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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Das doppelte Amerika. Vom Empire der Siedler bis zum „ehrlichen Imperialismus“ des Donald Trump

Peter Gärtner | | Artikel drucken
Lesedauer: 12 Minuten

Bereits kurz nach der Übernahme seiner zweiten Präsidentschaft im Januar 2025 verkündete Donald Trump den Anspruch der USA auf Kanada, Grönland und den Panamakanal. Spätestens seit dem 3. Januar, als US-amerikanische Spezialkräfte auf seinen Befehl hin den venezolanischen Präsidenten Nicolas Madura und dessen Ehefrau Cilia Flores völkerrechtswidrig aus Caracas entführten, dürfte auch dem letzten Zweifler klar geworden sein, wie ernst der US-Präsidenten seine territorialen Ansprüche meint. Diese Rückkehr zum „ehrlichen Imperialismus“ (Renate Dillmann) offenbart zweierlei: Einerseits verzichtet Trump auf die letzten Reste liberaler Tarnung der US-amerikanischen Außenpolitik und zieht damit einen Schlussstrich hinter 80 Jahren „wohlwollender“ und „wertegeleiteter“ Hegemonie; andererseits schließt sich damit der Kreis imperialer Landnahme in und durch Amerika. Dieser doppelte Verweis auf Amerika spielt auf einen Sachverhalt an, der trotz seiner Offensichtlichkeit meist übersehen wird. In Verkehrung der historischen Abfolge und der geographischen Proportionen denken wir bei Amerika zuerst an die USA und – wenn überhaupt – erst danach an den Kontinent, der aber nur selten in seiner Gesamtheit wahrgenommen wird. Wie sich das Verhältnis in diesem amerikanischen Doppel, das von Washington im Konzept der westlichen Hemisphäre zusammengefasst wird, in den 250 Jahren seit Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika bis heute gestaltet hat, ist Gegenstand einer dreiteiligen Folge, die mit diesem Beitrag beginnt.

Das Imperium der Siedler (Teil 1)

Bereits in der Selbstbezeichnung „Vereinigte Staaten von Amerika“ steckt der Keim imperialer Anmaßung. Bevor die USA sich ihren Namen gaben, war mit „Amerika“ der gesamte Doppelkontinent gemeint, der von zwei Ozeanen umschlossen wird und von Pol zu Pol reicht. Würden die USA dem Beispiel ihres südlichen Nachbarn, der Vereinigten Mexikanischen Staaten, folgen, müssten sie sich zumindest „Vereinigte Staaten von Nordamerika“ nennen – eine Bezeichnung, die in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet war. Die Selbstverständlichkeit, mit der die USA die Bezeichnung „Amerika“ für sich beanspruchen, hat insofern einen wahren Kern, als dass sie tatsächlich den gesamten Doppelkontinent als „unsere Hemisphäre“ beanspruchen. Neu ist allerdings, dass sich die Vereinigten Staaten heute in einer Phase des Abstiegs befinden und sie diesen Anspruch in den Turbulenzen und Umbrüchen des Übergangs zu einer multipolaren Welt behaupten müssen. Will man das Spannungsverhältnis von Kontinuität und Bruch in der imperialen Expansion der USA genauer erfassen, ist ein Blick zurück erforderlich.

Die Revolution der Siedler

Als die 13 britischen Kolonien an der nordamerikanischen Atlantikküste 1776 ihre Unabhängigkeit von London erklärten, umfassten sie ein Territorium von insgesamt 650.000 km². In den dreißig Jahren zwischen 1750 und 1780 hatte sich die Bevölkerung von 1.186.408 auf 2.680.234 mehr als verdoppelt.[i] Die Zahl der afrikanischen Sklaven wuchs von 469.867 (1770) auf 717.021 (1790), wobei die Mehrzahl in den südlichen Kolonien (Maryland, Virginia, North Carolina, South Carolina, Georgia) konzentriert war.[ii] Den Siebenjährigen Krieg (1756-1763), der in Nordamerika als French and Indian War bekannt ist und dort bereits 1754 begonnen hatte, konnten die Briten für sich entscheiden, wodurch die französischen Kolonien in Nordamerika an London fielen. Für die Briten erwies sich dieses Ende des erbitterten Ringens um die globale Vorherrschaft insofern als Pyrrhus-Sieg, als dass damit auch der Boden für den Verlust ihrer 13 Siedlerkolonien am Atlantik bereitet worden war. Neben der Unzufriedenheit mit der wachsenden Steuerlast bildete die Royal Proclamation von 1763 den Hauptgrund für die rasch wachsende Rebellion der Siedler. Darin ordnete König George III. den britischen Kolonialbesitz in Nordamerika neu und bestimmte die Applachen als Siedlungsgrenze. Die Gebiete hinter dem Gebirge sollten Indianerland bleiben. Der 1775 von den Siedlern begonnene Krieg führte nicht nur zur Unabhängigkeit der USA, sondern verschaffte dem neuen Staat auch einen riesigen Landgewinn. Mit dem Friedensvertrag von Paris 1783 rückte die Westgrenze bis zum Mississippi vor, womit sich die Fläche der Vereinigten Staaten fast vervierfachte und mit einem Schlag auf 2.310.619 km² stieg. Das heißt: „Der Revolutionskrieg wurde auch um das Land der Indianer geführt.“[iii]

