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Der neue Panamakanal – freie Fahrt für Ozeanriesen

Enrico Caldas Meyer | | Artikel drucken
Lesedauer: 6 Minuten

Das ZDF-Magazin „Abenteuer Wissen“ beginnt seine Reportage über den Ausbau des Panamakanals nicht etwa an der Meerenge zwischen Nord- und Südamerika, sondern überraschenderweise in Niederfinow. Denn dort, am Oder-Havel-Kanal, der Berlin mit der Ostsee verbindet, befindet sich das mit 75 Jahren älteste noch in Betrieb befindliche Schiffshebewerk Deutschlands. Zwar ist der Panamakanal mit seinen gut 95 Jahren, die nach der ersten Durchfahrt im Jahr 1914 vergangen sind, knapp eine Generation älter. Und auch wegen seiner Schleusenanlagen, welche geflutet werden, ist er nicht unbedingt mit dem wesentlich kleineren Schiffshebewerk vergleichbar, doch beide stehen vor dem gleichen Problem: Einst ihrer Zeit voraus, sind sie jetzt zu klein geworden.

Panamakanal - Miraflores-Schleusen bei der Einfahrt vom Pazifischen Ozean (Bildquelle: Chris Biggs)Wie in anderen Dokumentationen über den Panamakanal wird auch hier mit der „America“, beispielhaft ein Schiff auf seiner Durchfahrt begleitet. Die 81,6 Kilometer lange Reise von der Pazifik- bis zur Atlantikküste stellt somit den roten Faden dar, mit dessen Hilfe dem Zuschauer die zahlreichen Informationen und Themen Stück für Stück näher gebracht werden. Der erste Teil der Reportage nimmt Bezug auf die Handelsrouten des Panamakanals, der die Strecke von Europa zur US-amerikanischen Westküste um 20.000 Kilometer verkürzt. Weiterhin wird dem Zuschauer die Notwendigkeit der Lotsenpflicht erklärt, denn sowohl in der Regenzeit mit geringer Sichtweite, als auch in der Trockenzeit mit starkem Seitenwind, müssen die Schiffe von Lotsen gesteuert werden, die im Kanal jeden Zentimeter wie aus ihrer Westentasche kennen. Vor allem wenn Schiffe der eigens für den Kanal eingeführten Schiffsklasse Panamax (ca. 5.000 TEU [1]) die Schleusen durchqueren, gibt es links und rechts nur wenige Handbreit Platz. Der Film vermittelt somit nicht nur die nackten Zahlen, sondern versucht in diesem Abschnitt auch über die Ursachen bzw. Hintergründe des Kanalausbaus aufzuklären. Daher wird im weiteren Verlauf wird die Schleusendurchfahrt mit Hilfe der 1000 PS starken Lokomotiven, auch „Mulas“ (Maulesel) genannt, erläutert und auf die geplante Erweiterung des Panamakanals übergeleitet.

Panamakanal - Weiterfahrt durch den Gaillard-Kanal (auch Culebra-Kanal, der von der Centennial-Brücke überquert wird (Bildquelle: Chris Biggs)Abgesehen vom verzeihlichen Versprecher, dass der Kanalausbau fünf Milliarden Euro, statt eigentlich fünf Milliarden US-Dollar kostet, kommen die Gründe für die Kanalerweiterung letztlich kaum zur Sprache. Denn der Panamakanal ist trotz des Erreichens der Kapazitätsgrenze von ca. 14.000 Durchfahrten pro Jahr überaus rentabel und sichert dem Staat somit eine ökonomische Rente. Auch zukünftig wird es immer Schiffe geben, die diese Durchfahrt nutzen und bei entsprechender Instandhaltung des Kanals die Einnahmen garantieren. Die Hypothese der Befürworter einer Erweiterung ist, dass dadurch ebenfalls die Schiffe der so genannten Post-Panamax-Klasse (bis zu 12.000 TEU) den Kanal durchfahren können, welche jetzt noch den Umweg über Kap Horn an der Südspitze des amerikanischen Kontinents nehmen. Auf sie stützt sich der Anstieg des Welthandels und die Hoffnung Panamas einen Teil dieser Schiffe nach dem Ausbau zur Durchfahrt zu bewegen, um somit gleichzeitig die Einnahmen aus den Durchfahrtsgebühren zu steigern. Die Pläne der Erweiterung kennzeichnen daher keine ausweglose Situation, sondern vor allem das Profitstreben nach einer höheren Rente. Eine Verhaltensweise die nachvollziehbar ist, aber auch offen im Film genannt werden sollte. Die Aussage des Films, dass man mit dem teilweisen Neubau des Panamakanals die Größe der Schiffe für die nächsten Jahrzehnte festlegt, ist wohl eher eine Verkehrung der Tatsachen. Nicht der Kanal bedingt den Bau neuer Schiffsgrößen, sondern die Kanalerweiterung wird durch bereits existierende riesige Containerschiffe angetrieben.

