Quetzal Vogel
News Icon
Quetzal

Politik und Kultur in Lateinamerika

Template: single_normal
Artikel

Viva Frida Kahlo. Eine Ausstellung im Kunstkraftwerk Leipzig

Gabi Töpferwein | | Artikel drucken
Lesedauer: 8 Minuten

Ganz Leipzig ist seit kurzem im Frida-Kahlo-Fieber. Ganz Leipzig? Nein, nicht ganz Leipzig… Und Frida-Kahlo-Fieber ist vielleicht auch nicht so ganz richtig, Frida-Kahlo-Experience-Fieber trifft es wohl eher. Auch wenn man eher eine Frida-Kahlo-Experiencia erwarten sollte. Schließlich war die Frau Mexikanerin und Englisch definitiv nicht ihre Muttersprache. Aber so weit geht die Begeisterung vielleicht doch nicht.

Am 14. Februar wurde „Viva Frida-Kahlo – Immersive Experience“ im Leipziger Kunstkraftwerk eröffnet. Bereits am 12.2. gab es die feierliche Premiere mit geladenen Gästen; da war auch Quetzal dabei. Hier nun einige unvollständige Eindrücke.

Immersive Experience? Immersive ist ja seit neulich das Dings. „Immersive“ beschreibt einen Effekt, bei dem der Betrachter in eine multimediale Illusion aus Bild und Ton eintaucht und Teil des Zusammenspiels wird.[i] Das kommt mir durchaus bekannt vor. Genaugenommen waren vermutlich bereits die Kinobesuche in meiner Kindheit immersiv; nur dass ich das Wort damals noch nicht kannte. Die Filme mögen zweidimensional gewesen sein, aber meine Fantasie schuf die dritte Dimension und machte mich zu einem Teil dieses Zusammenspiels. Aber so war das wohl nicht gemeint, denn mit einem 3D-Mapping-Projektionssystem können Inhalte wie Grafiken, Animationen, Bilder oder Videos auf dreidimensionale Objekte projiziert werden, so dass eine einzigartige Atmosphäre entsteht.[ii] Gut, eine computeranimierte Multimedia-Show also. Die Technik ist das Dings, weniger der Inhalt.

„Viva Frida Kahlo“, so teilen ihre Schöpfer, die Alegria Exhibition und die Immersive Art AG, mit, ist die ersteimmersive Inszenierung der weltberühmten Werke der legendären mexikanischen Künstlerin und Ikone Frida Kahlo. [iii]Das sind sehr viele Superlative auf einmal, dieser Überschwang macht dann doch etwas misstrauisch. Die „Immersive Experience“ war in Berlin, München. Hamburg, Madrid zu sehen und läuft zurzeit außer in Leipzig in Stuttgart und Köln. Das sind doch einmal handfeste Vorteile der Digitalisierung. Und es gibt einen weiteren Vorteil, der diese Ausstellung wirklich einmalig macht. Die Mehrzahl der Bilder Frida Kahlos darf Mexiko nicht verlassen, das hat ihr Mann Diego Rivera so verfügt. „Viva Frida Kahlo“ zeigt nach eigenen Angaben 130 der insgesamt 143 Ölgemälde der Künstlerin. Das findet man höchstens in großformatigen und preisintensiven Bildbänden.

Die Ausstellung gliedert sich in mehrere Teile, von denen der Zeitstrahl der konventionellste und die 360-Grad-Projektion ohne Zweifel der spektakulärste ist. Diese Projektion ist tatsächlich ein wahrhaft sinnliches Erlebnis, eine Explosion voller Farben…[iv] Eine Beschreibung wird es hier nicht geben, die wäre sowieso nicht adäquat. Begleitet wird das Bilder- und Musikfeuerwerk von eingesprochenen Originaltexten von Frida Kahlo, die die Bilder kommentieren. Oder auch umgekehrt. Das haut nicht immer ganz hin, Bild und Text sind zeitlich nicht immer ganz synchron. Aber das tut dem Erlebnis keinen Abbruch. Apropos Bild: 130 Bilder in einer immersiven Show zu sehen, heißt leider sie nicht wirklich zu sehen. Dafür sind die Projektionen zu vielfältig und wechseln zu schnell.

Das wirklich Spektakuläre ist hier die Technik, das muss betont werden. Die behauptete Innovation, mit Hilfe der Originaltexte eine Innensicht von Frida Kahlo zu vermitteln, ist gar keine. Der schon ziemlich alte Katalog der Frida-Kahlo-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt aus dem Jahr 1993 folgt dem gleichen Konzept. Und ist in dieser Hinsicht vollständiger; aber halt nicht so bunt.

Andere Bereiche von „Viva Frida Kahlo“ sind mehr interaktiv angelegt. Bilder erscheinen auf Monitoren oder werden an die Wände projiziert, der Besucher hat die Möglichkeit, Veränderungen auszulösen. Daneben findet man Zitate von Frida Kahlo und weitere Informationen zu ihrem Leben und ihrer Kunst. Das ist Kunst zum Anfassen im wahrsten Sinn des Wortes, quasi zum Mitmachen. Doch führt das Mitmachen nicht unbedingt zu einem tieferen Einblick in Kahlos Kunst. Es ist eher ein Mitmachen um des Mitmachens Willen; ein Staunen über die Möglichkeiten der Computertechnik.

