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Gustavo „Cuchi“ Leguizamón x 100

Gonzalo Compañy | | Artikel drucken
Lesedauer: 8 Minuten

Genau vor 100 Jahren, am 29. September 1917, kam der Komponist und Pianist Gustavo Cuchi Leguizamón in der argentinischen Stadt Salta zur Welt. Salta ist die Heimat von so außergewöhnlichen Musikern wie etwa Eduardo Falú, Jaime Dávalos und Dino Saluzzi, und so gesehen die in musikalischer Hinsicht fruchtbarste Region Argentiniens. Leguizamóns Neigung zur Musik wurde bereits offenbar, als der Zwei-jährige unter Masern litt. Der Zwang, den ganzen Tag im Bett zu verbringen, gab ihm nun die Gelegenheit, sich mit einer von seinem Vater erhaltenen Andenflöte zu beschäftigen und ganze Werke wie Rossinis Il Barbier di Seviglia nachzuspielen. In den folgenden Jahren gaben ihm die Schallplatten im elterlichen Dachgeschoss und die jederzeit allgegenwärtige Volksmusik auf den Straßen und Innenhöfen Saltas den Input, um auf „natürlicher Weise“ selbst Musik zu schreiben.

Eine kleine Stichprobe würde wohl zu dem Ergebnis kommen, dass nicht wenige Menschen Melodien von Leguizamón kennen, sie im Alltag pfeifen, summen oder sogar versuchen, sie in aller Freiheit unter der Dusche zu singen, ohne zu wissen, wer ihLeguizamón_En vivo en Europa_ScanCoverr Autor ist. Hätte er an einer der europäischen berühmten Musikhochschulen studiert, dann wäre sein Schicksal wahrscheinlich ein anderes gewesen. Doch Leguizamón lehnte das Angebot seiner Familie ab, seine als Autodidakt erworbenen Musikkenntnisse in Paris zu verbessern. Seiner eigenen Musik treu, wollte er nicht verändert werden. Oder anders gesagt, hätte er dort Musik studiert, dann wäre er anders geworden als er, der er geworden ist, weil er hier war. Später gab er zu, er habe diese Entscheidung vor allem deshalb getroffen, weil er ein starrsinniger Mensch sei. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die aufgrund des Willens ihrer Familien, den Wunsch Musiker zu werden, aufgeben müssen, entschied sich Cuchi gegen die Musik und nahm ein Jurastudium in der Stadt La Plata auf. Er meinte, die Tätigkeit als Anwalt würde ihm erlauben, den Lebensunterhalt zu sichern, um später musizieren zu können.

Zurück in seiner Heimatstadt Salta war er nicht nur dann als Strafrechts- und Generalstaatsanwalt tätig sondern auch als Abgeordneter, Geschichts-, Literatur- und Philosophielehrer. Seinen Prinzipien und nach wie vor seiner Starrköpfigkeit treu bleibend gab er nach 30 Jahren seine Tätigkeit als erfolgreicher Anwalt auf, da er es für unwürdig und beschämend hielt, den Lebensunterhalt mit den Problemen und Streitereien anderer Menschen zu verdienen. Ein Zeugnis dieser Weltanschauung ist seine „chacarera del expediente“ (1964) [dt. Chacarera der Gerichtsakte]. Trotz des Familiensbesitzes, seiner hohen Arbeitsleistung und seines musikalischen Erfolges befand er sich zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 2000 dann aber in ernsten, finanziellen Schwierigkeiten.

Litto Nebbia, einer der innovativsten Musiker Argentiniens, Gründer der argentinischen Rockmusik und Leiter des Labels Melopea, das schon seit Jahrzehnten das Werk zahlreicher Musiker vor dem Vergessen bewahrt, sagte einmal, Cuchi Leguizamón könne eigentlich als eine Mischung aus Astor Piazzolla, Enrique Mono Villegas und Hermeto Pascoal beschrieben werden, aber letztlich sei er doch unvergleichlich. Die Tatsache, dass Leguizamóns Name weitestgehend unbekannt blieb, war Ausdruck seiner Kunst- und Musikvorstellung. Ebenso wie Atahualpa Yupanqui war Cuchi der Meinung, es sei der höchste Grad, den ein Künstler erreichen kann, wenn sein Werk als „anonym“ bezeichnet wird. Denn die gesellschaftliche Funktion der Musik sei es, zum Kulturerbe des Volkes beizutragen. In diesem Sinne geht ein Lied nicht in der Anonymität „verloren“, sondern es wird von der Gemeinde „gewonnen“. Eine Auffassung, die in der aktuellen Selfie- und Ichbezogenheits-Ära für viele schwer zu verstehen ist.

Leguizamón_Filmusik_LaRedada_ScanCoverDer in Leguizamóns Musik enthaltene Begriff von „Tradition“ stellt keinerlei Begrenzung der Gestaltungsmöglichkeiten dar, sondern bietet dem Künstler den natürlichen Spielraum, um die eigenen Vorstellungen entfalten zu können. In diesem Sinne bietet ihm die Anerkennung der Tradition die Gelegenheit, „mitmachen“ zu können. Dies zeigt sich beispielsweise an seiner Art, Melodien und Rhythmen (zambas, chacareras, cuecas, vidalas, bagualas, etc.) zu verwenden. Obwohl diese eine lange Volkstradition haben und zwar die Beachtung bestimmter Regel verlangen, werden sie harmonisch nach den Parametern der klassischen und zeitgenössischen Musik (u.a. von Ludwig van Beethoven, Arnold Schönberg, Igor Stravinsky, Maurice Ravel, Eric Satie) ad libitum bearbeitet und mit einer sehr persönlichen Weltanschauung ergänzt. In diesem Sinne schrieb Cuchi in den 1960er Jahren Musik und Arrangements für das Vokal-Duo „Duo Salteño“, welches im Gegensatz zu anderen Vokalgruppen seiner Zeit neue harmonische Arrangements umsetzte. Leguizamón selbst ist auf dem zweiten Album des Duos, „El canto de Salta“ (1971) am Klavier und E-Piano zu hören.

In dem ständigen Bemühen, die verfügbaren Elemente seiner Umgebung in Bewegung zu bringen, veranstalte Cuchi 1962 ein „Konzert für Kirchenglocken“, das aus vier Sätze bestand – carnavalito, chacarera, zamba und vidala – und mehrere Kirchen Saltas einbezog. Das „Konzert für Lokomotiven“, in welchem eine riesige, metallische Andenflöte an eine Lok gelötet wurde, konnte allerdings nicht stattfinden. Außerdem schrieb Leguizamón selbst Texte und arbeitete mit bekannten Dichtern wie Jaime Dávalos („Zamba de los mineros“, 1955), Armando Tejada Gómez („Zamba del laurel“, 1975), Jorge Luis Borges („No hay cosa como la muerte“, 1977) oder Pablo Neruda („La muerta“, 1971) zusammen. Doch die große Mehrheit seines Werkes entstand in Zusammenarbeit mit Manuel Castilla; diese beide Namen bilden ein untrennbares Paar, vergleichbar mit Gardel/LePera oder Lennon/McCartney.

Eine der wenigen von ihm hinterlassenen Aufnahmen beweist seine Fähigkeiten als Erzähler. Es handelt sich um das wunderschöne Live-Album „En vivo en Europa“, welches 1991 während seiner Tournee durch Frankreich und Deutschland aufgenommen wurde und erst 2004 erschien. Außer diesem Album mit dem Duo gibt es nur zwei weitere Aufnahmen mit Leguizamón. Die erste ist die Studioaufnahme „Piano y guitarra“ (1966). Die zweite enthält eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1983 sowie die Originalmusik für den Film „La redada“ (1991) von Rolando Pardo. In diesem Film ist Leguizamón auch als Darsteller zu erleben.

