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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Das Paradigma des Siedlerkolonialismus und sein Potential für einen inter-amerikanischen Vergleich

Peter Gärtner | | Artikel drucken
Lesedauer: 15 Minuten

Im Krieg zwischen den USA und Israel einerseits und Iran andererseits ist derzeit kein Ende erkennbar. Der am 28. Februar gestartete Angriff auf das westasiatische Land, der von seinen Urhebern als Enthauptungsschlag gedacht war und damit einen schnellen Erfolg sicherstellen sollte, hat sich zum regionalen Flächenbrand ausgeweitet. Je länger der Konflikt dauert, desto härter sind die Folgen für die globale Wirtschaft. Im Schatten des Krieges geht der israelische Völkermord an den Palästinensern weiter. Angesichts der unverhüllten Komplizenschaft von Donald Trump und „Bibi“ Netanyahu stellt sich die Frage nach den Motiven dieser Kriegsallianz. In der politischen Debatte darüber gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der im anglo-amerikanischen Sprachraum als Settler Colonial Studies (SCS) bzw. Settler Colonial Theory (SCT) bekannt ist. Nach diesem Paradigma gehören sowohl die USA als auch Israel zur Kategorie der Siedlerstaaten, die aus einem besonderen Typus des europäischen Kolonialismus, dem Siedlerkolonialismus, hervorgegangen sind. Folgt man dieser Einordnung, dann gewinnen die SCS eine analytische und theoretische Schärfe für die Erklärung der gegenwärtigen Umbruchsituation, die es bei der Erkundung ihrer Ursachen unbedingt zu berücksichtigen gilt.

Grundzüge des siedlerkolonialen Paradigmas

Dieser Beitrag erhebt nicht den Anspruch, die aktuellen Konflikte zu analysieren. Vielmehr bieten diese den Anlass, das Paradigma der Siedlerkolonialismus vorzustellen und sein Potential auszuloten. Dabei wird – entsprechend unserem Fokus auf die Amerikas – in drei Schritten vorgegangen: Erstens werden die Vereinigten Staaten aus der Perspektive der SCS analysiert und eingeordnet. Zweitens wird geprüft, inwiefern sich dieses Paradigma auf Lateinamerika anwenden lässt. Drittens kommen die gewonnenen Erkenntnisse bei einem Vergleich zwischen Nord- und Lateinamerika zur Anwendung.

Als eigenständiges Forschungsfeld gibt es die SCS seit dem erstmaligen Erscheinen des gleichnamigen Fachorgans im Jahr 2010. Lorenzo Veracini und Patrick Wolfe, die beiden wichtigsten und meistzitierten Vertreter der SCS, gehen davon aus, dass der Siedlerkolonialismus gegenüber dem „klassischen“ Kolonialismus historische und strukturelle Besonderheiten aufweist, die eine typologische Trennung erfordern: „Settler Colonialism is not Colonialism“. Die zentralen Aussagen der SCS, mit denen die Spezifik und Eigenständigkeit dieses Ansatzes begründet wird, lassen sich in aller Kürze wie folgt umreißen:

Erstens kommen die europäischen Siedler, um dauerhaft zu bleiben. Die Aneignung von Land (Wasser, Boden, Bodenschätze) steht im Zentrum des Siedlerkolonialismus, während der „klassische“ Kolonialismus vor allem auf Ausbeutung und Ausplünderung zielt. Zweitens geraten sie damit in einen existentiellen Konflikt mit der ursprünglichen Bevölkerung, die auf diesem Land lebt. Drittens spielt die jeweilige Kolonialmacht im Grundkonflikt zwischen Siedler und Indigenen eine ambivalente Rolle. Einerseits bildet sie mit den Siedlern einen „kolonialen“ Block, andererseits kommt es zwischen beiden Seiten immer wieder zu Konflikten, die früher oder später in der Unabhängigkeit der Siedler enden. In bestimmten Situationen übernimmt die Metropole gegenüber der indigenen Bevölkerung die Rolle einer Schutzmacht, um das Streben der Siedler nach mehr Souveränität zu begrenzen. Viertens wohnt dem Siedlerkolonialismus prinzipiell eine Logik der „Eliminierung des Indigenen“ (Patrick Wolfe) inne. Je nach Situation und Kräfteverhältnis kann dies in der siedlerkolonialen Praxis von der Assimilation bis zum Genozid reichen. Da fünftens diese Logik durch die Schaffung eines unabhängigen Siedlerstaates eher noch verschärft wird und die koloniale Situation der indigenen Bevölkerung, sofern sie überlebt hat, fortbesteht, bleibt die Entkolonialisierung der Siedlerstaaten eine aktuelle Forderung, deren Umsetzung nach wie vor aussteht.