Europäische Rivalen

Zwanzig Jahre später kamen im Louisiana Purchase noch einmal 2.144.476 km² hinzu. Napoleon I. sah sich 1803 gezwungen, das gesamte Gebiet zwischen den spanischen Besitzungen in Nordamerika und dem Mississippi an die USA für 15 Mio. Dollar zu verkaufen. Paradoxerweise hatten die USA ihren unverhofften territorialen Zuwachs den ehemaligen Sklaven von Saint Domingue zu verdanken. In Verteidigung ihrer erfolgreichen Revolution hatten diese sich am 1. Januar 1804 unter dem neuen Namen Haiti ihre Unabhängigkeit von Frankreich erkämpft. Die Verluste des französischen Okkupationsheeres waren so hoch, dass Napoleon seinen Traum von der Wiedererrichtung des französischen Kolonialreiches in Nordamerika aufgeben musste. Die USA hatten damit doppeltes Glück: Neben der Verdoppelung ihres bisherigen Territoriums hatte sie sich mit diesem Deal zugleich eines gefährlichen Konkurrenten im geopolitischen Ringen um die Vorherrschaft in Nordamerika entledigt. Kapp zehn Jahre später stellte sich jedoch heraus, dass die neu gewonnene Stärke nicht reichte, um auch Großbritannien dauerhaft zu verdrängen. Der 1812 begonnene Marsch nach Kanada endete 1814 mit einem Unentschieden.

Zwar hatte der „Zweite Unabhängigkeitskrieg“ den USA nicht den erwarteten Sieg gebracht, dafür aber den Boden für einen Kompromiss mit dem ehemaligen Mutterland bereitet. Als US-Präsident James Monroe im Dezember 1823 den europäischen Mächten weitere koloniale Bestrebungen in der westlichen Hemisphäre verwehrte, konnte der Siedlerstaat seinen Hegemonialanspruch (noch) nicht aus eigener Kraft umsetzen. Dazu bedurfte es vielmehr der Stärke der Royal Navy. Da London bei der Errichtung seines informellen Empire in Lateinamerika ebenfalls kein Interesse an der Einmischung seiner europäischen Konkurrenten hatte, konnten die USA ihre Westexpansion bis zum Pazifik im Schatten der Pax Britannica von außen ungestört vorantreiben. Washington profitierte zunächst von der Schwäche Spaniens, dessen amerikanische Kolonien seit 1810 ebenfalls um ihre Unabhängigkeit kämpften. Im Adams-Onis-Vertrag von 1819 sah sich die iberische Kolonialmacht nicht nur gezwungen, Florida für 5 Mio. Dollar zu verkaufen, was den USA einen relativ geringen Territorialgewinn von 186.740 km² erbrachte. Wichtiger war die Grenzziehung zwischen beiden Staaten in Nordamerika, die dem Siedlerstaat nördlich des 42. Breitengrades einen Zugang zum Pazifik eröffnete.

