Quetzal Vogel
News Icon
Quetzal

Politik und Kultur in Lateinamerika

Template: single_normal
Printausgaben

García Márquez, Gabriel: Zwölf Geschichten aus der Fremde

Aníbal Ramírez | | Artikel drucken
Lesedauer: 6 Minuten

Einen neuen Erzählband von Garbriel García Márquez zu lesen ist wie einen alten Bekannten zu treffen

Vor kurzem ist ein neuer Erzählband des Kolumbianers Gabriel Garcia Marquez in deutscher Übersetzung erschienen: die „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ (1992 bei Mondadori in Spanien, 1993 bei Kiepenheuer und Witsch, 220 Seiten, Leinen, 36,- DM). Ein neues Buch von Garcia Marquez zu lesen ist wie ein Treffen mit einem alten Bekannten, der immer eine Reihe von Geschichten und Anekdoten parat hat. Geschichten, in denen Realität und Fiktion Hand in Hand gehen, sich vermischen, oder in denen sich die Realität durch die Magie des Wortes in Fiktion verwandelt.

Garcia Marquez ist ein Meister der Erzählkunst, wiewohl in einigen seiner literarischen Arbeiten die Literatur mit dem Journalismus kokettiert; Garcia Marquez war nicht umsonst Reporter und hat von dieser Tätigkeit maximal profitiert.

Eines seiner bekanntesten Werke, die „Hundert Jahre Einsamkeit“, hat mich fasziniert, obwohl sich mir darin keine unbekannte Welt eröffnete – denn dieses Macondo mit seinen Leuten, wie sie von Garcia Marquez beschrieben werden, ist auf die eine oder andere Weise verknüpft mit den Menschen und der Geschichte einiger lateinamerikanischer Länder. Ist es nicht die Geschichte Nikaraguas, die Geschichte einer Reihe von Diktatoren und einiger mächtiger Familien? Ich habe den Roman über die Jahre mehrmals gelesen, und ich habe nicht nur viel Vergnügen dabei gehabt, sondern jedes Mal haben sich mir neue Horizonte und Perspektiven eröffnet – eine Bestätigung der Theorie Jörge Luis Borges‘ vom intelligenten und erfahrenen Leser.

Gabriel Garcia Marquez‘ Roman über die krankhafte Machtbesessenheit eines Diktators und die daraus entstehenden Perversionen, „Der Herbst des Patriarchen“, habe ich mit großem Interesse gelesen. Spiegelt er nicht die Wirklichkeit der lateinamerikanischen Diktatoren? Vielleicht war es mit geringfügigen Abweichungen die Geschichte von Trujillo, Batista, Somoza, Duvalier und Stroessner.

Gabriel Garcia Marquez erstaunt seine Leser immer wieder durch seinen außerordentlichen Scharfsinn und seine erzählerische Kraft. Sein Buch „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ hat die Macht, den Leser in seinen Bann zu zwingen und zu verzaubern, so daß er am Ende selbst besessen ist von der Größe der Liebe zwischen Florentino Ariza und Fermina Daza. „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist ein Werk, daß der Liebe in ihrer Vielfältigkeit und ihren vielfältigen Verschlingungen gewidmet ist, in dem die Hartnäckigkeit des Liebenden Erhabenheit besitzt, noch außergewöhnlicher und verrückter ist als die Realität. Die „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ werden durch einen unterhaltsamen Prolog eingeleitet, der von einigen als die „dreizehnte Geschichte“ bezeichnet wurde. Bemerkenswert an diesem Prolog ist für mich die anekdotische Form, die Garcia Marquez sehr effektvoll einsetzt, um das Zustandekommen des Buches und die Wechselfälle seiner Entstehung – die in der Tat wirklich abenteuerlich sind, bis zum glücklichen Ende zu erzählen, wobei er die Mühe des Schriftstellers bei der Fertigstellung eines Werkes deutlich macht.