Die USA als erster und mächtigster Siedlerstaat

Wendet man diese Merkmale auf die USA an, dann ergibt sich folgenden Porträt: Wie Kanada; Australien und Neuseeland gehören sie zu jenen vier Siedlerstaaten, die einst Teil des britischen Empire waren und heute mehrheitlich von Europäern und ihren Nachkommen bewohnt sind. Die indigene Bevölkerung umfasst 6,2 Millionen Menschen, was bei einer Gesamteinwohnerzahl von 338 Millionen einem Anteil von 1,8 Prozent entspricht. Die Indianer, deren Zahl 1890 infolge von Vertreibung und Vernichtung auf 230.000 Menschen zusammengeschmolzen war, galten bis in die 1950er Jahre hinein als „sterbende Rasse“. Die einst souveränen „First Nations“ leben als Marginalierte unter elenden Bedingungen entweder in ihnen zugewiesenen Reservaten oder in den Städten. Nach allen sozialen und wirtschaftlichen Indikatoren bilden sie den unteren Rand der Gesellschaft. Juristisch sind die indigenen Völker wie Mündel den Entscheidungen des US-Kongresses unterworfen.

In allen drei Abschnitten führten die USA zahlreiche Kriege: Bis 1890 sicherten sie ihren Aufstieg durch Angriffe auf ihre schwachen Nachbarn (Kanada 1812; Mexiko 1846-1848) und in Gestalt der „Indianerkriege“ gegen die indigene Bevölkerung. Dieses Vorgehen fand seine Fortsetzung in militärische Interventionen im eigenen „Hinterhof“ (Lateinamerika) und kolonialen Eroberungen im Pazifik. In den beiden Weltkriegen nutzten die Vereinigten Staaten ihren äußerst vorteilhafte geopolitische Position (faktische „Insellage“), um sich zu einem für sie günstigen Zeitpunkt, an dem die beiden kriegsführenden Blöcke bereits geschwächt waren, zu beteiligen. Durch ihre ökonomische Stärke und ihre Lage abseits der großen Schlachtfelder war es den Vereinigten Staaten möglich, sich mit relativ geringen Kosten und Schäden in der Nachkriegszeit die Position als Hauptnutznießer zu sichern. Die Wirtschaft gab letztlich auch den Ausschlag im Systemwettbewerb mit der Sowjetunion, während die beiden großen US-Kriege in Asien – Korea (1950-1952) und Vietnam (1965-1973) – mit einem Patt bzw. einer Niederlage für Washington endeten. Nach 1990 verspielte Washington sein „unipolares Moment“ in Militäraktionen, die die betroffenen Staaten (Somalia, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien) zwar zerstörten, sich für die USA letztlich aber als Niederlagen erwiesen. Eine neue Qualität besitzen sowohl der Ukrainekrieg (seit 2022) und der Irankrieg (2026), da es sich in beiden Fällen um Stellvertreterkriege handelt, in denen sich für die USA – entweder als „Macht im Hintergrund“ (Ukraine) oder direkt als Angreifer (Iran) – eine strategische Niederlage abzeichnet. Nichtdestotrotz bleibt die Frage, welchen Anteil der Siedlerkolonialismus als Struktur von langer Dauer (Fernand Braudel) am Aufstieg der USA zur globalen Hegemonialmacht des Westens hat.