So gibt es auch die lustige Möglichkeit, einmal Frida zu sein. Nein, natürlich nicht, indem man sich mit Pinsel oder Stift in der Malerei versucht. Vielmehr gibt es einen bemalten Spiegel, so dass man ein Selfie mit kräftigen Augenbrauen machen kann. Das erscheint dann doch eher fragwürdig und ist alles andere als eine emotionale Reise durch das Leben, die Kunst und die innere Welt einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, wie Paolo Löffler, der Direktor des Kunstkraftwerks, etwas vollmundig meint.[v] Stellen Sie sich doch, nur spaßeshalber, eine Ausstellung vor, in der sie vor einem Spiegel ein Selfie mit einem enormen Bauch machen können – einmal Diego Rivera sein. Das ist unvorstellbar, oder? Hier wird ein Klischee von Frida Kahlo bedient, das vor allem im Westen präsent ist: eine schöne Frau mit kräftigen, auffälligen Augenbrauen, Damenbart, vielen Affären und körperlichem Leid. Ach ja, und Malerin war sie auch noch.

Zu diesem Klischee passen im weitesten Sinne auch Informationen, die man in der Ausstellung findet. So wird mitgeteilt, dass Kahlos Bilder auf dem Kunstmarkt heute immense Preise erzielen. Ist das für das Verständnis ihrer Kunst relevant? In einer Gesellschaft, in der nicht selten der Preis mit dem Wert verwechselt wird, ist es das sicherlich. Im Umkehrschluss müsste man fragen, ob die Bilder der Künstlerin weniger bedeutsam wären, wenn es auf dem Kunstmarkt keine Nachfrage nach ihnen gäbe.

Durchaus interessant in diesem Zusammenhang ist allerdings, dass Popikone Madonna eine der zahlungskräftigen SammlerInnen sei. In ihrem Hang zur Selbstinszenierung lassen sich durchaus Ähnlichkeiten zwischen den beiden Künstlerinnen feststellen. Teil dieser Inszenierung war im Fall von Frida Kahlo die Tehuana-Tracht, die sie ihrem Mann zuliebe trug. Sie wegen dieser Tracht zur Modeikone zu machen (Frida auf dem Catwalk), verschiebt die Realitäten doch sehr stark. Die Künstlerin hat diese Tracht nicht erfunden, heute würde man wohl von kultureller Aneignung sprechen. Die Zapotekinnen am Golf von Tehuantepec im Bundesstaat Oaxaca tragen diese Tracht bis heute bei ihren Festen, ganz ohne das Beispiel von Frida Kahlo. Das weiß man in Mexiko, im Westen scheinbar nicht.

„Viva Frida-Kahlo – Immersive Experience“ ist der beste Beweis dafür, dass Frida Kahlos Malerei in der Popkultur angekommen ist, oder besser, von dieser vereinnahmt wurde: sehr bunt und unterhaltsam, aber stellenweise auch recht oberflächlich. Die Ausstellung gibt zweifellos eine erste Einführung zu Frida Kahlos Leben und Malerei. An ihre Bilder vermag sie den Besucher eher nicht heranzuführen, dafür braucht es Ruhe, ja Muse. Auch wenn diese vielleicht nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint (sorry, Herr Direktor).

Doch eine erste Einführung kann durchaus der Ausgangspunkt für eine intensivere Beschäftigung mit der Künstlerin und ihrer Kunst sein. Es braucht manchmal halt den ersten Schritt. Dafür kann ich „Viva Frida Kahlo“ nur empfehlen.

Abschließend soll hier noch der Leipziger Beitrag zur Ausstellung gewürdigt werden: eine Projektion zum Día de los muertos. dem Tag der Toten. Warum diese mexikanische Tradition in diesem Zusammenhang gewählt wurde, erschließt sich nicht so richtig. Frida Kahlo hatte Votivbilder gesammelt, keine Skelette aus Pappmaché. Aber da inzwischen alle „Coco“ gesehen haben dürften, ist die Wahl dieses Festes naheliegend, da es allgemein als ganz typisch mexikanisch angesehen wird. Und so gibt es passenderweise den Día in der Hollywood Version – grellbunt, mit viel Musik und tanzenden Calaveras. Mittelpunkt dieser Experiencia ist ein drei Meter hoher Totenschädel aus dem 3D-Drucker. Das ist beeindruckend gut gemacht. Und auch, wenn diese Projektion nicht ganz zu einer „Frida Kahlo Experience“ zu passen scheint, unterhaltsam ist sie allemal.

 


 

[i] www.vivafridakahlo.de

[ii] www.vivafridakahlo.de

[iii] www.vivafridakahlo.de

[iv] www.vivafridakahlo.de

[v] www.kunstkraftwerk-leipzig.com/press_lounge/2/

 

Bildquellen: Quetzal-Redaktion [1-3]_as; [4-6]_ca; [7-8]_gt 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert