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Seligsprechung von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero

Andrea Lammers | | Artikel drucken
Lesedauer: 6 Minuten

Menschenrechtsorganisationen wollen keinen „Heiligen ohne Gerechtigkeit“

El Salvador: Erzbischof Oscar Romero - Foto: puigreixachWeitgehend ignoriert von den offiziellen Medien feiern soziale Bewegungen, katholische Basisgemeinden, Gewerkschaften, Jugend- und Menschenrechtsorganisationen dieser Tage ihren Heiligen Oscar Arnulfo Romero. Sie verweigern sich dem kommerziellen Rummel und dem offiziellen Staats- und Kirchenakt zur Seligsprechung des ehemaligen Erzbischofs der Metropolregion San Salvador am 23. Mai 2015 – oder wurden erst gar nicht dazu eingeladen. Die Mitte-Links-Regierung der ehemaligen Guerilla FMLN und konservative Kirchenhierarchen, so die Kritiker_innen, drohen Romero in einen künftigen „Heiligen light“ zu verwandeln.

Erzbischof Romero wurde am 24. März 1980 während einer Messe von einem Scharfschützen ermordet, der Teil einer mit dem Militär verbündeten Todesschwadron war. Weder der Täter noch seine Hintermänner wurden jemals für ihre Taten belangt. Weggefährten Romeros sowie Opfer- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren nun heftig, dass die Haltung der Kirchenoberen und der Regierung El Salvadors Romero zu einem „Heiligen ohne Gerechtigkeit“ zu machen droht. Zum einen gilt das im Hinblick auf die andauernde Straflosigkeit in El Salvador, zum anderen auch hinsichtlich der weiter existierenden extremen sozialen Ungerechtigkeit. Die nationalistische Vereinnahmung des Erzbischofs sogar durch Mitglieder der weiterhin mächtigen ultrarechten Partei ARENA, die vom Mörder Romeros, Major Roberto D’Aubuisson, gegründet wurde, tue ein übriges, um die radikale Option des künftigen Heiligen zugunsten der Armen und Unterdrückten vergessen zu machen.

Während sogar Mitglieder von ARENA mit Romero-T-Shirts durch San Salvadors Straßen liefen, betonte Weihbischof Gregorio Rosa Chávez kürzlich vor der internationalen Presse: „Wir wollen keinen Romero ‚light‘, so wie die Coca Cola light. Wir wollen einen authentischen Romero. Er ist der Prophet, die Stimme derer, die keine Stimme haben, derjenige, der bei seinem Volk blieb und nicht weglief, als die Wölfe kamen. Er wusste, was passierten würde, und Gott schenkte ihm, wie niemandem sonst auf der Welt, die Gnade vor dem Altar zu sterben.“ Rosa Chávez würdigte allerdings, dass die Seligsprechung, der sich die Kirchenhierarchie in Rom jahrzehntelang verweigert hatte, immerhin dazu beitrage, dass einzelne Personen Romero nun in einem anderen Licht sähen und den Mord bereuten, den sie zuvor gerechtfertigt hatten.

Jaime García von der Gruppe Convergencia Oscar Romero, einst der Sekretär von Oscar Romero, zeigte sich im Gespräch mit dem Ökumenischen Büro für Frieden und Gerechtigkeit in München um einiges kritischer: „Es ist für uns eine große Herausforderung, Monseñor Romero als Heiligen zu haben, um weiter für Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Denn wir haben Tausende von Opfern, die unsichtbar gemacht werden. Tausende von Müttern, die bei den Gedenkveranstaltungen jedes Jahr wieder anfangen zu weinen. Und wir sehen die Gefahr, dass die Kirche aus Monseñor Romero ökonomischen Nutzen ziehen will. Denn mit diesem Heiligen kann die Kirche große Mengen Almosen, sogar von den Armen, einnehmen. Sie verkauft Romero-T-Shirts, -Hüte und Briefmarken. An der Aufklärung des Mordes ist sie schon lange nicht mehr interessiert. Romero wird für die Kirche ein großes Geschäft sein, und sie werden ihn zu einem ,Heiligen light‚ machen. Die eigentliche Botschaft von Monseñor Romero wollen sie nicht hören.“

El Salvador: Die Kathedrale des Erzbistums San Salvador - Foto: Public DomainDeshalb organisierten kirchliche Basisgruppen, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften zwei Parallelveranstaltungen zur offiziellen Feier in San Salvador: Am 21. Mai startete ein Demonstrationszug in der Nähe der US-Amerikanischen Botschaft und endete bei der Generalstaatsanwaltschaft der Republik. Die Demonstrant_innen forderten, den Fall von Oscar Romero wieder aufzunehmen und die Auftraggeber und Finanziers des Mordes endlich zu bestrafen. Vom 22. Mai auf den 23. Mai folgten eine Nachtwache und ein alternatives Fest von und mit allen, die sich bei den offiziellen Veranstaltungen ausgeschlossen sehen. Eingeladen waren, so die Convergencia Romero, auch zahlreiche Jugendorganisationen.