Die Erzählungen wurden, wie der Autor bestätigt, in den letzten 18 Jahren geschrieben. Die Idee zu einem solchen Buch entstand, nachdem Garcia Marquez geträumt hatte, er nehme an seinem eigenen Begräbnis teil. Diesen Traum interpretierte er als ein Bewußtwerden seiner Identität, und es brachte ihn auf den Gedanken, daß dies „ein guter Ausgangspunkt sei, um über die seltsamen Dinge zu berichten, die den Lateinamerikanern in Europa passieren“.

Gabriel Garcia Marquez hatte nach eigenen Aussagen 60 Themen notiert, über die er schreiben wollte, aber im Laufe der Zeit, während der ihm diese Notizen verlorengingen – was es zu einer Sache der Ehre machte, sie erneut aufzuschreiben – reduzierte sich die Zahl auf 30, und nach einer gründlichen Durchsicht des Materials gab er sich mit 18 zufrieden, wovon am Ende „sechs … in den Papierkorb wanderten“, so daß schließlich 12 übrigblieben.

Die Schauplätze der „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ sind nicht mehr die der früheren Erzählbände „Das Leichenbegängnis der Großen Mama“ und „Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Erendira und ihrer herzlosen Großmutter“. Die „Zwölf Geschichten aus der Fremde“ sind sämtlich in Europa angesiedelt, und ihre Protagonisten sind ausnahmslos Lateinamerikaner, die entweder im Exil leben, sich in Europa angesiedelt haben oder den alten Kontinent bereisen.

Einige der Erzählungen haben einen autobiographischen Anstrich oder tendieren dazu, die Vergangenheit zu verklären. Dennoch gibt es Verbindungslinien zwischen diesen Erzählungen und den früheren Werken, vorrangig bezüglich der Themenwahl: der Tod, der caudillo (hier der gestürzte), die Schönheit, die Einsamkeit und der Wahnsinn, aber mit anderen Perspektiven und Szenarien. Eine flüchtige Lektüre schon hinterläßt den Eindruck, daß in diesen Geschichten ein Autor präsent ist, der sein Handwerk versteht und dessen Erzählkunst die Spuren langer Erfahrung trägt.

Es ist schwer zu sagen, welche die beste Erzählung ist, aber die Geschichte „Dornröschens Flugzeug“ ist wunderbar. Das Thema ist ein altes und vielgebrauchtes, und manchem mag es banal oder kitschig erscheinen. Die Erzählung hat eine besondere poetische Qualität, die vom Schreibstil des Autors herrührt, seinem Humor, dem scharfsinnigen Humor eines gereiften Mannes, wie auch von den Einschüben und Zitaten, die in die Erzählung integriert worden sind.

Eine andere herausragende Geschichte ist die von der schlanken und lebensvollen Mulattin „Maria dos Prazeres“, einer Prostituierten mit perfekten Katalanischkenntnissen, die, als sie 76 Jahre alt wurde, fest davon überzeugt war, daß sie nun sterben werde. Diese Überzeugung bezog sie aus der Deutung eines Traums, den sie gehabt hatte. Von diesem Moment an begann sie sich auf das Unbekannte vorzubereiten: den Tod. Nach drei Jahren, als sie schon alle ihre irdischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht hat, begegnet sie einem Jüngling, vor dem sie Angst verspürt – ein Gefühl, das sie bei noch keinem Mann gehabt hat. Am Ende, als der Mann die Treppe zum Haus der Maria dos Pazeres hinaufsteigt, versteht sie, daß „es sich gelohnt hat, so viele Jahre zu warten“. Garcia Marquez überläßt es dem Leser, über das Ende der Geschichte zu entscheiden.

„Das Licht ist wie das Wasser“ ist eine Erzählung, in der die Phantasie keine Grenzen hat, wie „Die Heilige“ – aber anstatt weitere Geschichten aufzuzählen und zu beschreiben, empfehle ich dem Leser das Buch „Zwölf Geschichten aus der Fremde“, in dem er das wirkliche und phantastische Labyrinth des Autors durchstreifen kann.

Gabriel García Márquez:
Zwölf Geschichten aus der Fremde
Kiepenheuer und Witsch
1993

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert