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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Amerika, ich rufe deinen Namen nicht vergeblich an –Vor 75 Jahren erschien das Poem Canto General von Pablo Neruda

Gabi Töpferwein | | Artikel drucken
Lesedauer: 9 Minuten

Antes que la peluca y la casaca

fueron los ríos, ríos arteriales:

fueron las cordilleras, en cuya onda raída

el cóndor o la nieve parecían inmóviles:

fue la humedad y la espesura, el trueno

sin nombre todavía, las pampas planetarias.

El hombre tierra fue, vasija, párpado

del barro trémulo, forma de la arcilla,

fue cántaro caribe, piedra chibcha,

copa imperial o sílice araucana.

Tierno y sangriento fue, pero en la empuñadura

de su arma de cristal humedecido,

las iniciales de la tierra estaban

escritas.1

 

Am Anfang findet sich nichts Geringeres als die Genesis eines Kontinents. Eingeleitet mit dem Gedicht „Amor América“ (Amerikaliebe) beschreibt sie die Flora und Fauna, die Ströme und Mineralien und schließlich die Menschen.

Como la copa de la arcilla…2

Mit „Amor América“ beginnt ein wahrhaft monumentales Poem mit 15 Abschnitten, 231 Gedichten und mehr als 15.000 Versen – der Canto General des Chilenen Pablo Neruda.

Ursprünglich hatte Neruda ein deutlich kürzeres Werk geplant, den Canto General de Chile. Doch sehr bald wurde ihm die Beschränktheit seines großen Liedes über Chile klar. Denn die Wurzeln Chiles und der Chilenen erwiesen sich als weit verzweigt.

O’Higgins hatte Wurzeln in Miranda. Lautaro war mit Cauhtémoc verwandt. Die Töpferwaren aus Oaxaca hatten denselben schwarzen Glanz wie die Tonerde aus Chillán. 1810 war ein magisches Datum. Es war ein Datum, das allen gemeinsam war, ein allgemeines Jahr der Aufstände, ein Jahr wie ein roter Poncho der Rebellion, der über alle Länder Amerikas wehte.3

Canto General ist ohne Zweifel die bedeutendste Dichtung Pablo Nerudas und wohl auch eine der wichtigsten Lateinamerikas. Der mexikanische Kritiker Mario Ferrero charakterisierte das Poem als „umfassend und monumental, mit der größten thematischen Bandbreite und amerikanistischen Synthese, die jemals auf dem Kontinent realisiert wurde“4.

Entstanden ist der Canto General in den Jahren zwischen 1938 und 1949, einer Zeit großer weltpolitischer Ereignisse: Der spanische Bürgerkrieg und die Niederlage der Republikaner, der 2. Weltkrieg und die Zerschlagung des faschistischen Deutschlands durch die Alliierten, der Beginn des Kalten Kriegs. Auch für den Dichter waren diese Jahre bedeutsam und einschneidend. 1939 wurde er Sonderkonsul für die spanische Emigration in Paris, 1945 als Unabhängiger, unterstützt von der Kommunistischen Partei Chiles, zum Senator für Tarapacá und Antofagasta gewählt. Noch im selben Jahr trat er der KP Chiles bei. 1948, nachdem der chilenische Präsident Gabriel González Videla die Kommunistische Partei für illegal erklärt hatte, ging der Dichter in den Untergrund.

Ich entschied mich für die Flucht durch regnerische Dörfer, mit der Verzweiflung, das Nirgendwo zu verlassen und genau dort anzukommen.5

1949 gelang ihm die Flucht über die Anden. Er reiste umgehend nach Europa, wo er in Paris am Weltkongress der Friedensfreunde teilnimmt und anschließend Sowjetunion, Polen und Ungarn besuchte. Zusammen mit Paul Éluard kam er schließlich nach Mexiko, um dort am Lateinamerikanischen Kongress der Friedensfreunde teilzunehmen. Im Gepäck hatte er das Manuskript des Canto General.

In Mexiko machte sich Neruda dann an die Aufgabe, sein Poem herauszugeben. Er benannte eine sechsköpfige Kommission, die die Edition des Buches übernehmen sollte. Der renommierte spanische Maler und Grafikdesigner Manuel Prieto, ein Freund des Dichters, zeichnete für das Layout verantwortlich. Die mexikanischen Maler David Alfaro Siquieros und Diego Rivera, die Neruda bereits einige Jahre zuvor kennengelernt hatte, wurden mit der Gestaltung der Vorsatzblätter beauftragt. Besonders dieser Auftrag sollte Nerudas Nerven arg strapazieren, denn die beiden Muralistas hielten den vereinbarten Termin nicht ein und lieferten ihre Bilder mehrere Monate zu spät.

