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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Ein argentinisches Portrait

Gonzalo Compañy | | Artikel drucken
Lesedauer: 5 Minuten

Argentinien: Salinas Grandes - Foto: Quetzal-Redaktion, mgArgentinien…? Du kannst doch Tango tanzen, oder? Und du bist doch ein guter Fußballspieler? Du isst Rindfleisch zum Frühstück? Nein. Nein. Nein. Wie kann ein Argentinier erklären, was Argentinien ist?

Argentinien, das Land mit allen Klimazonen, mit dem zweithöchsten Berg Amerikas, Aconcagua (6.959 Meter über dem Meeresspiegel), mit einer über 5.000 Kilometer langen Landstraße, die von Puna bis nach Patagonien führt, mit dem breitesten Fluss, mit dem Geburtsort des aktuellen Vertreter Gottes auf Erden – dieses Land ist schwer zu definieren. Die Hauptstadt Buenos Aires ist eine riesige Stadt, die einschließlich ihres Großstadtgebiets fast 13 Millionen Einwohnern hat. Wenn man bedenkt, dass im Land insgesamt über 40 Millionen Einwohner leben, kann man sich die Gestalt Argentiniens annähernd vorstellen. Sollten die Besucher, die auf dem Flughafen von Buenos Aires landen, es schaffen, sich vom Schlund dieser monströsen Stadt loszureißen, könnten sie ein anderes, schwer einzuordnendes Argentinien entdecken und erleben.

Der Name Argentinien kommt von Argentum (Ag). Ein „Element“, das während der Kolonialzeit in unglaublichen Mengen in den Bergen des heutigen Boliviens lagerte. Wie in Potosí, der berühmten Stadt des Silbers, die paradoxerweise zugleich das Elend der indigenen Bevölkerung symbolisierte. Argentinien, dessen kolonialer Name sich aus der Bezeichnung eines Flusses – Río de la Plata (Silberfluss) – ableitete, über den das Edelmetall auf dem kürzesten Weg nach Europa geschafft werden konnte.

Obwohl der Unabhängigkeitskampf Lateinamerikas gegen das spanische Kolonialreich schon Anfang des XIX. Jahrhunderts begann, fand die Gründung des modernen Staats Argentinien erst 1880 statt. Damit lösten sich die Träume der wichtigsten Protagonisten der Befreiung des Kontinents, für die die Unabhängigkeit untrennbar mit der Einheit Lateinamerikas verbunden war, in Luft auf. Im Gegensatz zu der eurozentristischen Idee, wonach „die Argentinier aus den Schiffen kommen“, ergab 2010 eine genetische Untersuchung, dass über 60 Prozent der Bevölkerung des Landes das Blut der Ureinwohner in ihrer Adern haben. Offiziell werden aber nur 1,5 Prozent der Bevölkerung Argentiniens zu den indigenen Völkern gerechnet. Erklären kann man dies mit den gravierenden Auswirkungen des staatlich forcierten Assimilationsprozesses. Die Vernichtung der Ureinwohner, die von der Kolonialzeit bis Anfang der XX. Jahrhunderts reichte, wurde durch eine ethnische Säuberung ergänzt. Angesichts dieser Politik schämten sich viele Menschen ihrer nicht-europäischen Herkunft.

Glücklicherweise beginnt sich das Bild zu wandeln. Inzwischen kämpfen die Indigenen sowohl für die offizielle Anerkennung als Völker als auch für die Wiedergewinnung ihrer Territorien. Das Schicksal der afrikanisch stämmigen Bevölkerung Argentiniens verlief anders. Neben den diskriminierenden Lebensbedingungen spielten historische Ereignisse wie der Dreibund-Krieg (Guerra de Triple Alianza), in dem die ehemaligen Sklaven als Kanonenfutter verheizt wurden, eine entscheidende Rolle. Die Spuren ihrer Existenz können heute dank der archäologischen Forschung sichtbar gemacht werden.

Neben den ersten Spaniern und Kreolen, die seit der Kolonialzeit in Argentinien wohnten, kamen zwischen dem Ende des XIX. und der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts zahlreiche Einwanderer, zumeist aus Italien, Spanien oder Frankreich, aber auch aus dem übrigen Europa und dem Nahen Osten in das Land am Río de la Plata. Die meisten Migranten gingen nicht mehr zurück in ihre alte Heimat. Doch solche einschneidenden politischen Geschehnisse wie die Militärdiktatur 1976 oder die wirtschaftliche und kulturelle Krise von 2001 führten zu massenhaftem Exil und zunehmender Migration. Für die Betroffenen stellt sich oftmals die Frage nach der ursprünglichen Herkunft ihrer Familien.

Argentinien: Diego Maradona mit Nestor Kirchner - Foto: Presidencia de la Nacion ArgentinaEs gibt viele außergewöhnliche Töchter und Söhne dieser Erde und der menschlichen Kultur. Manche von ihnen sind weltberühmt, echte Botschafter ihres Landes, die man auch im Ausland kennt. So erstaunt es nicht, wenn ein Schuhputzer auf einer Straße in Istanbul Argentinien automatisch mit dem Namen Diego Armando Maradona verbindet. Da Persönlichkeiten der Politik wie Juan D. Perón, Evita, Ernesto Che Guevara; des Sports wie Juan Manuel Fangio, Guillermo Vilas oder Lionel Messi; der Musik wie Carlos Gardel, Astor Piazzolla, Mercedes Sosa, Atahualpa Yupanqui oder Mauricio Kagel sowie der Literatur wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar hinreichend bekannt sind, sollen hier andere Menschen genannt werden, mit denen es das Schicksal nicht so gut gemeint hat. In der Musik Enrique Villegas, Oscar Alemán, Charly García, Luis A. Spinetta, Litto Nebbia, Gustavo Cuchi Leguizamón, Gerardo Gandini; in der Literatur: David Viñas, Macedonio Fernández, Roberto Arlt, Juan Gelman, Miguel Ángel Bustos, Rodolfo J. Walsh – der Non-Fiction schon 1957 schrieb – und Francisco Paco Urondo, die beiden letztgenannten Schriftsteller bleiben Verschwundene seit der letzten Diktatur; in der Wissenschaft César Milstein, René Favaloro, León Rozitchner. Zum Schluss nennen wir noch Entdeckungen, die von Argentiniern gemacht wurden: der Kugelschreiber, der Deo-Roller und das automatische Schaltgetriebe (László József Bíró), das daktyloskopisches System (Juan Vucetich), der Herz-Bypass (René Favaloro), die Blindenampel (Mario Dávila) und der elektrische Knüppel (Leopoldo Polo Lugones).

Coda: Obwohl der Tango in den Genen der ArgentinierInnen liegt, ist dieser Tanz eine erlernte Handlung, die nur wenige ausgewählte Menschen entwickeln können. Wenn ein Argentinier auf die Welt kommt, bekommt er zuerst einen Fußball und danach einen Namen. Trotzdem können nur einige von ihnen wirklich gut Fußball spielen. Heutzutage muss man mehrere Stunden durch die Gensojafelder der Pampa fahren, um eine Kuh zu sehen. Doch damit nicht genug: Manche ArgentinierInnen sind sogar vegetarisch.

Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion, mg; [2] Presidencia de la Nacion Argentina

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