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Die Erschaffung

Aníbal Ramírez | | Artikel drucken
Lesedauer: 5 Minuten

Nur durch die Kunst der Magie war es möglich, daß sich dieser runde Erdball, auf dem wir leben, mit all seinen Eigenheiten bilden konnte. So jedenfalls glauben und bezeugen es die Quiché-Indianer, deren Gedanken der Nachwelt durch das Popol-Vuh übermittelt wurden. Entstanden im Glauben und im festen Vertrauen auf die Wahrheiten, die von den Göttern verkündet und von den indianischen Priestern verbreitet wurden, ist das Popol Vuh das heilige Buch der Mythen, der Magie und der Abenteuer. Es ist eines der beeindruckendsten und lebendigsten Erzählwerke der präkolumbianischen Literatur des amerikanischen Kontinents.

Und wie im Popol Vuh geschrieben steht, schufen die Götter zuerst, „die Erde, die Berge und Täler, sie teilten die Wasserströme, die Bäche flössen zwischen den Hügeln, und die Wasser teilten sich, wo ein Gebirge entstand.“

Das war jedoch nur der Beginn, denn danach kamen die Tiere, die als „Genien der Gebirge“ bezeichnet werden, die Hirsche, die Vögel, die Löwen, die Tiger und die Schlangen. Sie wurden bis in alle Ewigkeit dazu verurteilt, Opfer der Jäger und Speise für die Hungrigen zu sein, nur weil sie nicht sprechen und die Götter loben konnten. Die Tiere konnten nur schreien, krähen und schnattern, sie ließen keine Anzeichen einer Sprache erkennen, und jedes schrie auf seine Weise. Man versuchte also, den Menschen auf das Antlitz der Erde zu bringen.

Die Götter, die mit dieser Aufgabe betraut wurden, waren Tepeu und Gucumatz. Tepeu bedeutet König oder Souverän, und kommt von dem Nahuatl-Wort Tepeu, tepeuani, das manche auch mit „Eroberer“ oder „Sieger“ übersetzen und für das die Mayas das Wort „ah tepehuatl“ gebraucht, welches sie von den Mexikanern übernommen hatten. Gucumatz, grüngefiederte Schlange, die Umschreibung für Quetzal, und Cumatz, Schlange, ist die Quiché-Version für Kukulcán, den Maya-Na-men von Quetzalcoaltl, König der Tolteken, Eroberer, Zivilisator und Gott von Yucatán in der Ära der Neuen Maya-Reiches.

Tepeu und Gucumatz versuchten also, den Menschen zu erschaffen. Aus Schlamm und Erde formten sie seinen Leib, „doch sie sahen, daß er nicht gut war, denn er zerfiel, er war weich, er bewegte sich nicht, er besaß keine Kraft, er fiel zu Boden, war schwach, bewegte nicht den Kopf, sein Gesicht war schief, er sah nicht gut, er konnte auch nicht hinter sich blicken. Am Anfang sprach er, aber er verstand nichts.“ Deshalb lehnten die Götter dieses Werk ab. Eine schlechte Arbeit.

Ohne die Geduld oder den guten Willen zu verlieren, unternahmen Tepeu und Gucumatz weitere Versuche. Sie wählten auf gut Glück das Material. Sie entschieden zwischen Mais und tzite (dem Holz des pito-Baumes). Ohne lange zu zögern, machten sie sich an die Arbeit, und der Mensch wurde aus Holz gemacht. „Sie existierten und sie vermehrten sich; sie hatten Töchter, sie hatten Söhne, diese Holzpuppen; aber sie hatten keine Seele, sie konnten nichts verstehen, sie erinnerten sich nicht ihres Schöpfers, ihres Erschaffers; sie liefen ohne Ziel umher und gingen auf allen Vieren.“ Und nach der Magie im Heiligen Buch der Quiché waren dies die ersten Menschen.