Die erste Ausgabe des Canto General, erschienen bei Talleres Gráficos de la Nación in der mexikanischen Hauptstadt, wurde zu einem wahren bibliophilen Schatz: Großformatig (36×24 cm), auf edlem Papier gedruckt, in roten Stoff gebunden, mit hervorragendem Layout und zwei vielfarbigen, an Murales erinnernden Bildern.

Finanziert wurde die Edition durch Subskribenten, deren Name am Ende des Buches aufgeführt waren. Zu diesen gehörten unter vielen anderen die ehemaligen mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas und Manuel Ávila Camacho sowie Jorge Amado (Brasilien), Nicolás Guillén (Kuba), Louis Aragon und Paul Eluard (Frankreich) sowie Pablo Picasso, Rafael Alberti und Luis Buñuel (Spanien). Die limitierte Sonderausgabe umfasste insgesamt 500 Exemplare, von denen 300 am 3. April 1950 in einer eigens anberaumten Signierstunde von Neruda, Siquieros und Rivera signiert wurden. Damit wurde ein Versprechen an die Subskribenten eingelöst, denn diese Exemplare waren für sie bestimmt. Noch im selben Jahr wurde in Mexiko eine Faksimile-Reproduktion der Erstausgabe mit einer Auflage von 5.000 Exemplaren in den Talleres de Gráfica Barcino gedruckt.

Auch in Chile erschien bereits 1950 eine erste Ausgabe des Canto General mit Stichen des jungen chilenischen Malers José Venturelli. Diese erste chilenische Edition war eine Meisterleistung der Konspiration – ein 500-seitiges Buch mit Illustrationen, gedruckt und verbreitet in tiefster Illegalität.

Nerudas epochales Werk sollte sehr schnell im buchstäblichen Sinne zum Gesang werden. Zahlreiche Komponisten verschiedener musikalischer Genres vertonten Teile des Canto General. Bereits 1955 schrieb der Chilene Vicente Bianchi die „Tonadas de Manuel Rodríguez“. Der Dichter, so berichtete Bianchi später, wechselte die Gesichtsfarbe, als er die Lieder bei einer Aufführung hörte.

Das ist es, wovon ich immer geträumt habe! Denn die Leute lesen mich, kennen mich; aber das ist es, was mir gefällt: Mit etwas, mit Musik, zu den Menschen zu kommen.6

Später werden „Romance de los Carrera“, „Canto a Bernardo O’Higgins“ und „A la Bandera de Chile“ aus der Feder des chilenischen Komponisten folgen.

Die 1965 gegründete Gruppe Aparcoa, Teil der Bewegung des neuen chilenischen Liedes, adaptierte den Canto General 1970 in Zusammenarbeit mit dem Dichter selbst. In der Plattenaufnahme rezitiert der Dichter rezitiert zu Beginn Verse aus „Amor América“, dem Eingangsgedicht des Canto General. Neben Kompositionen von Aparcoa finden sich auch musikalische Beiträge von Gustavo Becerra-Schmidt, Sergio Ortega und Violeta Parra. Die Uraufführung fand im Dezember 1970 im Teatro Municipal in Santiago de Chile statt. Nach dem faschistischen Putsch nahm die Gruppe ihr poetisch-musikalisches Werk mehrmals neu auf; eine der Aufnahmen erschien beim DDR-Plattenlabel AMIGA mit Gisela May als Sprecherin.

1971 hörte der griechische Komponist Mikis Theodorakis den Canto General mit Aparcoa in Valparaiso. Das Konzert inspirierte ihn zu einer eigenen musikalischen Bearbeitung von Nerudas Werk. Er bat Salvador Allende und Pablo Neruda um eine passende Textauswahl, denn die Verse sollten nicht ins Griechische übersetzt werden. 1973 war eine Aufführung in Santiago de Chile geplant. Daraus wurde dann aber nichts, der faschistische Putsch machte diesen Plan zunichte. Erst im Jahr 1993 konnte Mikis Theodorakis seinen Canto General in Chile vorstellen.

Der Canto General von Mikis Theodorakis ist zweifellos die weltweit bekannteste Vertonung von Nerudas Epos. Und das Werk, das eine Recherche anderer Vertonungen des Canto General erschwert. Selbst Nerudas Buch erscheint bei einer Internetsuche unter ferner liefen. Das ist jetzt kein Vorwurf; Theodorakis‘ Canto ist ein Meisterwerk.

