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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Wir leben in anderen Zeiten

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Lesedauer: 11 Minuten

Arbeitende Kinder in Nikaragua

In Europa sind sie fast so etwas wie ein Modethema – Straßenkinder in Lateinamerika. Nachrichten über Elend und Gewalt überwiegen allerdings im allgemeinen, wenn es um dieses Thema geht. Aber ebenso faszinierend ist die Bewegung der arbeitenden Kinder, die es in zahlreichen Ländern des Subkontinents seit Jahren gibt, und die inzwischen einen hohen Grad an Organisation erreicht hat. Ist es das Ungewöhnliche an diesem Sujet, das verschiedene Autoren und Autorinnen immer wieder über diese Bewegung schreiben läßt? Da begehren mit einem Male die Schwächsten in der Kette der Ausbeutung und Ausnutzung – eben die Kinder – auf und fordern ihre Rechte. Und, was am erstaunlichsten ist, sie delegieren diesen Kampf nicht an die Erwachsenen, die doch eigentlich immer dafür zuständig waren, sondern organisieren sich selbst, schaffen sich eigene Regeln und Formen der Zusammenarbeit. Und das erscheint wohl auch hier in der Bundesrepublik als exotisch, wo man immer noch lieber Politik für Kinder macht (wenn man sie macht), diesen aber eigene Entscheidungsfähigkeit nur selten zubilligt. Man denke nur an die Diskussion über die Herabsetzung des Wahlalters.

Es sind zahlreiche Berichte und auch Analysen über die vielfältige Kinderbewegung in Lateinamerika geschrieben worden, hier soll kein weiterer hinzugefügt werden.* An dieser Stelle sollen einmal die Kinder selbst zu Worte kommen. Die Texte entnahmen wir dem Band „ SOMOS NA TRAS“, den Manfred Liebel 1996 in Managua herausgab bzw. der Zeitschrift „Hechos reales y fantasias“. Die Kinder die hier ihr Leben schildern, arbeiten in der nikaraguanischen Kinderbewegung mit, sind es also gewöhnt, ihre Situation zu problematisieren. Das merkt man den Selbstzeugnissen zum Teil auch an; die Kinder beklagen nicht nur ihr nicht eben einfaches Leben und Arbeiten, sie zeigen auch recht selbstbewußt, wie sie dieses gerne weiter gestalten würden. Das vor allem macht ihre Aussagen so interessant.

Gabriel Sequiera, 13 Jahre

Mein Name ist Gabriel; ich putze Schuhe, ich lebe allein. Ich arbeite für mich selbst, um meine Ausbildung zu bezahlen, um mich zu ernähren und zu kleiden, ich lebe nicht mehr bei meinen Eltern. Ich lebe bei einer Frau, die eine Tochter hat und einen Mann. Ihre Tochter ist in der ersten Klasse und ich in der sechsten, in derselben Schule wie sie -die heißt „Carlos Fonseca“.

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, um zu meiner Arbeit zu gehen, und kehre 11 Uhr zurück. Ich lerne eine Stunde, wasche mich, esse Mittag und gehe in die Schule. Wenn ich nach Hause gekommen bin, dann lerne ich bis neun Uhr abends. Kurz darauf gehe ich ins Bett; und am nächsten Tag mache ich das Gleiche.

Ich will meine Ausbildung nicht aufgeben. Zur Zeit läuft es gut, aber wenn ich von der Schule abgehe, muß ich die sechste Klasse wiederholen. Doch das Problem ist, wenn man 13 Jahre alt ist, darf man die sechste Klasse nicht mehr anfangen. Das ist so ein Gesetz. Außerdem würde ich meine Entwicklung beeinträchtigen. Das paßt mir nicht. Ich sage, wenn ich bei meinen Eltern wohnen würde, dann würden sie mich arbeiten schicken, sie würden mich mißhandeln. Doch ich will nicht weiter Schuhe putzen. Ein Sefior sagte zu mir: „Ich gebe Dir eine Arbeit, Früchte verkaufen.“ Danach habe ich mit meinen Eltern gesprochen und sie sagten, es wäre in Ordnung. Also verkaufte ich Früchte.

