Quetzal Vogel
News Icon
Quetzal

Politik und Kultur in Lateinamerika

Template: single_noticias
Neu
Noticia

Lateinamerika: Eine südkoreanische Welle überschwemmt Lateinamerika – das kulturelle Rätsel „Hallyu“

Redaktion | | Artikel drucken
Lesedauer: 4 Minuten

Lateinamerikaner hören im Schnitt 20 bis 25 Stunden pro Woche Musik, zumeist über Streamingdienste. Aber nein, dabei sind schon längst nicht mehr die USA das Maß der Dinge oder der „place to be“. Bereits seit Ende der 1990er Jahre läuft dem „Giganten“ im Norden mit Südkorea ein „Zwerg“ in Asien den Rang ab, ob über Webtoons, K-Beauty und Fashion, ethnic cuisine, Medienkunst, darunter Film und Streaming-Dienste, Choreographie oder eben K-Pop. Musikalisch dominieren auf dem Subkontinent jedoch weiterhin Latin Pop und Reggeaton. Dieses vergleichsweise neue Phänomen nennt sich Hallyu. Hallyu präsentiert sich als globaler, transkultureller Trendsetter, ja als Lifestyle und kann dabei an die Erfolge der japanischen Manga-Kultur anknüpfen. Der Gangnam-Style, das 2012 auf youtube am häufigsten angeklickte Video, ist wahrscheinlich noch in jedermanns oder -fraus Ohr. Nachdem Hallyu zunächst besonders Frauen und LGBTQ angesprochen hatte, ist nun die Generation Z Hauptadressat. Die überwiegende Zahl seiner Konsumenten sind junge Leute unter 29 Jahre. Hallyu gilt inzwischen sowohl als lukratives Exportprodukt als auch als politische softpower, die von globaler Technologisierung profitiert. Es sei, so ein südkoreanischer Politiker, für sein Land nicht nur eine kulturelle Angelegenheit, sondern ein globales strategisches Asset. K-Pop „Demon Hunters“ erwies sich nicht nur bei Netflix als der populärste Blockbuster überhaupt, dessen Song „Golden“ ist auch der erste K-Pop-Song, der einen Oscar gewonnen hat. Gegenwärtig soll K-Pop 200 Millionen Fans in 119 Ländern haben, die ihn bis zu 11 Stunden täglich hören. Noch stehen dabei Japan, die USA, Indonesien und die Philippinen weltweit an der Spitze, doch Mexiko und Brasilien sind ihnen unmittelbar auf den Fersen. In Lateinamerika ist die Welle in den 2000er Jahren angekommen, zunächst in Mexiko und Peru, um dann, insbesondere während der Covid-Epidemie, in Brasilien, Chile, Argentinien und Kolumbien Fuß zu fassen und in Mexiko wie Brasilien nachgerade „zu explodieren“. Dies nicht von ungefähr, sind doch Mexiko und Brasilien die weltweit am stärksten wachsenden Musikmärkte. Zwar profitiert von Hallyu vor allem die südkoreanische Filmindustrie, doch gilt Lateinamerika inzwischen auch als eines der Zentren des K-Pops, der hier von einer Sub- zu einer Massenkultur avanciert ist. Jimin, BTS, Santos Bravos, Yeji, ATEEZ, NCT 124 oder Ten „muss“ man hören, will man in Lateinamerika dazugehören. Keine Geringere als Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hat BTS persönlich gebeten, die Zahl der Auftritte in Mexiko aufzustocken. Allein in Mexiko soll es 15 Millionen K-Pop-Fans geben. Die südkoreanischen Bands, deren Musikstile durchaus unterschiedlich sind, lernen Spanisch, bauen spanischsprachige Sätze in ihre Texte ein und haben in mehreren lateinamerikanischen Ländern offizielle Fan-Clubs, die eifrig dabei sind, für ihre Idole Geld zu sammeln. Worin aber liegen die Gründe für diese Popularität, eine Popularität, die zwar auf dem asiatischen Kontinent auf (einige) gemeinsame kulturelle Wurzeln zurückgehen mag, aber doch nicht in Lateinamerika, zumal es, umgekehrt, auch nicht die exotische „otherness“ zu sein scheint, die anzieht? Wahrscheinlich spielt hier, kulturell wie ökonomisch, die in Lateinamerika schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts stark vertretene koreanische Diaspora eine Rolle, die im Kontext des Korea-Krieges noch wuchs, sich auch unternehmerisch gut etabliert und große südkoreanische Investitionsströme angezogen hat. Elektronische brands, etwa Samsung, spielen da ganz vorn mit und sind eng mit der Musikbranche verbunden. Südkoreanische Powerhouses wie HYBE und JYP gründen in Lateinamerika sogar eigene Filialen. Dann soll es aber auch politisch-kulturelle Affinitäten geben, weil Lateinamerikaner in Südkorea ein Gegenstück zum Westen sehen, das wie sie selbst und im Gegensatz zu jenem eine andere, eine postkoloniale Kultur habe, oder aber weil beide, Lateinamerika wie Südkorea, in ähnlicher Weise frühere autoritäre Regime überwunden und eine analog schnelle Modernisierung bei sozialer Ungleichheit vollzogen haben. Musikalisch hingegen wird vor allem auf den „bbong-Aspekt“ (schmelzende Melodien) in der koreanischen Musik verwiesen, der Ähnlichkeiten mit dem Latin Pop aufweise. Gleichwohl: Fachleute stehen vor einem Rätsel: Ist Hallyu nun der „ultimative“ Beweis für eine Identitätsverschiebung Lateinamerikas von West nach Ost, gar ein kultureller „pivot to Asia“, widerspiegelt er postkolonialen Modernismus und „kulturelle Hybridität“ oder geht es bei ihm doch nur um Wirtschaftsinteressen und den schnöden Mammon? (Bild: Quetzal-Redaktion, angieb)