Texas, Mexiko und Oregon – drei Wege der Annexion

Als Mexiko 1821 unabhängig wurde, erbte es auch das Territorium, das südlich dieser transkontinentalen Grenze lag. Je weiter die US-amerikanischen Siedler nach Westen vordrangen, desto schärfer wurden die Konflikte zwischen beiden Ländern. Für Washington schlug die große Stunde der Landnahme 70 Jahre nach Beginn des Unabhängigkeitskrieges. Zwischen 1845 und 1848 annektierte Washington das gesamte Territorium zwischen Kanada und dem heutigen Mexiko, wobei es sich verschiedener Strategien bediente. Das erste Opfer war Texas. Die Unabhängigkeit Mexikos 1821 öffnete den US-amerikanischen Siedlern einen Weg der Landnahme, bei dem letztlich deren numerische Überlegenheit den Ausschlag gab. 1836 erzwangen sie zunächst die bewaffnete Sezession von Mexiko. Das unabhängig gewordene Texas trat 1845 schließlich den Vereinigten Staaten bei, was den Mexikanisch-Amerikanischen Krieg auslöste. Dieser endete mit einer Niederlage des südlichen Nachbarn, der die Hälfte seines damaligen Territoriums an Washington abtreten musste. Allein der Anschluss von Texas ließ das Territorium der USA um 1.007.935 km² wachsen, was im Frieden von Guadelupe Hidalgo am 2. Februar 1848 noch einmal übertroffen wurde. Mexiko verlor damals noch einmal 1.370.593 km² an seinen nördlichen Nachbarn. Eine dritte Variante der Annexion war der Oregon-Kompromiss von 1846. Bei dem von den USA als Oregon-Country bezeichneten Territorium handelte es sich um ein Gebiet an der Pazifikküste, das sowohl die Vereinigten Staaten als auch das Vereinigte Königreich für sich beanspruchten, obwohl Pelzhändler, Trapper und Missionare lange die einzigen Europäer blieben, die sich dort aufhielten. Da James Polk, von 1845 bis 1849 elfter Präsident der USA, wegen des Konfliktes mit Mexiko den Grenzstreit im Norden schnell beilegen wollte, einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss und teilten das strittige Gebiet entlang des 49. Breitengrades unter sich auf, wobei die Insel Vancouver an die Briten fiel. Die USA gewannen so noch 742.140 km². Als British Columbia, wie die Briten ihren Teil des Oregon-Country bezeichneten, 1871 Teil von Kanada wurde, einigten sich beide Länder auf den 49. Breitengrad als gemeinsame Grenze. Die Präsidentschaft von James Polk stellt einen Höhepunkt der territorialen Expansion auf Kosten der beiden Nachbarn der USA dar, der unter der Bezeichnung der „Manifest Destiny“ (dt.: Offensichtliche Bestimmung) in die Geschichte eingegangen ist. Unter diesem Motto verkünden die USA ihr Recht, sich über den gesamten Kontinent auszudehnen. Von den 8.080.464 km2, die das Hauptland der USA, also die 48 zusammenhängenden Bundesstaaten (Lower 48), bilden, entfallen 3.120.668 km² allein auf die drei Annexionen von 1845 bis 1848, was 38,6 Prozent entspricht.

Kolonialkriege gegen die Ureinwohner

Im bisherigen Überblick, der sich auf die europäischen Kolonialmächte als Rivalen der USA sowie die beiden Nachbarn Mexiko und Kanada konzentriert hat, sind die eigentlichen Leidtragenden der territorialen Expansion der USA – die indigene Bevölkerung Amerikas – nur am Rande erwähnt worden. Es waren die indianischen Völker des Kontinents, die den höchsten Preis gezahlt und das schwerste Leid erlitten, aber auch den längsten Widerstand gegen den Landraub der europäischen Kolonialmächte und Siedler geleistet haben. Über diesen Aspekt der Geschichte der USA gibt es inzwischen umfangreiche Veröffentlichungen, die von den Indianerkriegen als Teil der „Erschließung des Kontinents[iv] über die US-Politik zur Lösung der „Indianerfrage“ und die indigene Gegenwehr[v] bis zu einer indigenen Geschichte Nordamerikas[vi] reichen. Der Landhunger der europäischen Siedler und ihrer amerikanischen Nachkommen raubte den ursprünglichen Bewohnern des Kontinents, deren Zahl für die USA (ohne Alaska) im Mittel auf fünf Millionen geschätzt wird[vii], ihre Lebensgrundlagen und führte zu einem Genozid, den bis 1890 nur knapp 190.000 Menschen überlebt hatten. Die „Indianerkriege“, d.h. die permanenten Kämpfe zwischen den Indigenen Nordamerikas und den aus Europa stammenden Siedlern, die mit der Unabhängigkeit der USA zugleich Staatspolitik wurden, sind nichts anderes als Kolonialkriege um die Ressource Land, die die Vertreibung und Ausrottung der ursprünglichen Bevölkerung Amerikas einschlossen. In diesem Sinne sind die indigenen Völker der USA (und Kanadas) Kolonialisierte, die sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft in einer Situation des inneren Kolonialismus befinden.