Als ich einmal an einem Mittwochnachmittag halb sechs zurückkehrte, nachdem ich Früchte verkauft und etwa 67 Pesos für den Chef verdient hatte, tauchten ein paar Jungen von einer Clique auf, die älter waren als ich. Ich ging zum Fluß Matagalpa; dort erwischten sie mich, einer packte mich an den Armen und der andere nahm mir das Geld weg. Sie stiegen in einen Bus, und weg waren sie. Ich verfolgte sie nicht, weil ich sie ja doch nicht einholen würde. Ich sagte zu einem Senor: „Senor, sehen sie, die haben mich bestohlen.“ Ja, da drehte sich der Senor um und fing an zu lachen; die waren schon fast am Bus, weit weg. Dann bin ich nach Hause gegangen. Ich war traurig und ging zu meinem Vati. Sie glaubten mir nicht; sie dachten, ich hätte das Geld genommen und sagten, das wäre für meine Faulenzerei. Sie schlugen mich und meinten, sie werden mich nach Alagal mitnehmen, weil es in der Stadt Matagalpa nur Ärger mit mir gäbe.

Ich war bei uns zu Hause der einzige, der arbeitete. Sie waren in Alagal und ich ging nach Matagalpa. Ich bin nur drei Tage geblieben, ich bin nach Matagalpa gegangen und habe am nächsten Tag wieder begonnen zu arbeiten. Ich putzte einer Senora die Schuhe, ich beschmutzte ihr die Strümpfe und die Senora wollte mich nicht bezahlen, weil sie meinte, ich sei noch zu klein. Ich war ärgerlich und sagte, daß sie mir wenigstens die Hälfte bezahlen sollte. „Widersprich nicht“, sagte die Senora zu mir. Ich widersprach ihr und da sagte sie: „Beleidige mich nicht noch mehr, sonst hole ich die Polizei!“ Dann schrie ich, das sei Lüge, doch da lachte sie mich aus. Am Abend kam die Senora mit einem Senor vorbei, der ihr Ehemann war, glaube ich. Die Senora sagte zu dem Senor: „Sieh dir diesen Burschen an, der hat mich heute morgen belästigt.“ Der Senor sah mich an und sagte: „Guck dir diesen ‚potito‘ an. Diese Senora belästigst du nicht noch einmal, sonst werde ich dich verhaften.“ Daraufhin sagte ich ihm, sie solle mich für das Schuheputzen bezahlen. „Widersprich nicht“, antwortete er. Ich blieb ruhig, ich hatte ja nichts, was mir hätte helfen können. Doch der Senor packte und schlug mich. Das war meine unangenehme Erfahrung.

Heute bin ich meiner Familie sehr fremd, wir sind sieben Geschwister und ich sehe sie nur an den Wochenenden.

Doris Patricia, 11 Jahre

Ich arbeite auf der Straße, ich verkaufe Tortillas und Quark. Manchmal habe ich zehn Pfund und man kauft mir neun ab. Das übrige Pfund nehme ich mit nach Hause. Was mir nicht gefällt ist, dass die Leute mir die Sachen rauben; sie nehmen das, was jemand verkaufen will und bezahlen nicht. Manchmal kneifen sie auch. Ich bin traurig, wenn die Leute uns auf der Straße schlecht behandeln. Von dem Geld, daß ich verdiene, gebe ich die Hälfte meiner Mutti und das andere spare ich, um mir Schuhe zu kaufen. Ich helfe auch im Haus beim Wäschewaschen, Geschirrspülen, Kehren usw.

