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Hunger in Brasilien – der langanhaltende Kampf um Ernährungssouveränität

Carla Mangner | | Artikel drucken
Lesedauer: 8 Minuten

Vor einem Jahr wurde Brasilien erneut von der Welthungerkarte gestrichen. Das Erreichen dieses Erfolgs im fünftgrößten Land der Erde ist Ergebnis des Zusammenwirkens politischer Maßnahmen und zivilgesellschaftlicher Bewegungen. Zwar wurden Probleme überwunden, doch zahlreiche Herausforderungen bleiben bestehen. Wie sind diese historisch verankert und wie wird ihnen heute begegnet?


Während der Karneval und die kulturelle Vielfalt Brasiliens breit wahrgenommen werden, ist der Hunger eine oft aus dem Sichtfeld der westlichen Welt gedrängte Seite des Landes. Doch beeinflusst die Ernährungsunsicherheit die Gesellschaft seit Jahrhunderten und ist stark mit der Historie des lateinamerikanischen Landes verknüpft. Diesen Zusammenhang zeigte erstmals der Mediziner und Politiker Josué de Castro auf, der 1946 in seinem Buch Geografia da Fome (dt.: Geopolitik des Hungers) feststellte, dass Hunger nicht schicksalhaft oder klimatisch bedingt ist, sondern politisch, wirtschaftlich oder sozial, und somit von Menschen herbeigeführt wird. Diese Erkenntnis lässt sich praktisch seit Jahrhunderten in Brasilien nachweisen. Seine Ursprünge hat der Hunger in der Kolonialzeit, in der ungleichen Konzentration des Wohlstandes. Die Sklaverei hatte bewusst die Aushungerung der aus Afrika verschleppten Bevölkerung eingesetzt, um die Kosten für diese so gering wie möglich zu halten. 1850 wurde durch die kaiserliche Regierung gesetzlich festgelegt, dass nur mit finanziellen Mitteln, nicht aber durch Besetzung oder Nutznießung Land erworben werden kann. Da sich das Ende der Sklaverei, endgültig 1888 erreicht, bereits abzeichnete, sollte so der schwarzen Bevölkerung das Recht auf Land langfristig verwehrt bleiben. Damit blieben die Ländereien in den Händen europäisch stämmiger Großgrundbesitzer. Dem Großteil der Bevölkerung fehlten schlichtweg die finanziellen Mittel, um Land zu erwerben und eigenverantwortlich für Ernährungssicherheit sorgen zu können.
Doch Wohlstand war nicht nur innerhalb der Gesellschaft ungleich verteilt, sondern auch regional. Während im Süden Brasiliens die Industrialisierung für relative Versorgungssicherheit sorgte, blieb der Nordosten zurück und stärker von Hunger betroffen. Josué de Castro, selbst aus dem nordöstlichen Staat Pernambuco stammend, machte in Geografia da Fome zwei Arten von Hunger aus: Einerseits den epidemischen Hunger, bei welchem die Knappheit durch menschengemachte oder klimatische Faktoren wie Kriege oder Dürren ausgelöst wird und kurzfristig verheerende Ausmaße haben kann. Auf der anderen Seite den endemischen Hunger, also eine strukturelle Unterversorgung der Menschen mit ausreichend Nährstoffen, wodurch Entwicklungsstörungen auftreten und der Körper Krankheitserreger nicht abwehren kann. Im Nordosten Brasiliens wirken diese zwei Arten des Hungers zusammen. Dies begründet sich einerseits in der im Vergleich zum Rest Brasiliens noch stärkeren Ungleichverteilung des Landes. Zehn Prozent der Landbesitzer gehören 80 Prozent der Flächen – Kleinbauern hingegen leiden unter ungeklärten Eigentumsverhältnissen und ihre Flächen sind so klein, dass sie nicht das eigene Auskommen garantieren. Andererseits treten durch geringe Niederschläge im Inland häufig Dürren auf, die sich durch Wetterphänomene wie El Niño, beispielsweise