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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Zu hässlich für die Welt – Seehunde, Riesenschildkröten, Leguane, Albatrosse und ein König von eigenen Gnaden

Gabriele Eschweiler | | Artikel drucken
Lesedauer: 12 Minuten

Unweit des Äquators im östlichen Pazifik und zirka eintausend Kilometer vom Festland entfernt liegen auf den Koordinaten 1°40’N–1°36’S, 89°16’–92°01’W die weltberühmten Galapagosinseln. Seit 1973 gehören sie als Provinz Galápagos zu Ecuador. Wegen ihrer einzigartigen und zu einem hohen Anteil endemischen Flora und Fauna stehen sie unter strengem Naturschutz, sind Unesco Weltnaturerbe seit 1978 und Unesco Biosphärenreservat seit 1984. Die etwa achttausend Quadratkilometer umfassende Landfläche setzt sich aus den fünf größeren, bewohnten Inseln Santa Cruz, San Cristóbal, Isabela, Floreana, Baltra und den weit über einhundert meist kleineren bis winzigen, unbewohnten zusammen.

Ob der Archipel bereits in präkolumbianischer Zeit entdeckt wurde, ist umstritten, dass dort 1535 der Spanier Fray Tomás de Berlanga auf seinem Weg nach Peru strandete, hingegen hieb- und stichfest belegt. Aus seiner Feder stammt der erste Bericht über diese unwirtlichen Eilande. Der dort herrschende Mangel an Süßwasser mag der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass eine Besiedlung nur äußerst mühsam in Gang kommen wollte. Lange Zeit trägt die Inselgruppe zwei Bezeichnungen. Die ersten spanischen Seefahrer taufen sie „Islas Encantadas“ (Verzauberte Inseln), da sie immer wieder wie magisch in Nebelschleiern zu verschwinden scheinen. Die bis heute gültige Benennung „Islas Galápagos“ (Galapagosinseln) leitet sich von den dort in früheren Jahrhunderten schier unerschöpflichen Beständen an Riesenschildkröten her.

Den britischen Freibeutern William Dampier und William Ambrosia Cowley verdanken die einzelnen Inseln ihre englischen Namen, die sie neben den spanischen führen. Vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dienen die Eilande als perfekte Verstecke für Piraten, die es auf die Goldschiffe der Spanier abgesehen haben. Mit dem Aufkommen des Walfangs gegen Ende des 18. Jahrhunderts rückt der Archipel erneut in den Fokus der Seefahrt.

Mündlichen Überlieferungen nach soll der irische Matrose Patrick Watkins auf Floreana gestrandet sein und dort von 1807 bis 1809 als erster Siedler gelebt haben. Vier Jahre später besucht der US-Amerikaner David Porter, Marineoffizier und Kapitän der Fregatte USS Essex, die Inseln. In seinem Schiffstagebuch, das er auf der zweijährigen Fahrt führt und unter dem Titel „Reise nach dem Stillen Ozean“ (Journal of a cruise made to the Pacific ocean, 1815) veröffentlicht, sind fünf Seiten der Geschichte von Watkins gewidmet, so wie sie dem Amerikaner von seinem Gewährsmann „Captain Randall“ wiedergegeben worden war. Mit Patricks äußerem Erscheinungsbild legt Porter den Grundstein für die spätere Rezeption des irischen Seemanns als über alle Maßen hässlichen Menschen. Seine Kleidung ist derart zerlumpt und von Ungeziefer zerfressen, dass seine Blöße nur unzureichend bedeckt wird. Sein rotes Haar und der Bart sind völlig verfilzt und die Haut von der Sonne gegerbt. Sein wildes Aussehen und Benehmen flößen große Furcht ein, zumal er fast immer betrunken und gewaltbereit ist. Bei einem seiner zahlreichen Versuche einen Neuankömmling auf der Insel in seine Gefangenschaft zu bringen, gerät er an den Falschen, wird übermannt, ausgepeitscht und komplett ausgeraubt. Mit der unerschöpflichen Energie eines Stehaufmännchens gelingt es ihm, sich schnell wieder in eine starke Position zu bringen. Durch die Erniedrigung haben sich seine Wut und Grausamkeit allerdings ins schier Unermessliche gesteigert. Am Ende flüchten er und seine vier Gefangenen in einem gestohlenen Boot aufs ecuadorianische Festland. In Guayaquil kommt Watkins allerdings alleine an, was Anlass zu allerhand Spekulationen gibt. Von der Küste schlägt er sich nach Peru durch, lernt in Payta eine Frau kennen, mit der er auf Floreana einen Neuanfang wagen möchte, wird zuvor jedoch verhaftet und aus dem Verkehr gezogen.

Drei Jahrzehnte später greift der britische Schiffsarzt John Coulter ebenfalls wieder auf mündliche Überlieferungen zurück, wenn er im fünften Kapitel seines Buches „Abenteuer im Stillen Ozean“ (Adventures in the Pacific,1845) über Watkins berichtet. Der Ire, der hier allerdings weder als hässlicher noch als schlechter Mensch geschildert wird, hat sich achtzehn bis zwanzig Jahre auf Floreana aufgehalten und stirbt am Ende in Guayaquil, wo er eine Frau fürs Leben zu finden gehofft hatte.

Von 1831 bis 1836 ist der britische Vize-Admiral Robert FitzRoy der Kommandant des Forschungsschiffes HMS Beagle auf der zweiten großen Expeditionsreise nach Südamerika, an der auch der junge Charles Darwin als Naturforscher teilnimmt. Die Erkenntnisse, zu denen Letzterer auf den Galapagosinseln gelangt, bestätigen seine evolutionsbiologischen Theorien, die den Kern seines revolutionären Hauptwerkes „Über die Entstehung der Arten“ (1859) ausmachen.

In FitzRoys „Bericht über die Forschungsreisen der Königlichen Schiffe Adventure und Beagle“ (Narrative of the surveying voyages of His Majesty’s Ships Adventure and Beagle, 1839) findet der „irrsinnige Ire“ auf der Insel Floreana (Charles Island) nur beiläufig Erwähnung.

Zu Beginn des Jahres 1841 heuert der einundzwanzigjährige Herman Melville als Matrose auf dem Walfänger Acushnet an und erkundet im November desselben Jahres auf einem Landgang die Galapagosinseln. Über „Die Encantadas, oder Verwunschenen Inseln“ (1854) verfasst er zehn literarische Skizzen, in denen er Landschaften und Personen mit Worten lebendig zu zeichnen versteht. Unter dem Pseudonym Salvator R. Tarnmoor veröffentlicht er sie zunächst als Fortsetzungen in der Zeitschrift Putnam’s Monthly Magazine, in Buchform in den „Piazza-Erzählungen“ (1856). In der neunten Skizze „Die Insel Hood und der Einsiedel Oberlus“ verlagert er Patrick Watkins Geschichte auf die kleine, unbewohnte Insel Hood (La Española), benennt den Helden um in Einsiedel Oberlus und dehnt dessen Aufenthalt dort auf über ein halbes Jahrhundert aus. Als Quelle gibt Melville Porters Bordbuch an, aus dem er Textstellen wortwörtlich übernimmt. Eine deutliche Literarisierung des Stoffes vollzieht er durch Zitate der britischen Klassiker Edmund Spenser und William Shakespeare. Einige Stanzen aus dem ersten Buch von Spensers allegorischem Epos „Die Feenkönigin“ (The Fairie Queene,1590), in denen es um den bösen Höhlenbewohner „Despair“ geht, der Menschen mittels Sprache in den Selbstmord zu treiben vermag, leiten die Geschichte des Eremiten Oberlus ein. Mit Spensers teuflischem Rhetoriker setzt Melville das Vorzeichen für seinen Protagonisten, der ein ebensolcher Meister der Manipulation ist, nur dass er den Alkohol als Waffe zückt, um seine Opfer zunächst willenlos und anschließend willfährig zu machen. Gelten die Galapagosinseln aus heutiger Sicht aufgrund der großen Artenvielfalt in noch weitgehend unberührter Natur als paradiesisch anmutende Sehnsuchtsorte, so sind für Melville die Encantadas „dem Aussehen vergleichbar, das die Welt im ganzen bieten würde, wenn ein feurig Strafgericht vom Himmel gefallen wäre.“