Ricardo Zamora

Am 10 Dezember, so gegen drei Uhr am Nachmittag war mein Vati betrunken, er schimpfte, schrie und wollte mit meiner Mutti streiten. Ich mußte sie gegen die Schläge verteidigen, aber er hörte nicht auf, sie zu schlagen. Dann sagte er mir, ich solle sein Haus verlassen und er nahm mir auch meine Kleidung weg. Also mußte ich zu einer Nachbarin gehen, die mir erlaubte, diese Nacht in ihrem Haus zu schlafen. Am nächsten Tag war ich auf dem Südmarkt, wo ich arbeite, und erzählte meine Probleme einer Frau aus Masaya, die Früchte verkauft. Sie sagte, ich könnte mit zu ihrem Haus kommen, dort essen und schlafen. Doch ich sollte ihr beim Verkaufen der Früchte helfen.

Während ich in Masaya war, verkaufte ich jeden Tag Früchte. Das ging fast 14 Tage so, doch am 24. Dezember kamen meine Eltern und sagten, daß es ihnen leid täte, und es würde nie mehr vorkommen, er würde keinen Schnaps mehr trinken. Und er wird mich und meine Mutter achten. Nachdem ich sie angehört hatte, beschloß ich wieder nach Hause zu gehen und mit meinen Geschwistern zu leben.

Jetzt lerne ich in der Abendschule und mache die sechste Klasse. Am Morgen gehe ich arbeiten, ich putze Schuhe; und was ich verdiene, gebe ich meiner Mutti, damit sie Lebensmittel kaufen kann.

Maria del Socorro Reyes Garcia, 15 Jahre

Anfangs habe ich nirgendwo mitgearbeitet; meine Brüder arbeiteten mit: der Ältere, der 17 ist, und der Jüngere kommt gleich nach mir – er ist 13. Sie waren in einem Projekt im Viertel Acahualinca, das sich „Zwei Generationen“ nennt, und das mit jungen Müllsammlern arbeitet.
Heute lerne ich. Wenn ich abends nach Hause komme, muß ich das Haus sauber machen, das Abendessen zubereiten, das Geschirr spülen. Falls mein älterer Bruder, der arbeitet, Zeit hat, dann hilft er mir dabei. An den Sonnabenden und Sonntagen übernehmen sie es, die Abfälle wegzubringen und zu fegen. Manchmal helfen sie uns beim Kochen.

Ich war schon mit sechseinhalb Jahren Verkäuferin und habe bis zum 12., fast bis zum 13. Lebensjahr gearbeitet. Das Geld gab ich zu Hause ab; manchmal hatte ich Probleme. Als ich anfing, verdiente ich wenig, aber meine Mutti hat mich weder geschlagen noch ausgeschimpft und sie war auch nicht böse, weil ich klein war und sie es verstand. So war es immer.

Mir persönlich gefällt es nicht, ein Kinder verkaufen zu sehen, sogar die Kleinsten. Obwohl ich selbst auf der Straße arbeitete, spät nach Hause kam, lernte, verkaufte, aber es gefällt mir nicht. Aber einer der Gründe dafür ist, daß ihre Eltern keine Arbeit haben und ein anderer, daß die Eltern das von ihnen verlangen und sie mißhandeln, wenn sie es nicht machen. Ich glaube nicht, daß es gut für die Kinder ist, auf die Straße zu gehen, auch wenn unsere Eltern das von uns verlangen und auch weil sie keine Arbeit haben, um uns zu helfen und nicht auf die Straße schicken zu müssen.

Es gibt Leute, die arbeiten, aber sehr wenig verdienen. In einigen Familien werden die Ältesten zum Arbeiten aufgefordert, was man doch unterstützen sollte, aber nicht alle Eltern sind so, doch die Mehrzahl der Eltern ist unverantwortlich, sie schicken die Kleinen weg, die sich nicht verteidigen können und von den Größeren geschlagen werden.

Ich denke, bei einigen ist es, obwohl die arbeiten, wirklich eine Notwendigkeit; weil die Familien groß sind, sie haben große Ausgaben zu begleichen, die Ausbildung; ich glaube, sie müssen es tun.

