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Politik und Kultur in Lateinamerika

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Die CELAC – Der neueste Versuch lateinamerikanischer Integration?

Robert Martin | | Artikel drucken
Lesedauer: 6 Minuten

Am 3. Dezember 2011 wurde die Comunidad de Estados Latinoamericanos y Caribenos, kurz CELAC, gegründet. Mitglieder sind alle souveränen Staaten Amerikas außer den Vereinigten Staaten und Kanada. Nur ein neuer zum Scheitern verurteilter Versuch lateinamerikanischer Integration, oder eine echte Chance, zusammenzuwachsen? Eine Annäherung.

Lateinamerika: CELAC - Foto: CELACSeit Dezember letzten Jahres ist Lateinamerika um einen Staatenbund reicher. Die Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (CELAC) versteht sich als direkte Nachfolgeorganisation der Grupo del Río (Rio-Gruppe), die 1986 als Konsultationsplattform mit dem vordergründigen Ziel der Unterstützung des Friedensprozesses in Zentralamerika gegründet wurde. Außerdem stellt die CELAC das Ergebnis des Gipfeltreffens Lateinamerikas und der Karibik über Integration und Entwicklung (Cumbre de América Latina y el Caribe sobre Integración y Desarollo, CALC) dar, einer ab 2008 stattfindenden Reihe von Gipfeltreffen lateinamerikanischer Staaten zur Zusammenführung der Integrationsprozesse in Mittel- und Südamerika sowie der Karibik. Beide Vorgängerorganisationen hatten eine Vertiefung und Neuausrichtung des lateinamerikanischen Integrationsprozesses ohne Beteiligung und Einflussnahme der Vereinigten Staaten von Amerika zum Ziel. Dies wurde von der CELAC übernommen.

In der Abschlusserklärung des Gründungsgipfels, der „Deklaration von Caracas“ [1], wird erklärt, die CELAC wolle „den politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Integrationsprozess vorantreiben“ und ein „Gleichgewicht zwischen Einheit und Vielfalt“ herstellen. Es folgt ein Bekenntnis zu gemeinsamen Werten wie der Respektierung des internationalen Rechts, der friedlichen Lösung von Meinungsverschiedenheiten, der Nichteinmischung in interne Angelegenheiten und Respektierung der Souveränität sowie zum Schutz der Menschenrechte und der Demokratie. Der Aktionsplan für 2012 sieht als zentrales Anliegen die Errichtung einer neuen Finanzarchitektur innerhalb der CELAC-Mitgliedsstaaten vor, um den Folgen der weltweiten Krise besser begegnen zu können.

Weiterhin wurde der Anspruch der beiden Vorgängerorganisationen, der Grupo del Río und der CALC, einen auf subregionaler Ebene stattfindenden Integrationsprozess ohne weitreichende Souveränitätsübertragungen zu führen, übernommen. Das generelle Misstrauen der lateinamerikanischen Nationen gegen Souveränitätsübertragungen an supranationale Institutionen zeigt sich beim Aufbau der CELAC an einigen Stellen: Beispielsweise konnte man sich nicht auf gemeinsame tragfähige Strukturen und Organisationen wie einem Generalsekretariat mit festem Sitz einigen. Die Führungsrolle übernimmt stattdessen immer für ein Jahr das jeweilige Gastgeberland als Teil einer Troika gemeinsam mit seinen beiden unmittelbaren Nachfolgern. Den Anfang macht Venezuela gemeinsam mit Chile (2012) und Kuba (2013). Ein anderes integratives Manko der Vorgängerorganisationen, nämlich die unzureichende Repräsentation der Staaten Zentralamerikas auf der einen und der englischsprachigen karibischen Staaten auf der anderen Seite, konnte durch die Vollmitgliedschaft aller amerikanischen Staaten bis auf Kanada und die USA gelöst werden.

Lateinamerika: Hugo Chavez auf dem CELAC-Gipfel 2011 - Foto: CELACDie Nichtmitgliedschaft der Vereinigten Staaten von Amerika und Kanadas ist nicht erst bei genauerer Betrachtung eines der bemerkenswertesten Merkmale der neuen Organisation. Seit dem neunzehnten Jahrhundert (Stichwort: Monroe-Doktrin) haben die USA ihren Einfluss in Lateinamerika kontinuierlich ausgebaut, erst um europäische, später um sowjetische Einmischungen vor der eigenen „Haustür“ zu verhindern. Oft war die Rede von einer westlichen Hemisphäre und damit einhergehenden selbstverständlich gemeinsamen Interessen der Amerikas. Dass die USA sich der Gründung einer gesamtamerikanischen Organisation ohne ihre eigene Mitgliedschaft nicht in den Weg gestellt haben, ist von daher bemerkenswert.