Mit diesem und weiteren Bildern, die an Dante Alighieris und John Miltons Höllen erinnern, verleiht Melville den Inseln eine apokalyptische Dimension: „Nirgends empfängt man deutlicher den Eindruck des einstmals Lebensvollen, das sündhaft aus der Fülle in die Dürre zerkrümelt ist. Sodomsäpfel, wenn man sie berührt hat – so scheinen diese Inseln.“ Dass hier „spukhafte Mächte“ am Werk sind, steht für den US-amerikanischen Romancier außer Frage. Das Vorbild der verzauberten Insel findet er in William Shakespeares Schauspiel „Der Sturm“ (1611): Unmittelbar nach ihrer Ankunft hat die aus ihrer algerischen Heimat verbannte, bösartige und mächtige Hexe Sykorax die auf der Insel beheimateten Geister verzaubert und zu ihren Sklaven gemacht. Hier bringt sie ihr Kind zur Welt: den wilden und dunkelhäutigen Kaliban – halb Mensch, halb Monster. Viele Jahre nach dem Tod von Sykorax kommt mit Prospero erneut ein Zauberer dorthin und unterwirft ihren Sohn. Dessen berühmte Worte: „Dieses Eiland ist mein, von meiner Mutter Sykorax, sagte Oberlus zu sich selbst und warf einen Blick des Stolzes rundum auf seine karge Einsamkeit.“

Die Übereinstimmungen zwischen Melvilles Einsiedel und Kaliban sind frappierend: Beide sind vaterlos, deformiert, triebgesteuert, wild und lange Zeit die einzigen Menschen auf ihren Zaubereilanden. Aber auch mit Prospero hat Oberlus Gemeinsamkeiten: Als weißer Mann und Europäer erklärt er fernab seiner Heimat eine fremde Insel zu seinem Königreich und macht sich Menschen untertan. In Melvilles Skizze scheint der Einsiedel auch verhext zu sein: Die Grässlichkeit seiner Physiognomie und sein tierhaftes Wirken, wird damit erklärt, dass er von „Kirkes Zaubertrank genossen zu haben“ scheint: jene große Zauberin, die alle Personen, die ihre Insel Aiaia betreten, in Tiere verwandelt: so auch die Gefährten des Odysseus, die zu Schweinen werden.

Wenn am Ende von Melvilles Skizze Oberlus im Gefängnis von Payta sitzt, welches als öffentliches Gebäude „weithin sichtbar auf der heißen, staubigen Plaza“ steht und den Passanten freie Sicht auf die „verbrecherischen, von jeder Hoffnung längst verlassenen Insassen“ gewährt, bedeutet das eine große Demütigung für ihn, der sich möglichst immer vor seinen Mitmenschen und ihren angeekelten Reaktionen auf sein groteskes Aussehen zu verstecken versucht hat. Zugleich erinnert diese entwürdigende öffentliche Zurschaustellung an die wahre Geschichte des aufgrund einer schweren Krankheit körperlich schwerst entstellten Briten Joseph Carey Merrick, der im viktorianischen London sowie im In- und Ausland jahrelang als Elefantenmensch („halb Mensch, halb Elefant“) in Schaubuden als Jahrmarktsattraktion ausgestellt wurde.

Der Spanier Alberto Vázquez-Figueroa, der bereits in „Viaje al fin del mundo: Galápagos“ (Reise ans Ende der Welt: Galápagos, 1972) die Geschichte des Oberlus kurz angeschnitten hat, greift mit seinem Buch „Der Leguan“ (La Iguana, 1982) erneut auf Melvilles literarische Skizze zurück und baut sie zu einer Herrschaftsparabel aus. Sein Oberlus trägt als Beinamen die Bezeichnung des von Melville als „die seltsamste Widersinnigkeit der fremdländischen Natur“ beschriebenen Leguans, ist herkunfts- und elternlos, hat keine „einzige angenehme Erinnerung“ und mehr Lebenszeit auf dem Weltmeer als an Land verbracht. Sein abstoßendes Äußeres übertrifft das seiner Vorgänger um ein Vieles, ja sein Anblick ist derartig, „dass die Kinder davonrannten, die Frauen sich angewidert abwandten und die Männexr unruhig wurden, unfähig ihm in die Augen zu blicken.“