Lateinamerika als Test für die Reichweite der SCS

Die systematische Einbeziehung Lateinamerikas in die SCS steht trotz verschiedener Vorstöße immer noch aus. Anhand des Artikels von Richard Gott, dem es bisher am besten gelungen ist, das Paradigma des Siedlerkolonialismus auf die Länder südlich der USA anzuwenden, lässt sich das Für und Wider einer solchen Erweiterung der Reichweite der SCS anschaulich aufzeigen. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist das „globale Phänomen des weißen Kolonialisators“ (Gott 2007, S. 8). Da dessen Präsenz bis heute in Lateinamerika seine Wirksamkeit entfaltet, müsse man die Region als „White Settler Society“ betrachten und sie zum Gegenstand der SCS machen (S. 11). Zugleich hebt er hervor, dass die „weißen Siedler Lateinamerikas die einzigen waren, die zwei verschiedene Gruppen innerhalb des Territoriums unterdrückten.“ Während sie „den indigenen Völkern ihr Land nahmen, eigneten sie die Arbeitskraft der schwarzen Sklaven an, die sie importiert hatten“ (S. 12 – kursiv im Original). An dieser Stelle könnte man einwenden, dass dies auch in den Südstaaten der USA der Fall gewesen sei. Um die Unterschiede zwischen beiden Teilen der Amerikas in Bezug auf den Siedlerkolonialismus präzise bestimmen zu können, muss man die Kolonialzeit in Bezug auf das Verhältnis von Landnahme und Ausbeutung der Arbeitskraft genauer unter die Lupe nehmen.

Hierbei lassen sich drei Typen der kolonialen Wirtschaft und Gesellschaft erkennen. In den Kerngebieten der vorkolonialen Hochkulturen in Mexiko und im zentralen Andenraum, die sich durch Staatsbildung und eine große Bevölkerung von den übrigen Regionen unterschieden, bildeten die Indigenen den Hauptteil der kolonialen Arbeitskräfte. Um trotz der dramatischen demographischen Katastrophe deren Reproduktion zu sichern, durften sie weiterhin das von ihnen bewohnte Land nutzen. In Brasilien und im karibischen Becken, zu dem auch die Nordküste Südamerikas zählt, bildeten die schon erwähnten Sklaven aus Afrika die Hauptarbeitskraft, die im Rahmen der Plantagenökonomie massenhaft ausgebeutet wurde. In den USA stellten die weißen Siedler den Hauptteil der Arbeitskräfte. Durch die frühe Unabhängigkeit verlor die indigene Bevölkerung den Schutz der britischen Krone (Royal Proclamation von 1763) und das Interesse der Siedler an Land ohne indigene Bevölkerung brach sich ungehindert seine Bahn. Bei der kolonialen Landnahme der Siedler Richtung Westen standen die Nord- und Südstaaten, die in der Sklavenfrage zerstritten waren, bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges 1861 im Wettbewerb. Dreißig Jahre später gab es keine freien Indianer mehr. Die 230.000 Überlebenden der „Eliminierung des Indigenen“ wurden in Reservate gepfercht, um sie besser assimilieren zu können. Auf diese Weise sollte die Indianerfrage endgültig gelöst werden.

Das Imperium der Siedler schafft sich einen eigenen Hinterhof

In Hinblick auf die Unabhängigkeit, die im Falle der USA und der meisten Länder Lateinamerikas nur 50 Jahre auseinander liegt, bildet die Hegemonie der weißen Siedler in der antikolonialen Revolution die entscheidende Gemeinsamkeit. In beiden Fällen beschränkte sich diese auf den politischen Bereich, da die neue Herrenklasse kein Interesse an einer sozialen Umwälzung hatte. Zwar gab es Versuche, den USA auf dem Weg zu einem Imperium der weißen Siedler zu folgen. Diese scheiterten jedoch sowohl an einem tragfähigen Projekt des Zusammenschlusses als auch an der ethnischen und sozialen Heterogenität der Bevölkerung. Selbst Argentinien, das den Vorstellungen eines europäisierten Staates bis zum Beginn des ersten Weltkriegs am nächsten kam, konnte der US-amerikanischen Erfolgsstory nicht folgen.