Panamakanal - Gatun-Schleusen bei der Ausfahrt in den Atlantischen Ozean (Bildquelle: Oxfordblues84)Die Modernisierung umfasst insgesamt vier Maßnahmenkomplexe. Erstens, die Verbreiterung und Vertiefung der Fahrrinnen, bei welcher die Dokumentation unter anderem das weltgrößte Baggerschiff „Rialto M. Christensen“ bei seiner Arbeit begleitet. Die Vertiefung der Zufahrten im Atlantischen und im Pazifischen Ozean werden als weitere ähnliche Maßnahmen zu Recht nicht separat betrachtet. Im Anschluss wird vor allem die Funktionsweise der neuen Schleusenkammern, das Herzstück des zu modernisierenden Kanals, ausführlich erklärt. Zwar lobt der Film die Wiederverwendung von 60 Prozent des zur Flutung der Schleusen benutzten Wasser, jedoch ohne einen Vergleich zum Verbrauch der jetzigen Schleusen zu ziehen. Die vierte Maßnahme, d.h. die Anhebung des Wasserspiegels des Gatun-Stausees von 26,7 auf 27,1 Meter, wird leider nur indirekt und kurz im Zusammenhang mit der Betrachtung von Umweltaspekten angesprochen. Durch die Aussagen des Biologen Ariel Rodríguez äußert sich die Reportage jedoch auch einmal kritisch zu dem ganzen Vorhaben des Riesenprojektes. Dieser erläutert nämlich, dass durch die häufigen Schleusungen immer mehr Brackwasser in den Gatun-See gerät und sich dadurch der Salzgehalt des Stausees zum Nachteil der Tier- und Pflanzenwelt verändert. Auch wenn die Bevölkerung Panamas während des Films nicht zu Wort kommt, so werden zumindest die ansonsten von der staatlichen Politik ignorierten Probleme der indigenen Volksgruppe der Emberá kurz aufgezeigt.

Fazit: Die Reportage, welche auch einen Blick auf die Geschichte des Kanals wirft, ist sehr zu empfehlen. Sie spricht eine Vielfalt von Themen an, kratzt aber gleichzeitig nicht nur an der Oberfläche, sondern versucht auch, detaillierte Informationen zu vermitteln. Der Film glänzt dabei vor allem durch die ausgewogene Mischung aus Bildern und fachlichen Informationen von direkten Beteiligten beim Ausbau bzw. bei der Durchfahrt des Panamakanals. Dabei spielt es keine Rolle, ob es der Kapitän des Schiffs, der Lotse, der Bauarbeiter, der Ingenieur oder der Biologe ist. Das gleiche Lob gilt auch für die Moderation von Karsten Schwanke, der Parallelen zum Schiffshebewerk in Niederfinow zieht. Eine gelungene Abwechslung. Insgesamt hätte die Reportage jedoch kritischer sein können. Abgerundet wird diese Sendung von einem kleinen Film, der auf die Grenzen des Schiffbaus eingeht und die derzeit größten Containerschiffe der Welt (Super-Post-Panamax-Klasse) vorstellt. Für einige von ihnen wäre selbst der Panamakanal in ausgebautem Zustand immer noch zu klein.

[1] Twenty-foot Equivalent Unit – Maßeinheit für die Container-Transportkapazität von Schiffen und Hafenanlagen.1 TEU entspricht einer 20 Fuß (1 Fuß = 30,48 cm) langen Containereinheit).

ZDF – Abenteuer Wissen
Der neue Panamakanal – freie Fahrt für Ozeanriesen
27.05.2009

Bildquellen:
01. Miraflores-Schleusen. Chris Biggs.
02. Gaillard-Kanal und Centennial-Brücke. Chris Biggs.
03. Gatun-Schleusen. Oxfordblues84.

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