Sexuelle Erfahrungen bleiben ihm verwehrt, da selbst die Dirnen in den elendigsten Hafenbordellen sich mit dieser Ausgeburt an Hässlichkeit nicht abgeben möchten. So zieht er aus freien Stücken als radikaler Einzelgänger auf Hood, wo er in einer Höhle wohnt, eine Ackerfläche für Gemüseanbau urbar macht und vom Handel mit Seefahrern und Walfängern lebt, die dort ihre Vorräte – meist im Tausch gegen Rum oder Dollars – auffüllen. Mit der Zeit wird sein Hass unbändiger und sein Verhalten immer skrupelloser: Er raubt Schiffe aus und unterjocht Menschen. Einem seiner Gefangenen befiehlt er, ihm Unterricht in Lesen und Schreiben zu erteilen. An der jungen Frau, die er in seinen Besitz bringt, lebt er gnadenlos seine Triebe aus. Allmählich gewöhnt sie sich an ihre Situation und findet sogar so etwas wie Gefallen an ihrem Peiniger. Seine Grausamkeit und Gefühlskälte bleiben jedoch unabänderlich bestehen. Als sie mit seinem Teufelsbalg niederkommt, tötet er das Neugeborene, um ihm ein ähnlich qualvolles Leben wie das Seinige zu ersparen. Dies und dass er die Frau am Ende frei lässt, sind die einzigen annähernd humanen Regungen des unerbittlichen Mannes, der von einem unstillbaren Macht- und Mordhunger angetrieben in seinem kleinen Königreich eine Schreckensherrschaft aufgebaut hat. Im Gegensatz zu berühmten entstellten Männern der Weltliteratur wie zum Beispiel das abstoßende Biest aus Gabrielle-Suzanne de Villeneuves „Die Schöne und das Biest“ (1740) oder das von Doktor Frankenstein künstlich erschaffene abgrundtief scheußliche Monster aus Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ (1818) oder das missgestaltete rothaarige Findelkind Quasimodo aus Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1831), wo die Abscheulichkeit der äußeren Erscheinung durch einen guten und liebenswerten Charakter wettgemacht werden kann, stimmen bei Oberlus die innere und äußere Entsetzlichkeit überein. Letzteres korrespondiert mit der jahrhundertealten Überzeugung, dass körperliche Hässlichkeit mit moralischer einhergeht.

In dem fiktiven, von äußerster Korruption gekennzeichneten lateinamerikanischen Polizeistaat „La Colonia“ aus den Graphic Novels „La gran patraña“ (1998, Der große Schwindel) und „El Iguana“ (1998, Erstveröffentlichung in französischer Sprache unter dem Titel „Le Fouineur, 1988) des Argentiniers Carlos Trillo ist der allseits gefürchtete, blutrünstige Chefkiller und ruchlose Folterknecht des totalitären Regimes unter dem Namen „Der Leguan“ (El Iguana) bekannt. Wie schon bei Oberlus Leguan entspricht auch hier die Widerwärtigkeit des Aussehens der des Charakters.

In der Dystopie „Galápagos“ (1985) des US-Amerikaners Kurt Vonnegut nimmt der Erzähler seine Leser mit auf eine Zeitreise, die aus einer eine Million Jahre alten Zukunft zurück in das Jahr 1988 führt, in dem die Anfänge zu der im Laufe der Jahrtausende erfolgten biologischen Rückentwicklung oder Devolution der Erdbewohner liegen. Damals leben Menschen mit „großen Gehirnen“ in einem gesellschaftlichen Konsens, namens Zivilisation, die nur nach Mammon trachtet. Schwere Finanzkrisen und brutale militärische Auseinandersetzungen führen zum Kollaps der globalen Ökonomie. Als erneut Krieg ausbricht, strandet eine bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft auf der fiktiven Galapagosinsel Santa Rosalia. Dadurch dass ein tödlicher Virus den Rest der Erdbevölkerung unfruchtbar gemacht hat, werden die Schiffbrüchigen die Retter ihrer Spezies. Über die Jahrtausende mutieren ihre Nachfahren zu robbenähnlichen, pelzigen Geschöpfen mit winzigen Gehirnen. „Die Aussichten der Menschheit, ein Comeback zu versuchen, sind denkbar gering. Wenn sie je wieder Werkzeug benutzen, Häuser bauen, Musikinstrumente spielen oder dergleichen tun wollten, müssten sie wohl ihre Schnauzen benutzen. Ihre Hände und Arme sind nämlich zu Flossen geworden, in denen die Fingerknochen unbeweglich festsitzen. [ …] Jene Teile des menschlichen Gehirns, mit denen die Leute früher ihre Finger kontrollierten, sind ganz einfach verschwunden.“

Was sowohl Kaliban („Ich hätte sonst die Insel mit Kalibans bevölkert“, Der Sturm, I, 2) als auch Oberlus versagt bleibt, nämlich sich fortzupflanzen, ist den Menschen bei Vonnegut möglich gewesen, wenn auch mit völlig unerwartetem Ausgang.

 


Bildquellen: [1-4] Quetzal-Redaktion, gt

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