunkt gesellt. Die Melodie wird durch Variationen komplexer, und es kommen neue Stimmen hinzu, die in die erste Improvisation übergehen, bevor zum Ausgangsthema zurückgekehrt wird. Das Ergebnis ist eine einwandfreie Version des Werks des britischen Pianisten im Format für zwei Klaviere (ursprünglich aufgenommen mit dem Trio bestehend aus Marc Johnson und Joey Baron auf dem gleichnamigen Album Rosslyn, 2003). Darauf folgt „Volátil“, ein Stück von Giménez López, das zuvor auf Un caos lúcido (2022) erschienen ist, dem exquisiten Album der Pianistin zusammen mit Fermín Suárez am Kontrabass und Francisco Martí am Schlagzeug. Dieses Stück mit einem gewissen Tango-Flair nimmt die Form einer etwas melancholischen Ballade an, sobald die Akkorde (im wahrsten Sinne des Wortes) zu „fallen“ beginnen. Auch hier entfaltet sich das Thema und es entsteht ein kontrapunktischer Dialog zwischen beiden Klavieren. Einige Takte vor dem Ende wird die Melodie ätherisch, flüchtig, als würde sie sich im Raum auflösen.

In „Drummer’s Song“ (Geri Allen) ist zunächst ein allegro-Thema im Ostinato zu hören, über das die Musiker abwechselnd einen kontrapunktischen Dialog weben. Wenn man die Aufnahme im Hinterkopf hat, die Allen ursprünglich auf Open on All Sides in the Middle (1987) veröffentlichte, fällt die immense polyphone und polyrhythmische Struktur auf, die eigentlich für ein Septett geschrieben wurde und die nun die zwei Klaviere sowohl mit absoluter Meisterschaft als auch mit Natürlichkeit übernehmen. Als ob das noch nicht genug wäre, fügen sie noch Improvisationen hinzu. Anschließend erklingt „Song for Abdullah“ (Marilyn Crispell), der Titel der US-amerikanischen Pianistin und Komponistin, der erstmals auf Rhythms Hung In Undrawn Sky erschien, Crispells 1983 veröffentlichtem Solo-Debütalbum. Diese etwas melancholische Ballade, in der auf die langsame und zuweilen düstere, tiefe Themenpräsentation eine rasante Improvisation folgt, ja regelrecht ausbricht, als würde sich jemand von seinen Fesseln befreien. Hier taucht eine lebhafte Melodie auf, die einen neuen Zustand zu widerspiegeln scheint. Doch schon entfalten sich abermals dunkle Akkorde, schwere, schnell gespielte Glissandi, die an eine ungebetene traumhafte Erscheinung erinnern. Vor dem Ende wird das melancholische Thema erneut vorgetragen – nun wohl als Erinnerung an vergangene Zeiten. Abgesehen von dieser rein spekulativen Überlegung kann man sicher sein, dass Giménez López, der bei Crispell Unterricht nahm, den semantischen Hintergrund dieses Werks genau kannte.

Ähnliches gilt für das Werk „Hornin in“ von Thelonious Monk, dessen Kompositionen sowohl im Repertoire von Giménez López (La forma del sueño, 2024) als auch von Jodos (u. a. Light Blue, 2012; Fragmentos del mundo, 2012; Durmientes, 2023) zu finden sind. Hier entfalten die Pianisten eine großartige Improvisation über dieses Werk Monks, das erstmals 1952 im Sextett-Format veröffentlicht wurde. Wie im Fall des Titels „Drummer Song“, stellt sich auch hier das Duo der Herausforderung, Partituren zu interpretieren, die originär für eine größere Besetzung komponiert wurden – eine Aufgabe, die sie nicht nur mit Bravour meistern, sondern dabei auch ganz eigene Facetten zum Vorschein bringen – was vielen anderen Kolleg*innen leider nicht immer gelingt.

Dieser recht lebhaften Komposition folgt „Lu y Javi“ (Jodos), ein Stück Jodos‘, das bereits vor einigen Jahren uraufgeführt wurde, allerdings im Trio-Format – in diesem Fall zusammen mit der Kontrabassistin Diana Arias und dem Schlagzeuger Johannes Bockholt. Es handelt sich um einen Titel mit einer eher intimen und streckenweise dramatischen Stimmung, eine Art Satieschen Gymnopédie, in der ein wunderschönes Thema vorgetragen wird. Durch einen plötzlichen Einbruch wird dieses Gleichgewicht durch eine Komposition des ungestümen Ornette Coleman erschüttert, einem weiteren Komponisten, der in der Diskografie beider Musiker*innen vertreten ist (sowohl bei Giménez López: Reunión en la granja, 2021, als auch bei Jodos: Durmientes, 2023). Im kraftvollen „City living“ entfaltet sich eine schnelle, unisono gespielte Melodie, die durch die Übernahme des Ragtime-Rhythmus Raum für Variationen schafft. Zum Abschluss des Albums (und des Konzerts) erwartet nichts Geringerer als der traditionelle Black-Spiritual „When the Saints Go Marching In“. In einer eher langsamen und sanften Darbietung des Stücks erklingen zarte, subtile Variationen. Ohne großspurige Ambitionen gelingt dem Album so ein wunderschöner und intimer Ausklang.

Vor 20 Jahren hatte uns dasselbe Label BlueArt bereits mit De/Generaciones (2006) beglückt, einem Album für zwei Klaviere von Ernesto Jodos, begleitet vom begabten Pianisten, Arrangeur und Komponisten Gerardo Gandini (1936–2013). Mit Una casa con dos pianos liegt nun ein weiteres großartiges Album vor, auf dem sich die Klänge (und die Pausen) zweier Klaviere mit einer fast schon krampfhaften Natürlichkeit miteinander verflechten. Zu Beginn und nach einem Blick auf die Titel hatten wir bereits auf die Sorgfalt bei der Auswahl des Repertoires hingewiesen (es ist bekannt, wie schwierig es sein kann, nur acht Werke auszuwählen!). Nach dem Anhören dieses Albums bleibt uns nichts anderes übrig, als die exquisite Interpretationskunst hervorzuheben, mit der Rocío Giménez López und Ernesto Jodos das Programm an jenem Nachmittag darbrachten – was man ab heute dank dieser Veröffentlichung immer wieder genießen kann.

 

Ernesto Jodos / Rocío Giménez López

Una casa con dos pianos

BlueArt Records, 2026

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