Anders als die Vereinigten Staaten, die nach dem Bürgerkrieg eine rasche Industrialisierung erlebten, wurden die neuen Staaten Lateinamerikas Teil des informellen Imperiums Großbritanniens. Nach ihrem Sieg über Spanien 1898 übernahmen die USA die Rolle eines hemisphärischen Hegemons. Damit wird die Bifurkation (Aufspaltung) der Siedlerstaaten offensichtlich. Während die USA, später und mit weniger weitreichenden Folgen auch Kanada, Australien und Neuseeland, den Sprung in die Gruppe der führenden Industriestaaten schafften, verharrten die lateinamerikanischen Siedlerstaaten im Status neokolonialer Abhängigkeit. Bei der Ergründung der Ursachen für diese Aufspaltung rückt das 19. Jahrhundert als Untersuchungszeitraum in den Vordergrund. Inwiefern die SCS hierfür wertvolle Erkenntnisse liefern können, muss noch ausgetestet werden.

Ohne eine politökonomische Analyse, die die späte Kolonialzeit und die Herausbildung der neuen Staatlichkeit in den Blick nimmt, wird ein solcher Vergleich nicht zu schaffen sein. Mit ihrem Fokus auf die Landnahme der Siedler und die Folgen für die indigene Bevölkerung bieten die SCS immerhin einen fruchtbaren Ansatz, den genannten Zeitraum in Bezug auf eine Typologisierung der Staats- und Nationenbildung in den Amerikas zu untersuchen.

Indianerfrage und Rassismus als Scheidemarken der Staats- und Nationenbildung in den Amerikas

In der Indianerfrage, das heißt im Verhältnis der weißen Siedler gegenüber der indigenen Bevölkerung, zeigt sich der erste wichtige Unterschied zwischen den neuen Siedlerstaaten. Ein entscheidender Grund für den schnellen Fortgang der territorialen Expansion der USA war die massenhafte Einwanderung der überschüssigen Bevölkerung Europas, beginnend mit den britischen Inseln, gefolgt von Deutschland, Skandinavien und den Niederlanden bis hin zu Osteuropa. Die indigene Bevölkerung war aus der Sicht der Siedler in zweifacher Hinsicht überflüssig: Erstens wurde ihre Arbeitskraft nicht benötigt; zweitens stand sie zwischen den Siedlern und dem Land, das diese beanspruchten, und musste deshalb verschwinden. Diese doppelt freie Landnahme nach dem Motto „Freies Land für freie Siedler!“ bot zugleich ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung des Kapitalismus. Diese Verbindung von „Eliminierung des Indigenen“ und Kapitalismus verleiht letzterem einen genozidalen Impetus, der die gesamte Siedlergesellschaft prägte. In Bezug auf die herrschende Klasse hatte diese Prägung aufgrund ihrer Machtposition aber besonders weitreichende Folgen.

In den spanischen Kolonien auf dem amerikanischen Festland bildete die indigene Bevölkerung aufgrund ihrer ökonomischen Funktion als Hauptarbeitskraft und wichtigste Steuerquelle einen festen Bestandteil der Kolonialgesellschaft. Damit hatte sie neben ihren kolonialen „Pflichten“ auch Rechte, die von der spanischen Krone garantiert wurden. Die indigenen Gemeinschaften verfügten über genügend Land, um ihre Existenz zu sichern und ihr eigenen Institutionen zu unterhalten, woran auch die Kolonialverwaltung interessiert war. In der liberalen Verfassung von Cádiz, die 1812 verabschiedet worden war, wurden die indios als Teil der spanischen Nation anerkannt und der Kolonialtribut, den sie bis dahin zu leisten hatten, wurde aufgehoben. Der Unterschied zu den USA, wo die Indianer für die weißen Siedler „Wilde“ blieben und am besten zugrunde gehen sollten, ist augenscheinlich. Anders als in Nordamerika, wo der weiße Siedlerkolonialismus auf Vertreibung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung angelegt war, sobald sich die Siedler stark genug fühlten, bewirkte er in weiten Teilen Lateinamerikas das Gegenteil.