Mit dem Appell zur Einigkeit will die CELAC auch ein Zeichen gegen die wachsende Zweiteilung Lateinamerikas in einen nördlichen (Mexiko, Zentralamerika, Karibik), und somit eher von den Vereinigten Staaten von Amerika beeinflussten Teil, und einen südlichen (südamerikanischen) Teil setzen. Vor allem die traditionelle Rivalität zwischen Mexiko und Brasilien spielt eine Rolle: Mexiko war zwar federführend bei der Gründung der CELAC, aber durch seine unmittelbare Nähe zu den USA und als NAFTA-Mitglied hat Mexiko bei den anderen lateinamerikanischen Staaten keinen leichten Stand. Der aufsteigende Global Player Brasilien wiederum ist an einem stärker autonom agierenden südamerikanischen Teil interessiert, was seiner sehr aktiven geostrategischen Politik der letzten Jahre entspricht. Unter diesen Gesichtspunkten ist das Zustandekommen der CELAC an sich schon als Erfolg anzusehen. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich die Mitgliedsstaaten, allen voran Brasilien, in ihre Rolle als Teil einer supranationalen Organisation fügen werden.

Außerdem ist noch unklar, wie die CELAC in die Reihe anderer Organisationen mit integrativem Ansatz einzuordnen ist: In Lateinamerika sind bereits zehn andere bedeutende Integrationsbünde aktiv. Vor allem die Organisation amerikanischer Staaten (Organización de Estados Americanos, OEA), 1948 konstituiert und traditionell von den USA dominiert, steht der CELAC gegenüber. Auf dem Gründungsgipfel der neuen Organisation war das Verhältnis zur OEA ein viel diskutiertes Thema: Während Venezuelas Präsident Hugo Chávez klarmachte, dass die CELAC die in seinen Augen heruntergekommene und vom amerikanischen „Imperium“ beherrschte OEA ersetzen soll, sprachen moderate und konservative Regierungschefs wie die Präsidenten Chiles und Mexikos eher von einer sich ergänzenden Beziehung. Der Einfluss der Vereinigten Staaten von Amerika in Lateinamerika ist im letzten Jahrzehnt unter anderem durch die US-amerikanischen Interventionen im Irak und Afghanistan und die damit zusammenhängende geostrategische Neuausrichtung deutlich zurückgegangen.

Lateinamerika: Gruppenfoto CELAC -Gipfel 2011 - Foto: CELACcAuch die Europäische Union sieht in der CELAC einen neuen Partner für den lateinamerikanisch-europäischen Dialog, welcher vor allem seit Beginn der weltweiten ökonomischen Krise deutlich ins Stocken geraten ist. Für die EU ist interessant, dass die CELAC alle lateinamerikanischen und karibischen Staaten in einer Organisation vereint, das verhilft den Gesprächen zu mehr Repräsentativität und stellt außerdem eine progressive Alternative zu den stagnierenden Gipfeltreffen zwischen der EU und dem MERCOSUR dar. Allerdings erscheint fraglich, inwieweit der Dialog mit der CELAC zu neuen Ergebnissen führen soll, vor allem da aufgrund fehlender institutioneller Strukturen keine Alternative zu den ermüdenden Treffen der Gipfeldiplomatie in Sicht ist.

Die CELAC hat großes Potenzial, aber auch eine große Verantwortung. Ihre Mitgliedstaaten vereinen knapp 600 Millionen Menschen und stellen gemeinsam den weltweit größten Nahrungsmittelexporteur dar. Die Zeichen für eine lautere Stimme Lateinamerikas durch die neue Gemeinschaft stehen gut: Lateinamerika hat die aktuelle Wirtschaftskrise erstaunlich gut überstanden und verzeichnet außerdem seit Jahren ein stabiles und kräftiges Wachstum. Wenn die Staaten Amerikas südlich der USA es nun schaffen, ihre Differenzen beizulegen und auch auf internationaler Bühne mit einer Stimme zu sprechen, könnte vielleicht der Traum von Simon Bolivár wahr werden, der vor fast 200 Jahren den Kampf Lateinamerikas für Einheit und Selbstständigkeit anführte. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

[1] Im Originaltext (Spanisch) ist die Deklaration zu finden unter: http://static.eluniversal.com/2011/12/03/declaracioncaracas.pdf

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Bildquellen: [1], [2], [3] CELAC_

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