in diesem Jahr noch verstärken können. Dies trieb die Menschen aus den betroffenen Gebieten. Die enormen Flüchtlingszahlen beschleunigten die Bildung riesiger Slums an den Rändern der Großstädte, deren Bewohner weder kurz- noch langfristig auf Verbesserung der Lebensbedingungen hoffen konnten. So betraf die Dürre im Jahr 1970 acht Millionen Menschen im Nordosten Brasiliens, stürzte sie in extreme Armut und ließ die Kindersterblichkeit ein trauriges Hoch von 115 auf 1000 Lebendgeburten erreichen. Die diktatorische Militärregierung (1964-1985), bemüht, das Image des propagierten Wirtschaftswunders zu erhalten, siedelte vor allem die arbeitsfähige Bevölkerung in die Amazonasgebiete um, wo sie die Transamazonica- Autobahn bauen sollten.
Diese Maßnahmen bekämpften auf keine Weise die strukturellen Ursachen des Hungers, sondern waren stets nur unmittelbare Reaktionen in akuten Notlagen. Der endemische Hunger hingegen setzte sich über Generationen fort. Fast 60 Jahre später zeigt Maria, 1970 ein Kind von sieben Jahren, ihre trockene, schrumpelige Haut an den Unterarmen: „Schau, wie ich aussehe, in meiner Kindheit gab es nie genug Essen, um wirklich gesund leben zu können. Dass dies Kindern nie wieder passiert, dafür kämpfe ich, deshalb bin ich hier.“ Mit „hier“ ist das vierte Treffen des Movimento dos Pequenos Agricultores (kurz MPA) genannt, welches im Mai 2026 in der Hauptstadt Brasília abgehalten wurde. Die Bewegung der Kleinbauern wurde 1996 in Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens gegründet. In diesen Zeiten des Neoliberalismus und einem aufkommenden Ausverkauf des Landes durch die Rolle als Exportnation entwirft sie ein sozialistisches Gegenbild der Volkssouveränität.
Mit dem Ziel, Armut und gesellschaftlichen Ausschluss der bäuerlichen Landbevölkerung zu beenden, vereint die Bewegung heute Kleinbauern aus 20 der 27 Staaten Brasiliens. Ihre Mitglieder sind durch die Erfahrung von Hunger und das Gefühl, trotz täglicher Arbeit die eigenständige Versorgung mit Lebensmitteln nicht gewährleisten zu können, geprägt. Sie treten für ein Volksprojekt ein, das für Ernährungssouveränität sorgen soll und der auf Großgrundbesitz orientierten Agrarindustrie entgegensteht. Neben Anerkennung und Verteidigung ihrer Landrechte und Territorien sind es vor allem zivilgesellschaftliche Themen, die bei diesem Treffen im Vordergrund stehen: Bildung auf dem Land soll gefördert, verschiedene Formen der Gewalt bekämpft werden, ebenso das Patriarchat und Homophobie. Aber auch Herausforderungen durch Klimawandel und Umweltzerstörung werden thematisiert.
Ebenso sind sie längst über die Grenzen Brasiliens hinaus aktiv geworden, Vertreter*innen von fünfzehn Staaten Lateinamerikas, Asien und Europas waren zum Treffen in Brasília geladen. So hielt beispielsweise Aleida Guevara, die Tochter Che Guevaras, eine Rede, bei der sie die Wichtigkeit internationaler Solidarität und den Kampf gegen den ausbeuterischen Kapitalismus, insbesondere der USA, betonte. Beendet wird dieser Teil der Zusammenkunft der rund 1300 Aktivist*innen mit dem Ruf „patria o muerte – venceremos“, der aus der kubanischen Revolution stammt. Die Abneigung gegenüber den Vereinigten Staaten und insbesondere der Politik Donald Trumps ist omnipräsent. Politisch sieht sich die Bewegung MPA als sozialistisch an und sieht ihre Vorbilder in der kubanischen Revolution und Fidel Castro.