Hinzu kommt als zweiter Unterschied das Erbe der Sklaverei. Der daraus resultierende Rassismus gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung beruht zwar ebenso wie gegenüber der indigenen Bevölkerung auf einer – wie auch immer begründeten – Überlegenheit der „weißen Rasse“, hat aber eine andere Stoßrichtung. Im ersten Fall geht es um die Vertreibung zum Zweck der freien Landnahme, im zweiten um die Kontrolle über die Arbeitskraft seitens der Kapitalisten bzw. um die Konkurrenz beim Verkauf der Ware Arbeitskraft seitens der Lohnarbeiter. Das Resultat ist eine Mehrheitsgesellschaft weißer Siedler mit einer indigenen Bevölkerung, deren Aussterben nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, und einer schwarzen Minderheit, die ausgebeutet wird und kontrolliert werden muss. In Lateinamerika war die Segregation der afroamerikanischen Bevölkerung weniger stark ausgeprägt als in den USA. Bereits um 1800 gab es dort mehr freie Schwarze und Farbige als Sklaven. In Kuba, das erst 1902 die Unabhängigkeit erlangte, wurde die Sklaverei allerdings erst 1886 aufgehoben, während dieser Schritt in Brasilien noch zwei weitere Jahre auf sich warten ließ. Die erfolgreiche Sklavenrevolution in Haiti stellt einen Sonderfall dar. In der Karibik und in den USA verstärkte sie die Furcht der Weißen vor einem Aufstand, während die kreolischen Führer der Unabhängigkeitsbewegung, die als Amerika-Spanier ebenso wie die Europa-Spanier zur weißen Kolonial-Elite gehörten, in Haiti, das seit 1804 unabhängig war, Unterstützung suchten und auch fanden.

Ein dritter Unterschied der Staats- und Nationenbildung in den Amerikas besteht in der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerungsmehrheit. Während diese sich in Lateinamerika im Zuge verschiedener Varianten der mestizaje herausgebildet hat, waren in den nordamerikanischen Kolonien die weißen Siedler bereits vor der Unabhängigkeit die größte Gruppe, was der späteren Nationsbildung eine größere Homogenität verlieh. Sowohl in Spanisch-Amerika als auch in Brasilien waren die Weißen unmittelbar vor der Unabhängigkeit (um 1800) hingegen in der Minderheit (zu den folgenden Angaben vgl. Gott 2007, S. 12-19). In den spanischen Kolonien, in denen insgesamt 16.9 Millionen Menschen lebten, betrug die Zahl der Weißen (blancos) lediglich 3,2 Millionen, während in Brasilien auf 1,5 Millionen Weiße eine etwa gleich große Zahl von freien Schwarzen sowie etwa eine Million Sklaven kamen.

In den beiden Kerngebieten Spanisch-Amerikas gestaltete sich die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung wie folgt: In Mexiko, wo damals etwa sechs Millionen Einwohner, lebten, verteilten sich diese auf eine Millionen Weiße (18 Prozent), 3,6 Millionen Indigene (60 Prozent) und 1,4 Millionen Mestizen (castas; 22 Prozent). In Peru gestaltet sich das Verhältnis bei einer Gesamtbevölkerung von 1,1 Millionen ähnlich. Mit 58 Prozent bildeten die Indigenen ebenfalls die Mehrheit, während sich der Rest aus 12 Prozent Weißen, 20 Prozent Mestizen und 10 Prozent Sklaven und freien pardos (Mischbevölkerung mit starker afrikanischer Komponente) zusammensetzte.