Alaska und Hawaii – Kolonien der anderen Art

Die ständig wachsende Einwanderung und die damit verbundene Westexpansion der USA bis zum Pazifik, die 1890 mit der offiziellen Schließung der Frontier ihr Ende fand, ging mit der administrativen Neuordnung der annektierten und eroberten Gebiete einher. Während die Indianer über verschiedene Stufen der Unterwerfung, Vertreibung und Ausrottung schließlich in den ihnen zugewiesenen Reservaten landeten und dort ein Leben in Armut und Marginalisierung fristeten, wurde Arizona am 14. Februar 1912 als letzter Bundesstaat in die Reihen der „Lower 48“ aufgenommen. Erst 1959 folgten Alaska am 3. Januar und Hawaii am 7. Juli als 49. bzw. 50. Bundesstaat. Ihre Besonderheit besteht nicht allein im späten Zeitpunkt ihrer Aufnahme in die Union der 48 zusammenhängenden Bundesstaaten. Weit bedeutsamer ist ihre geographische Lage und die damit verbundenen Eigenheiten ihrer Geschichte. Während Hawaii rund 3.760 km von der Westküste des nordamerikanischen Festlandes entfernt in den tropischen Gebieten des Pazifiks liegt, befindet sich Alaska in der frostigen Arktis. Auch ihr Weg in die Union unterscheidet beide Nachzügler. Alaska wurde bereits 1867 vom russischen Zaren an Washington verkauft und fristete lange Zeit ein Schattendasein als abgelegenes und dünn besiedeltes Territorium der USA, in dem die indigene Bevölkerung im Vergleich aller 50 Bundesstaaten mit 20 Prozent noch heute den höchsten Anteil an den Einwohnern hat. Hawaii war bereits 1810 ein einheitliches, international anerkanntes Königreich der Polynesier. Europäische und nordamerikanische Geschäftsleute stürzten 1893 die Monarchie und fünf Jahre später, am 12. August 1898, annektierten die USA die Inselkette. Neben der kontinentalen Westexpansion, die den ersten Akt der Geschichte der Greater United States bildet, gibt es also einen zweiten Akt, der in Übersee spielt und zu dem neben Alaska und Hawaii weitere Inseln im Pazifik (Guam, Philippinen, Wake, Amerikanisch-Samoa) und in der Karibik (Puerto Rico, Jungferninseln) gehören. Das Schicksal dieser Gebiete fällt unterschiedlich aus. Während Alaska und Hawaii als Bundesstaaten in den Schoß der Union aufgenommen wurden, verharren andere Inseln bis heute in einem Übergangsstadium zwischen Anschluss und Kolonie (Puerto Rico, Amerikanisch-Samoa), während die Philippinen aus ihrem Status als US-Kolonie später in die formelle Unabhängigkeit entlassen wurden. Der letztgenannte Fall verweist bereits auf den dritten Akt.[viii] Dieser beginnt mit dem Sieg der USA im Zweiten Weltkrieg, der in Hinblick auf den Status der USA als „moderne Kolonialmacht“ eine gewichtige Frage aufwirft: „Warum nahmen die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt ihrer Macht Abstand davon, ein Kolonialreich zu schaffen?“[ix] Welcher Stellenwert dem ersten und zweiten Akt im weiteren Verlauf des imperialen Aufstiegs der USA zukommt und welche Rolle der Doppelkontinent Amerika darin spielt, wird Gegenstand des zweiten Teils unserer Dreierfolge sein.

 


 

Anmerkungen:

[i] Vgl. Reinhard, Wolfgang: Die Unterwerfung der Welt. München 2016, S. 538

[ii] Vgl. Stöver, Bernd: United States of America. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart. München 2012, S. 204f

[iii] Raeithel, Gert: Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 1: Vom Puritanismus bis zum Bürgerkrieg 1600-1860. Frankfurt a. M. 2002, S. 176

[iv] Vgl. Stöver 2012, S. 123-151

[v] Vgl. Bungert, Heike: Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA. München 2020; Mattioli, Aram: Zeiten der Auflehnung. Eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA 1911-1992. Stuttgart 2023

[vi] Vgl. Hämäläinen, Pekka: Der indigene Kontinent. Eine andere Geschichte Amerikas. München 2023; Mattioli, Aram: Verlorene Welten. Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas. Stuttgart 2017

[vii] Vgl. Stöver 2012, S. 53

[viii] Vgl. Immerwahr, Daniel: Das heimliche Imperium. Die USA als moderne Kolonialmacht. Frankfurt a. M. 2019, S. 28-32. Der Autor entfaltet in seinem Buch die lange Version dieser drei Akte.

[ix] Ebenda, S. 30

Bildquellen: [1, 3] CoverScans; [2] Quetzal-Redaktion, gc