Gustavo Cuchi Leguizamón war ein wachsamer, engagierter und leidenschaftlicher Beobachter der kleinen Ereignisse und Menschen seiner Umgebung, was sich an seinem Werk sowohl auf der Ebene des Individuellen (u.a. „La Pomeña“, 1969; „chacarera del aveloriado“, 1971; „Maturana“, 1975) als auch auf sozialer Ebene (u.a. „Zamba de los mineros“, 1955; „Lavanderas del Río Chico“, 1962) sehen bzw. hören lässt. Nicht ohne Ironie und Humor schlug er beispielsweise vor, zur Lösung der Probleme Argentiniens die Wirtschaftsfakultät für 20 Jahre zu schließen, um die Ausbildung von Ökonomen, welche die Krise des Landes permanent verursachen, zu verhindern. Neben seiner Neigung, das Leiden und die Ungerechtigkeiten des Volkes aufzudecken und die Schicksale anonymer Menschen zum Ausdruck zu bringen, berücksichtigen die Stücke auch die meist versagte Anerkennung der Tiere, ihrer Fähigkeit zu schaffen und zu fühlen. Damit macht er provokativ darauf aufmerksam, dass die MenschheitsgeschichHerrero-Falú_Bild_ScanCoverte voller Ungerechtigkeiten ist, die oft nachträglich legitimiert werden. Leguizamón stellte beispielsweise fest, dass die Rococokröte, welche damals in Salta und anderen Regionen Argentiniens häufig zu finden war, nicht nur Musikkenntnisse besitze sondern auch den Chacarera-Rhytmus erfunden hätte.

Gustavo Leguizamóns Werk eroberte seinerzeit rasch jede Ecke des Landes und prägt Argentiniens musikalische Repertoire bis heute. In diesem Jahr erklärte die Stadt Buenos Aires das Werk Leguizamóns von kulturellem Interesse. Cuchis Musik wurde von HörerInnen und MusikerInnen aller Art bewundert. Verschiedene MusikerInnen hinterließen wunderschöne Arrangements seiner Stücke, darunter finden sich die legendären Olga-Roman-De-agua-y-laurel-ScanCoverAtahualpa Yupanqui und Mercedes Sosa, die innovativen Komponisten Dino Saluzzi und Litto Nebbia, die Songwritters Fito Páez und León Gieco, der Flamenco Sänger Diego El Cigala, die Punk-Band Embajada Boliviana oder die Star-Bassistin Esperanza Spalding.

Andere MusikerInnen widmeten seinem Werk sogar ganze Alben. Beispiel dafür ist die CD „Leguizamón-Castilla“ (EPSA, 2000), welche von der Sängerin Liliana Herrero und dem Gitarrist Juan Falú arrangiert und in Leguizamóns Todesjahr veröffentlicht wurde. Dieses Album ist eine echte Perle und es gehört zweifellos zu den unverzichtbaren Dingen, die ein Argentinier im Gepäck haben muss, wenn er seine Heimat verlässt. Auf Leguizamón_Márquez_Bild_ScanCoverdieser Seite des Atlantiks hat die spanische Sängerin Olga Román „De agua y laurel“ (Nuba Records, 2012) veröffentlicht. Begleitet von ihrem Trio und besonderen Gästen stellt Román 12 Leguizamóns Kompositionen vor, welche die Jazz-LiebhaberInnen entzücken werden. Erst kürzlich wurde „El Cuchi bien temperado“ (ECM, 2015) verlegt. Es handelt sich um ein Soloalbum des argentinischen Gitarristen Pablo Márquez, welcher als Kind zufälligerweise Unterricht bei dem Geschichtslehrer Leguizamón erhielt. Wie der Titel verrät, arrangierte Márquez 17 Stücke Cuchis in Anlehnung an J. S. Bachs Das wohltemperierte Klavier. Mithilfe von Modulationen unternimmt er gewissermaßen einen Streifzug durch die 24 Dur- und Molltonarten. Die Veröffentlichung dieses Album im renommierten Label ECM von Manfred Eicher macht Hoffnung, nicht nur auf eine bessere Verbreitung des Werks von Gustavo Cuchi Leguizamón, sondern auch auf einen unumgänglichen Beitrag zum Repertoires für klassische Gitarre.

 

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Bildquellen: [1],[2],[3],[4],[5] ScanCover

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