Streetart statt kommerziellem Heiligenkitsch

Eine Gruppe von Jugendlichen bemalt derzeit zahlreiche Wände in den armen und marginalisierten Stadtvierteln San Salvadors mit dem Bild Oscar Romeros und will so ein Zeichen gegen seine kommerzielle und nationalistische Vereinnahmung setzen.

Am Tag vor seiner Ermordung hatte Romero in einer Predigt ausgerufen: „In Gottes Namen, im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Wehklagen an jedem noch stürmischeren Tag zum Himmel schreien, flehe ich euch an, fordere ich euch auf, befehle ich euch, dass diese Repression aufhört.“ Romero hatte sich bereits im Februar 1980 deutlich gegen die Militärhilfe der USA für El Salvador ausgesprochen. Jeden Sonntag listete er von neuem die Opfer der politischen Gewalt in seinen Predigten auf. Das brachte ihm Todesdrohungen ein – und bereits am 10. März 1980 einen Attentatsversuch mit Sprengladungen in der Kathedrale von San Salvador.

Mit dem Mord an Monseñor Romero verschärfte sich der interne bewaffnete Konflikt in dem kleinen zentralamerikanischen Land weiter. In den folgenden zwölf Jahren kostete er über 75.000 Menschen das Leben. Darunter befanden sich zahlreiche Zivilist_innen, die teils in großen Massakern, überwiegend vom Militär, ermordet wurden. Die mit dem Ende des Bürgerkrieges 1992 von den Vereinen Nationen eingesetzte Wahrheitskommission stellte fest, dass der im Februar 1992 verstorbene Major des militärischen Geheimdienstes von El Salvador, Roberto D’Aubuisson, für den Mord an Oscar Romero unmittelbar verantwortlich war. Wenige Tage nach dem Erscheinen des Berichtes wurde eine Generalamnestie für die Menschenrechtsverbrechen im Bürgerkrieg verkündet.

Dieses 1993 erlassene Amnestiegesetz blockierte sieben Jahre lang jegliche Ermittlungen im Fall Romero, bis der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte im April 2000 urteilte, das Gesetz widerspreche internationalen Normen und der Staat El Salvador sei mithin verpflichtet, umfassend zu ermitteln, die Täter vor Gericht zu stellen und die Opfer zu entschädigen.

Ombudsmann verlangt Wiederaufnahme des Falles

El Salvador: Padre Rafael  Palacios and Monseñor Oscar Romero - Foto: John DonaghyErst 2009 erkannte der Staat unter der damaligen Mitte-Links-Regierung von Mauricio Funes seine zuvor stets geleugnete Verantwortung an, und es folgten eine förmliche Bitte um Verzeihung und einige symbolische Akte wie die Benennung des internationalen Flughafens von San Salvador nach Monseñor Romero. Allerdings besteht das Amnestiegesetz weiter, und trotz des Urteils des Interamerikanischen Gerichtshofes wagt bisher kein Staatsanwalt und kein Richter in Fällen wie dem von Monseñor Romero, der die mächtige Oligarchie im Lande und das Militär tangiert, tätig zu werden.

El Salvadors Ombudsmann für Menschenrechte, David Morales, kündigte im März 2015 an, er werde um eine neuerliche Intervention des Interamerikanischen Gerichtshofes für Menschenrechte im Fall Romeros und anderer wichtiger Präzedenzfälle bitten. „Vergeben und Vergessen sind nicht akzeptabel“, betonte Morales gegenüber der salvadorianischen Presse: „Die Straflosigkeit ist eine klare Verletzung der Menschenrechte, und El Salvador ist geradezu eine Bühne für die Straflosigkeit.“

Bildquelle: [1] puigreixach; [2] Public Domain; [3] John Donaghy.

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