In Nordamerika kam es nur in Kanada zu Ethnogenese einer Mischbevölkerung aus Europäern und Indigenen, die heute in der Verfassung als Metís anerkannt sind und zusammen mit den First Nations (Indianer) und den Inuit (früher Eskimos) die indigene Bevölkerung des Landes (Aborigines) bilden. In den USA hat der Rassismus der weißen Siedler die Ethnogenese einer Mischbevölkerung vollständig verhindert. Um zum Schutz der „Reinheit der weißen Rasse“ die Vermischung mit Afroamerikanern zu verhindern, wurde die One-Drop Rule eingeführt. Sie besagt, dass bereits ein Tropfen „schwarzen Blutes“ genügt, um den Status als Weißer zu verlieren. Im Falle der indigenen Bevölkerung gilt eine anderen Rassen-Regel, die deren Assimilierung befördern sollte. Als „Halbblut“ besteht einerseits die Möglichkeit, den indigenen Erbteil auszuschlagen oder zu vertuschen, um sich als Individuum in die Mehrheitsgesellschaft einzugliedern. Andererseits konnte man sich zu diesem bekennen, wobei es in meist der Anerkennung als Angehöriger eines Stammes (tribe) bedurfte, wofür es wiederum unterschiedliche Regeln gibt. Es wird geschätzt, dass in den USA acht von zehn Indigenen nicht-indigene Vorfahren haben.

Ausblick

Dieser knappe Überblick führt im ersten Befund zu der Erkenntnis, dass die Einbeziehung Lateinamerikas in die SCS nicht nur gerechtfertigt ist, sondern auch ein großes Erkenntnispotential besitzt. Die vergleichende Analyse beider Teile der Amerikas öffnet einerseits den Blick für die Vielfalt der Varianten und Typen des Siedlerkolonialismus und erfordert andererseits die Weitentwicklung seines fachlichen Instrumentariums. Dabei gilt es vor allem, Strukturen von langer Dauer größere Aufmerksamkeit zu schenken. Neben den „klassischen“ Fällen, zu denen trotz seiner Besonderheiten auch Israel gehört, verdienen auch jene Länder Beachtung, in denen er überwunden werden konnte (Algerien, Kenia, Rhodesien/Simbabwe, Südafrika). Zugleich sollte man nicht von einem Extrem in das andere verfallen. Siedlerkolonialismus führt nicht immer zur Herausbildung eines geschlossenen und dauerhaften Herrschaftssystems. Auch in der Frage, wer die Siedler sind, wo sie herkommen und welche Interessen sie verfolgen, bedarf es weiterer Forschungen. Dies gilt auch für die Rolle indigener Bewegungen bei der Veränderung der Kräfteverhältnisse im und gegenüber dem Siedlerkolonialismus. All diese Bemerkungen machen deutlich, dass die SCS ein fruchtbarer und notwendiger Ansatz sind, der in vielem noch am Anfang steht.

 


 

Literatur:

Cavanagh, Edward/ Veracini, Lorenzo (eds.): The Routledge Handbook of the History of Settler Colonialism. London & New York 2017

Englert, Sai: Settler Colonialism. An Introduction. London 2022

Gott, Richard: América Latina como una sociedad de colonización blanca, in: estudios avanzados, 5 (2007) 8, S. 7-33 (engl.: Latin America as a White Settler Society, in: Bulletin of Latin American Research, 26 (2007) 2, S. 269-289

Mackert, Jürgen/ Pappe, Ilan (Hrsg.): Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen. Baden-Baden 2024, 489 Seiten

Scheyegh, Cyrus: Settler colonial studies: a historical analysis, in: Settler Colonial Studies, 14 (2024) 4, S. 470-497

Taylor, Lucy/ Lublin, Geraldine: Settler colonial studies and Latin America, in: Settler Colonial Studies, 11 (2021) 3, S. 259-270

Veracini, Lorenzo: The Settler Colonial Present. New York 2015

Wolfe, Patrick: Settler colonialism and the elimination of the native, in: Journal of Genocide Research, vol. 8 (2006) 4, S. 387-409 

 

BIldquellen: [1, 2] Quetzal-Redaktion_gc; [3] Quetzal-Redaktion_soleb

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