Es wird der Wunsch nach einem Ende der sozialen Ungleichheit durch reine Volkskraft geäußert, vorerst soll dies aber durch Fortführung des demokratischen Projekts geschehen. Dafür sollen Kandidaturen gestärkt werden, die sich für Volkssouveränität und Rechte der Landbevölkerung einsetzen. Denn schließlich sind praktische Erfolge vor allem vom Handlungswillen der jeweiligen Regierungen Brasiliens abhängig. Aktuell ist diese positiv gegenüber Forderungen von Bewegungen wie der MPA eingestellt.
Seit 2023 ist der linke Politiker Lula da Silva Präsident des Landes. Unter seiner Regierung war nach seiner Präsidentschaft von 2003 bis 2011 bereits 2014 die Streichung Brasiliens von der Welthungerkarte erreicht worden. Mit seinem Programm „Fome Zero“ (dt.: Null Hunger) half er 36 Millionen Menschen aus extremer Armut und Unterernährung. Das Programm beinhaltete unter anderem die „Bolsa Familia“, ein Hilfspaket für Familien, das dauerhaften Zugang zu Grundnahrungsmitteln für bedürftige Brasilianer*innen ermöglichte, solange sie nachweislich regelmäßig zur Schule gingen und Ärzte aufsuchten.
Wie schnell solche Erfolge jedoch Rückschläge erleiden können, zeigten die Coronapandemie und der Abbau sozialstaatlicher Maßnahmen unter dem Rechtspopulisten Jair Bolsonaro (Präsident Brasiliens 2019 bis 2023). So waren 2022 wieder über 30 Millionen Menschen von schwerem Hunger betroffen und Brasilien kehrte auf die Welthungerkarte zurück.
Erst die erneute Ausweitung sozialer Sicherungssysteme und staatlicher Unterstützung seit 2023 konnte den Hunger und Unterernährung wieder reduzieren. So werden Solidaritätsküchen in den Städten und die Familienlandwirtschaft im ländlichen Raum unterstützt, sowie Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Aktuell ist die Lage kurz vor den Stichwahlen um die Präsidentschaft zwischen Lula da Silva und Flávio Bolsonaro am 25. Oktober 2026 angespannt und die Zukunft der sozialen und ökologischen Projekte ungewiss.
Es ist eindeutig, dass Erfolge, wie die erneute Streichung Brasiliens von der Welthungerkarte 2025, keine dauerhafte Ernährungssicherheit und -souveränität für die Gesamtbevölkerung schaffen. Sicher wäre die Versorgung nur, wenn Subventionsprogramme unabhängig von Regierungswechseln erhalten blieben. Für Souveränität in Ernährungsaspekten ist eine Bekämpfung der strukturellen Ursachen des Hungers, wie der Ungleichverteilung des Landes nötig. Bewegungen wie das Movimento dos Pequenos Agricultores können mit ihrem Aktivismus dazu beitragen, Ungleichheiten zu bekämpfen, letztendlich liegen die wesentlichen Entscheidungen aber in den Händen der Regierung und ihren Möglichkeiten des praktischen Einflusses auf Großgrundbesitzer. So könnten Kleinbauern ihr Land verteidigen und marginalisierten Gruppen, vor allem Afrobrasilianer*innen und Indigenen endlich Zugang zu eigenem Land ermöglicht und vereinfacht werden.

Wie wahrscheinlich dies angesichts der Tiefe der seit Jahrhunderten bestehenden Strukturen ist, bleibt trotz linker Regierungen und sozialistischem Aktivismus ungewiss. Nicht zuletzt können jedoch die Bekämpfung akuter Hungersnöte und die Durchsetzung sozialer Hilfsprogramme als Erfolg angesehen werden, der dazu motiviert, zu den Wurzeln des Problems vorzudringen. Denn im Kontext von Umweltzerstörung und Auswirkungen des Klimawandels wird die Wichtigkeit der Absicherung und Unabhängigkeit der Lebensmittelversorgung zukünftig weiter stark ansteigen.

 


 

Bildquellen: [1-3] Quetzal-Redaktion, cm

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