Als die Götter Tepeu und Gucumatz ihre Arbeit besahen, waren sie enttäuscht. Ihre Schöpfung stellte sie nicht zufrieden, und deshalb zerstörten sie die Puppen wieder.. „Und man sagt, daß die Nachkommen dieser Geschöpfe die Affen sind, die heute in den Wäldern leben; diese sind das Abbild jener, denn sie wurden von ihrem Schöpfer aus bloßem Holz gemacht. Und deshalb gleicht der Affe dem Menschen; er ist das Muster einer Generation von Menschen, die nur Puppen waren und aus Holz gemacht waren.“

Tepeu und Gucumatz verloren allmählich die Geduld. Erst als sie einen schönen Platz in den Wälder von Paxil und Cayala gefunden hatten, gelang es ihnen, einen Menschen zu schaffen, der Gott pries. Dort in Paxil und Cayala gab es die köstlichen Maiskolben, das Element, aus dem der Mensch geformt werden konnte. Auf diesem Land voller Köstlichkeiten gab es gelbe und weiße Maiskolben im Überfluß. „Aus gelben Mais und aus weißen Mais entstand sein Fleisch; aus Maismasse wurde seine Arme und Beine geformt. Nur Maismasse ging in das Fleisch unserer Väter ein, der vier Menschen, die geschaffen wurden. „Der erste war Balam-Quitzé, der zweite Balam-Acab, der dritte Mahucutah und der vierte Iqui-Balam. Die Kraft, die Fülle und die Energie dieser Menschen entstammen dem gemahlenen Mais. Sie besaßen keine Mutter, keinen Vater, sie waren einfach menschliche Wesen.

Tepeu und Gucumatz waren mit ihrem Werk zufrieden. Diese vier Menschen verdankten ihnen ihre Entstehung, und sie priesen ihren Schöpfer. Dazu schufen ihnen die Götter Frauen, damit diese den Männer Gesellschaft leisteten. „Gott selbst formte sie mit Sorgfalt, und sie waren da, als die Männer erwachten, und die Herzen der Männer füllten sich mit Freude, als sie ihre Frauen erblickten.“ Cahá-Paluna war die Frau, die Gott Balam-Quitzé gegeben hatte. Chomihä hieß die Frau Balam Acabs. Tzummiha hieß die Frau von Mahucutah, und Caquixaha war der Name der Frau Iqui-Balams.

Diese Paare zeugten die Männer und Frauen der kleinen und großen Stämme, und sie waren der Ursprung und Ausgangspunkt des Geschlechts der Quiché.

Und so verlief nach dem Popol-Vuh die Schöpfung.


 

Gebet an Viraqocha*

O Viraqocha, der ohne Gleichen ist
bis an die Grenzen der Welt,
du gabst den Menschen Leben und Wert
und sprachst: Es sei dieser Mann!,
und zu den Frauen: Es sei diese Frau!,
und du erschufst und formtest sie
und gabst ihnen Leben.
Behüte die du erschufst,
daß sie in Sicherheit leben, heil und ohne
Gefahr, in Frieden!
Wo bist du? Hoch oben im Himmel?
Oder unten? In den Gewitterwolken?
Oder im Donnergrolln?
Hör mich! Antworte mir!
Gewähr meinen Bitten! Gib langes Leben!
Immer halt uns an deiner Hand!
Empfang diese Opfergabe,
wo du auch sein magst,
o Viraqocha!

*Oberste Gottheit, Schöpfer der Welt

Ketschua-Version von „Gebet an Viraqocha“

Aticsi viracochan caylla viracocha tocapo acnupo viracochan camachurac. Caricachon huarmicachon nispa yurac. Camas caique chu-ras caiqui casilla quispilla canza musac. Mai-pimcaiqui ahuapichu ucupichu puyupichu llantupichu hoyarihuay haynihuay. Nihuay imay pachacamac haycay pachacamac canza chihuay marcarihuay hatallihuay. Cadcuzcay tari chasquihuay may pi scapo viracocha.

(Aufgezeichnet vom Chronisten Cristóbal de Molina, el Cuzqueno, um 1572).

Aus: KETSCHUA LYRIK, Verlag Phillip Reclam. jun. Leipzig.

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