Meine größte Sorge ist die Situation der Kinder. Ich sehe diese Kinder arbeiten, die nach Abfall stinken, die barfuß gehen; ich sehe, wie die Größeren sie schlagen, um die Dinge zu bekommen, die sie verkaufen. Was mich am meisten beunruhigt sind die vielen vergewaltigten Mädchen und die ermordeten Jungen.

Seit ich begonnen habe, mich über Fragen des Respektes gegenüber den Kindern zu informieren, rede ich mit meiner Mutti und meinem Stiefvater. Meine Geschwister haben sie fast nie geschlagen, sie haben sie nur ausgeschimpft. Bei uns gibt es nur drei verschiedene Strafen. Früher bekam ich eine auf den Mund, wenn ich „eh“ sagte, oder sie klopfte mir auf die Finger. Sie sagte zu mir: „Mache nicht etwas, wo ich einmal die Kontrolle verliere.“ Und sie begann, mit uns zu sprechen. Die Kommunikation ist jetzt mit meinen Geschwistern, meiner Oma, meinem Stiefvater und selbst mit meinen Cousins besser geworden.

Ich denke, wesentlich ist die Art und Weise, wie unsere Eltern aufgewachsen sind; ich denke, weil die Erziehung unserer Eltern so hart war, müssen sie uns auch ein bißchen so behandeln. Meine Mutter ist in einem Haushalt aufgewachsen, wo sie die einzige Frau war und viele Pflichten hatte. Ich sage immer zu ihr: „Wir leben nicht mehr in deiner Zeit, die Dinge haben sich geändert. Es stört mich, wie du mich behandelst.“ Ich denke, daß auch die Eltern begreifen, daß wir in anderen Zeiten leben, und obwohl sie uns behandeln wollen, wie sie einst behandelt wurden, werden sie das nicht erreichen und es niemals so machen, weil die Dinge heute anders liegen. Es wäre am besten, wenn unsere Eltern versuchen würden, ein wenig nachzugeben und nicht so streng wären in der Art, wie sie uns zu Hause erziehen.

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Bei den Kindern gibt es eine Vorstellung, was zu erreichen ist. Für sie ist zunächst einmal die Frage ihrer Rechte ganz wesentlich. Sie sind relativ gut informiert über ihre Rechte. Wenn sie von ihren Rechten reden, reden sie oft sehr konkret z.B. davon, daß sie erwarten, daß man sie so respektiert, wie sie sind. Sehr wichtig ist für sie auch, daß man ihre Arbeit akzeptiert und anerkennt und nicht etwa als nur irgendeine Hilfstätigkeit mit dem Argument, daß sie schlecht oder gar nicht bezahlt wird. In dem Zusammenhang ist auch die Vorstellung der Kinder zu verstehen, daß sie ein Recht zu arbeiten haben, ein Recht, was in dieser ausdrücklichen Form ja nicht in der UN- Konvention steht. Für die Kinder ist das ein wesentliches Element ihres selbstbestimmten Lebens, d.h. sie wollen selbst entscheiden können, ob sie arbeiten oder nicht und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. In erster Linie ist Arbeit für sie eine Notwendigkeit. Deshalb soll sie auch unter akzeptablen und würdigen Bedingungen und ohne Ausbeutung geleistet werden.

Für die Kinder spielen z.B. die sogenannten Partizipationsrechte eine große Rolle. Gerade auf ihrem letzten nationalen Treffen im September letzten Jahres haben sie am Schluß in einer Erklärung betont, daß es für sie besonders wichtig ist, an der Regierung partizipieren zu können, damit ihre Rechte erfüllt werden. Sie sehen, daß viel über Kinderrechte geredet wird, und viel davon geredet wird, daß die Kinder die Ersten sein sollen, aber sie machen die konkrete Erfahrung, daß sie in der Realität die Letzten sind und auch die Letzten bleiben. Heute geht es ihnen sogar noch schlechter als vor drei bis vier Jahren.

Manfred Liebel
(in einem Interview mit Andreas Rister)

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* Vergleiche den Beitrag von Große-Oetringhaus in diesem Heft

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