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Die Fotografie des Unsichtbaren

Thomas Sträter | | Artikel drucken
Lesedauer: 6 Minuten

Vor hundert Jahren starb Machado de Assis, einer der Gründerväter der brasilianischen Literatur

Joaquim Maria Machado de Assis (1839–1908) ist mit seinen Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten stilbildend geworden für die brasilianische Literatur. Sein umfangreiches Werk zeigt den imperialen Glanz, aber auch das Elend der Belle Epoque in den Tropen.

Als die charakteristische Figur des 19. Jahrhunderts hat der französische Historiker Alain Corbin das Oxymoron bezeichnet. Hochfliegender Fortschritts- und Vernunftglaube des Säkulums wurde konterkariert von immer wieder aufflackerndem Irrationalismus und mündete zuletzt in Dekadenz und Aberglaube. Positivismus und Spiritismus gingen oft Hand in Hand. Auch Europas koloniales Erbe in der Neuen Welt machte da keine Ausnahme. Als eine Sklavenhaltergesellschaft voller Widersprüche an der Peripherie des Kapitalismus präsentierte sich das imperiale Brasilien jener Epoche.

Die metallisch schimmernden Daguerreotypien und sepiafarbenen Fotografien aus dieser Zeit haben eine idyllisch anmutende Vergangenheit jener Belle Epoque in den Tropen eingefroren: die Residenzstadt Rio de Janeiro mit ihren von Maultieren gezogenen Trambahnen, Copacabana und Ipanema noch wilde Strände mit ein paar Fischerhütten, weisse Herren, die mit ihren schwarzen Sklaven in Eintracht posieren. Eine ganze Fotoindustrie versorgte nach Europa reisende Brasilianer mit den pittoresken Konterfeis ihrer Ammen, Hausdiener, Wasser- und Sänftenträger, Korbflechter und Strassenhändler inmitten von Bergen exotischer Früchte, auf Visitenkartenformat reduziert. Die scheinbare Harmonie zwischen Rassen und Klassen sollte einen aufmerksamen Betrachter jedoch nicht täuschen: Unvermittelt schlägt uns Heutigen aus den Blicken der Porträtierten ihre Anklage gegen die Barbarei entgegen.

Unverbrüchliche Treue

Dieser imperialen Epoche mit ihrem Glanz und Elend hielt ein Autor in seinen Romanen und Erzählungen stets eine unverbrüchliche Treue, der selbst ein Mulatte war: Vor hundert Jahren ist Joaquim Maria Machado de Assis gestorben. Mit der Erfindung der Fotografie im Jahre 1839 teilt er das Geburtsjahr. Damals wurde Daguerres sensationelles Verfahren, Abbildungen von Objekten und Menschen ohne manuelles Eingreifen auf einer beschichteten Platte zu fixieren, in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Verfallszeit der Monarchie und nach dem Sturz Dom Pedros II., 1889, entstand der bedeutende, antiromantische Teil des Gesamtwerkes von Machado de Assis, bestehend aus acht Romanen und mehreren Bänden Erzählungen, daneben Gedichte, Dramen und Chroniken.

Aus einfachsten Verhältnissen stammend, die Mutter Wäscherin von den Azoren, der Vater ein freigelassener Sklave, arbeitete sich Machado als früh verwaister Autodidakt, trotz Epilepsie und einer angegriffenen Gesundheit, zum bedeutendsten Romancier Brasiliens im 19. Jahrhunderts empor. Der Gründer und Vorsitzende der Brasilianischen Akademie für Sprache und Dichtung galt schon zu Lebzeiten als ein Klassiker.

Ästhetisch steht Machados literarisches Schaffen in der Tradition des Realismus. Seine Romane und Erzählungen kreisen immer wieder um Fragen nach der Abbildbarkeit der äusseren wie inneren seelisch-psychologischen Wirklichkeit mittels Sprache. Durch sein ganzes Werk ziehen sich wie ein roter Faden oxymoronhaft Gegensatzpaare. Vernunft und Wahnsinn kollabieren und werden in seiner berühmtesten Erzählung austauschbar. In «Der Irrenarzt» erklärt ein wissenschaftsgläubiger Mediziner die Bevölkerung einer ganzen Kleinstadt für geisteskrank und lässt sie einsperren, um zum Schluss selbst als einziger Insasse im Asyl sein Dasein zu fristen.