In Lateinamerika dürfte eine weitere musikalische Bearbeitung von Nerudas Poem wesentlich bekannter sein: „Alturas de Machu Picchu“ der chilenischen Rockgruppe Los Jaivas aus dem Jahr 1981. Los Jaivas, berühmt für ihre Verbindung von progressive und psychodelic Rock mit lateinamerikanischen Rhythmen und immer wieder mit Pink Floyd verglichen, veröffentlichten mit „Alturas“ ihr vermutlich bedeutendstes Album. Der Gruppe wurde auch erlaubt, in Machu Picchu zu spielen. Im September nahmen sie für eine Fernsehsendung „Alturas de Machu Picchu“ in den Ruinen der Inkastadt auf. Der Auftritt war nicht unumstritten, man hatte Angst, die Ruinen könnten beschädigt werden. Die Musik wurde fürs Fernsehen auch nicht live aufgenommen, sondern kam aus der Konserve. Aus Anlass des 100. Jahrestages der Wiederentdeckung von Machu Picchu traten Los Jaivas 2011 noch einmal in der Festung auf, live und als Teil eines offiziellen Programms vor illustrem Publikum.

Die Vertonungen von Mikis Theodorakis, Aparcoa und Los Jaivas sind in verschiedenen Versionen vollständig im Netz zu finden; sie sind allemal ein guter Einstieg, um sich mit Nerudas epochalem Poem zu beschäftigen. Wer dann noch das Buch zur Hand nimmt, hat den doppelten Genuss. Und widersteht dem Zeitgeist. Denn in Deutschland scheint das 75. Jubiläum des Canto General keine Rolle zu spielen; im World Wide Web findet sich jedenfalls kein Hinweis auf den Jahrestag.

 


 

Quellen

1 Neruda, Pablo: Canto General. America 1950. www.memoriachilena.gob.cl602w3-article-72275.html

Vor Perücke und Seidenfrack/waren die Ströme, Ströme arterienhaft/ waren die Cordilleren, auf deren kahler Welle/ der Condor und der Schnee unbeweglich schienen:/ war die Feuchte und das Dickicht, der noch/ namenlose Donner, die Planetensteppen. Erde war der Mensch, Gefäß, Lidschlag/ des zitternden Lehms/ Gebild aus Erdenton,/ war karibischer Krug, Chibcha-Stein,/ Zart und grausam war er, aber in den Knauf/ seiner Waffe aus benetztem Kristall/ eingezeichnet waren/ der Erde Initialen.; Neruda, Pablo: Der Große Gesang. Verlag Volk und Welt Berlin 1977. S.7.  Ins Deutsche übertragen von Erich Arendt. 

2 Wie ein Gefäß des Erdenstoffs… ebenda, S. 21.

3 Pablo Neruda, 1954. www.cultura.fundacionneruda.org/2020/07/historia-y-cronologia-de-canto-general/

4 Biblioteca virtual de MéxicoCanto General de Pablo Neruda, patrimonio del Programa Memoria del Mundo de la Unesco. www.bibliotecavirtualdemexico.cultura.gob.mx/CantoNeruda.php

5 Pablo Neruda. Centro Virtual Cervantes. www.cvc.cervantes.es/literatura/escritores/neruda/cronologia/cronologia_03.htm

6 Muñoz, Sergio: Del aire al aire: El Canto General en la música chilena. www.cultura.fundacionneruda.org/2020/07/del-aire-al-aire-el-canto-general-en-la-musica-chilena/

 

Literatur

50 años Canto General. Discurso del Presidente de la Fundación Neruda, Don Juan Agustín Figueroa. www.neruda.uchile.cl/cantogeneral/discursos/figueroa.html (25.12.2025)

Muñoz, Sergio: Del aire al aire: El Canto General en la música chilena. www.cultura.fundacionneruda.org/2020/07/del-aire-al-aire-el-canto-general-en-la-musica-chilena/ (25.12.2025)

Memoria de Chile. Los Jaivas 1963-2006. www.memoriachilena.gob.cl/602/w3-article-94818.html (25.12.2025)

Neruda, Pablo: Canto General. Biblioteca virtual. Miguel de Cervantes. www.cervantesvirtual.com/obra/canto-general–0/ (25.12.2025)

Neruda, Pablo: Der Große Gesang. Verlag Volk und Welt Berlin 1977.

Pastene, Margarita: Mikis Theodorakis y Canto General, la fusión perfecta. www.elsiglo.cl/mikis-teodorakis-y-canto-general-la-fusion-perfecta/ (25.12.2025)

 

Bilder: [1, 3-4] CoverScans; [2] Bundesarchiv, Bild 183-10640-0020 / CC-BY-SA 3.0

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