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Hochprozentig! Rum kubanisch

Peter Gärtner | | Artikel drucken
Lesedauer: 4 Minuten

Eine Sendung über kubanischen Rum – das erfordert mehr als nur kulinarische oder gastronomische Kenntnisse. Darüber waren sich wohl auch die Macher der kleinen, aber feinen Dokumentation über das Lieblingsgetränk (nicht nur) der Kubaner im Klaren (nicht zu verwechseln mit dem Klaren).

Kubanischer Rum ist natürlich hochprozentig – meist um die 40%. Dies gilt aber nicht nur für den Alkoholgehalt des edlen Getränks. Hochprozentig sind auch die Geschichte und die heutige Bedeutung des aus Zuckerrohrsaft gewonnenen Destillats. Zuckerrohr und Kuba gehören seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Zuckerboom auf der größten der Antilleninseln einsetzte, untrennbar zusammen. Zucker bedeutete für die Kubaner Fluch (für viele) und Segen (für wenige) zugleich. Anbau, Verarbeitung und Export der auf tropisches Klima angewiesenen „Kolonialware“ erfolgte auf Kuba – wie auch auf Jamaika, Barbados, Martinique, Haiti und anderen Karibikinseln sowie in Brasilien – im Rahmen der auf Massensklaverei beruhenden Plantagenökonomie. Die europäische Gier nach dem süßen Stoff machte Großgrundbesitzer, Kaufleute und korrupte Beamte reich, bedeutete aber für die afrikanischen Sklaven, die auf den Feldern und in den ingenios (hier: Zuckerrohrmühlen) erbarmungslos ausgebeutet wurden, Gefangenschaft, Demütigung und nicht selten früher Tod.

Rum und Sklaven waren jedoch noch auf andere Weise miteinander verbunden. Nur Sklaven, die die harte Arbeit auf den Feldern verrichteten, kamen in den Genuß von Rum. Am 6. Januar, dem Drei-Königsfest, war jedoch auch für alle anderen Sklaven das Rumverbot aufgehoben, was dann feucht-fröhlich gefeiert wurde. Rum war jedoch auch ein wichtiges Exportprodukt, das unter anderem als Tauschgut für den Sklavenhandel in Afrika benutzt wurde. Außerdem ist malafo (Zuckerrohrschnaps) noch heute eine gefragte Opfergabe der Santería, des afrokubanischen Heiligenkults. Und während des revolutionären Überschwangs der 1960er Jahre war die Zafra, die große Kampagne zur Ernte des Zuckerrohrs, ein fast schon rituelles Großereignis, das für die rebellische Nation zum identitätsstiftenden Symbol wurde. Noch heute sind die Fotos vom Ché als machetero [1] zwar nicht so bekannt wie die handelsüblichen „Ikonen“, dafür aber nicht weniger legendär und wohl auch authentischer als diese.Neben dem historischen Rückblick werden auch die technischen Details der Rum-Herstellung und die Rolle des Zuckerrohrdestillats im Alltagsleben der Kubaner entsprechend gewürdigt. José Navarro, als maestro ronero ein Kenner seines Fachs, vergleicht das ausgefeilte, von Generation zu Generation weitergegebene und verfeinerte Procedere der Rum-Herstellung mit der ehrwürdigen Kunst der Alchemisten. Zwar ist die Gewinnung von Melasse, eigentlich ein Reststoff der Zuckergewinnung, der zugleich als Ausgangsstoff für den Rum dient, wenig spektakulär. Und auch die eher zufälligen Erfahrungen, die die Seefahrer des 17 Jahrhunderts mit der Lagerung von Rum während ihrer langen Reisen sammelten, stellen nicht mehr als einen ersten Schritt auf dem langen Weg zu den legendären reservas añejadas der kubanischen Rum-Meister dar. Drei Faktoren geben den Ausschlag bei der Qualität des Rums: Zeit und Art der Lagerung sowie das blending [2]. Allerdings gibt es nicht – wie beim schottischen Whisky – einheitliche Bestimmungen für Reife und Lagerung, was die Sache nicht unbedingt einfacher, dafür aber spannender und vielfältiger gestaltet. Nebenbei wird im Film auch ein Geheimtipp öffentlich gemacht: Isla del Tesoro (dt.: Schatzinsel) – inzwischen eine kaum noch erhältliche Rum-Legende. Aber der Zuschauer und künftige (oder bereits praktizierende) Feldforscher auf dem exotischen Gebiet des kubanischen Rums sei getröstet: es gibt genügend Alternativen, wobei von Kubanern wie landesfremden Kennern die rones aus Santiago, dem Oriente der Insel, als besonders gelungene Kreationen gepriesen werden.

Analog zur Geschichte des Zuckerrohrs zeigt der Film auch jenes historische Kapitel, das mit einem neuen Destillierverfahren, dem Coffey Still, bei der Rum-Herstellung aufgeschlagen wurde. In der historischen Retrospektive darf natürlich nicht die legendäre Bar-Szene des vorrevolutionären Havanna fehlen, die Fernando Campoamor, während der 1940er und 1950er Jahre stadtbekannter Journalist und ein alter „Saufkumpel“ Hemingways, anhand damaliger wie gegenwärtiger Aufnahmen kenntnisreich und anschaulich kommentiert. Schließlich wieder in der Gegenwart angelangt, wird selbst dem dickfelligsten Zuschauer klar: zwischen der Rum-Welt der Touristen, die heutzutage die Floridita okkupieren, und der Rum-Welt der Kubaner liegen nicht nur Welten, sondern ganze Galaxien. Rum, jenes fröhliche Kind des Zuckerrohrs, das in sich alle Aromen und Gerüche Kubas birgt, ist nicht einfach ein Getränk, sondern ein Lebensgefühl. Oder besser: eine Lebensanschauung und in dieser Eigenschaft untrennbarer und unverwechselbarer Teil der Cubanidad.

Hochprozentig! Rum kubanisch
3sat, 19. August 2008, 16.00 Uhr

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