Identitäten und Differenzen

In ähnlich ironischer Weise verschwimmen bei Machado die Konzepte von Original und Reproduktion oder gar Fälschung, von vermeintlichen Identitäten oder Differenzen bei Dingen wie Menschen. So am Beginn seines vielleicht besten Romans «Dom Casmurro», wo der Ich-Erzähler, Bento Santiago, den Versuch «einer Konstruktion oder Rekonstruktion seiner selbst» unternimmt. Abbilder der Wirklichkeit zerbrechen oder verzerren sich zu Fratzen, wie in der Erzählung «Der Spiegel». Ein junger narzisstischer Gardeleutnant muss erfahren, wie sich seine so gepflegte äussere Erscheinung samt innerer Selbstgewissheit nach und nach im Spiegelbild auflöst. In seinem vorletzten Roman «Esau und Jakob» sind es die Biografien zweier ungleicher Zwillingsbrüder, die sich am Ende doch als «identisch, seit sie den Mutterleib verlassen hatten», erweisen.

Dass sich Machado des mit der Lichtbildnerei gemeinsamen Geburtsdatums bewusst war, zeigt ein Feuilleton aus dem Jahre 1864. Bei einem Besuch im luxuriösen Palais des Hoffotografen, Insley Pacheco, erinnert der Chronist mehrmals die sensationelle Ankunft des ersten Fotoapparats in Rio de Janeiro, im Januar 1840. «Bis zu welchem Grad der Perfektionierung wird Daguerres Erfindung noch gelangen», staunt der sichtlich enthusiasmierte Bewunderer der ausgestellten Frauenporträts. Machado selbst sollte literarische Porträts einiger unvergesslicher Frauengestalten schaffen. In «Frauenarme» ist es die unerreichbare Gattin seines Arbeitgebers, die den jungen Gehilfen bis in seine Wachträume verfolgt: Ihre nackten weissen Arme werden zum fixen Objekt der Begierde. Abends, vor dem Schlafengehen, übernehmen seine auf die Wand gehefteten Augen gleichsam die Funktion eines Filmprojektors, der die Bilder der Begehrten zum Leben erweckt. Nach kurzer Zeit tritt die Angebetete seines Herzens von der Leinwand zu ihm in die Wirklichkeit herab.

In «Die Anleihe», der Geschichte eines stetigen Dahinschwindens, versucht ein armer Teufel vergebens, sich für eine Unternehmung eine exorbitant hohe Summe zu beschaffen. Am Ende erhält er ein Almosen, das ihm kaum zu einer Mahlzeit reicht. In dem Eingangskommentar präzisiert Machado sein Ideal einer erzählerischen Reduzierung auf das Wesentliche: die Epiphanie eines ganzen Lebens in einer Stunde oder sogar in wenigen Minuten! Das war einmal der Zeitraum, der für die Belichtung einer Daguerreotypie notwendig war. In seinen Romanen hat Machado versucht, in erzählerischen Momentaufnahmen das Leben literarisch zu kondensieren. In fotografischer Knappheit finden sich Kapitel von ein bis zwei Seiten, manche nur einige Zeilen lang.

Das menschliche Auge funktioniere wie eine Fotografie des Unsichtbaren, heisst es in «Esau und Jakob». Der als magisch empfundene Akt der Fotografie liess in den Köpfen von Machados Zeitgenossen die Idee einer spiritistischen Fotografie herumspuken. Gleichzeitig spielt Machado damit auf die Möglichkeit einer Abbildbarkeit der unsichtbaren Gedanken, der Psyche eines Menschen an, die er als bekennender «Schilderer des intimen Lebens unserer Zeit» verfolgte.

Ungebrochene Faszination

Es ist wohl kein Zufall, wenn das Kapitel «Die Fotografie» in «Dom Casmurro» die Zahl 139 trägt und so auf das doppelt bedeutsame Jahr 1839 anspielt. Machado de Assis lässt in dieser Othello-Variation den Protagonisten Bentinho im Porträt seines Busenfreundes Escobar den letzten Beweis für die mutmassliche Untreue seiner Frau Capitu erkennen. Die Gesichtszüge seines Sohnes ähneln, zumindest in seiner Wahnvorstellung, fatal denen Escobars. Sein Misstrauen zerstört Ehe und Freundschaft. Am Ende bleibt der mürrische Bentinho allein zurück mit der bohrenden Frage: Decken sich nicht die Bilder der vermeintlich treulosen Gattin und seiner Jugendliebe Capitu; steckte nicht immer schon die eine in der anderen?

Bleibt nachzutragen, dass Machado selbst, allen Zeugnissen nach zu urteilen, in glücklicher fünfunddreissigjähriger, kinderloser Ehe mit seiner Frau Carolina verheiratet war. Hundert Jahre nach seinem Tod übt Machados Werk nach wie vor eine ungebrochene Faszination auf Leser und Interpreten aus. Brasilien gedenkt in diesem Jahr seines grössten Schriftstellers mit Hommagen, Ausstellungen, neuen Editionen und akademischen Veranstaltungen. Auf Deutsch liegen einige seiner besten Erzählungen wie auch seine drei bedeutendsten Romane vor.

Dieser Beitrag erschien am 29.09.2008 in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der NZZ und des Autors.

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