Quetzal Vogel
News Icon
Quetzal

Politik und Kultur in Lateinamerika

Template: single_normal
Printausgaben

Rum – der karibische Flaschengeist

Peter Gärtner | | Artikel drucken
Lesedauer: 4 Minuten

Man kann sich die exotische Inselwelt der Karibik auf ganz unterschiedliche Art erschließen: über den florierenden Massentourismus oder – wenn man die geschlossenen Touristen­hochburgen mit „all inclusive“ nicht mag – durch Abenteuerurlaub der unterschiedlichsten Art. Die wohl billigste, aber nicht weniger interessante Variante des Kennenlernens besteht jedoch in einer Rumverkostung.

Denn Rum ist die wahrscheinlich genialste karibische Erfindung. Und da jede der vielen Inseln zwischen Nord- und Südamerika über ein einzigartiges Repertoire aus vergorenem und anschließend gebranntem Zuckerrohrsaft verfügt, kann man deren tropische Schönheit und Vielfalt auch mit einer Reise durch die Welt des Rums kennenlernen. Auch wenn die Herkunft des Wortes „Rum“ umstritten ist, steht dennoch außer Zweifel, daß das köstliche Getränk selbst ein Produkt der Eroberung der Karibik durch die Europäer ist. Doch halten wir uns zunächst an die historische Schrittfolge. Zuckerrohr, das der Ausgangsstoff eines jeden Rums ist, stammt ursprünglich aus Südindien und hat sich schrittweise bis in den Mittelmeerraum ausgebreitet. Von dort gelangte die Pflanze 1420 mit den Portugiesen nach Madeira, um dann 1494 von Kolumbus nach Haiti gebracht zu werden. Wie auf den anderen karibischen Inseln auch, herrschten dort ideale Bedingungen für den Anbau des Zuckerrohr, das in den folgenden drei Jahrhunderten zum wichtigsten Exportprodukt der Kolonialära aufstieg.

Holländische Siedler dürften dann wahrscheinlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die ersten gewesen sein, die auf den Antillen einen Brand aus Zuckerrohr herstellten. Mit der Zeit fand dieses Zuckerrohrdestillat auch Verbreitung bis in die süd- und nordamerikanischen Anrainerstaaten der Region. Allerdings waren Herstellung und Geschmack so unterschiedlich wie die Namen der Produkte: Guildhive, Taiffa, Aguardiente de Caña. Ein besonders inniges Verhältnis zum Rum entwickelte die britische Royal Navy. Nachdem sich das stark alko­holische Getränk unter tropischen Bedingungen als Beruhigungs- und Desinfektionsmittel bewährt hatte, führte die Admiralität 1731 den Ausschank von einem Pint Rum pro Tag für die gesamte Marine ein.

Obwohl man sich inzwischen auf die Bezeichnung „Rum“ (span.: „ron“; franz. „rhum“) für den Zuckerrohrbrand geeinigt hat, sind sein Geschmack und sein Aussehen so vielfältig und exotisch wie die Karibik selbst. Rum gilt nicht umsonst als die vielseitigste Spirituose der Welt. Die Unterschiede beginnen bei der Art des verwendeten Zuckerrohrs und setzen sich über die Feinheiten der Gärung und Destillation bis zur Rezeptur zur Verfeinerung des Geschmacks fort. Es gibt leichten und schweren, weißen und goldfarbenen bis dunkelbraunen Rum. Auch der Alkoholgehalt schwankt zwischen mindestens 38% und 80%. Die meisten Rumsorten haben jedoch „nur“ 40%. Neben Rezeptur und Destillation entscheidet die Lagerung und Reifung über die Qualität des Getränks. Als Faustregel gilt wie bei vielen anderen Spirituosen auch: je länger, desto besser – und teurer. So kann man für einen 15jährigen Havana-Club aus Kuba schon mal 265 Euro berappen. Und weil wir einmal bei rekordverdächtigen Fakten sind: Aus der Brennerei eines deutschen Herstellers (Albrecht) stammt „Burke’s Fine Old Overproof“, der in Jamaika abgefüllt wird und immerhin 75,5% Alkoholgehalt aufweist.

Bei einem so beliebten Getränk wie Rum bleiben jedoch Probleme nicht aus, wie der jüngste Konflikt zwischen Bacardi und Havana Club zeigt. Havana Club wurde 1878 in Cárdenas (Matanzas) gegründet und galt schon bald als die “Nummer Eins“ unter den für ihren milden und ausgewogenen Geschmack bekannten kubanischen Marken. Nach dem Sieg der kubanischen Revolution fand Havana Club Verbreitung in den sozialistischen Ländern, wurde dort jedoch zumeist als Geheimtip gehandelt. Die Gründung eines „Joint Venture“ mit dem französischen Unternehmen Pernod-Ricard, dem drittgrößten Spirituosenhersteller der Welt, im Jahre 1993 verhalf der kubanischen Spitzenmarke zu großer internationaler Bekanntheit. Derzeit wird Havana Club in über 80 Ländern der Erde vertrieben, wo 75% der produzierten Menge (insgesamt 1,4 Mio. Kartons) abgesetzt werden.

Dieser Siegeszug des kubanischen Rums ist Bacardi jedoch ein Dorn im Auge. Bacardi ist selbst kubanischer Herkunft und wurde 1862 in Santiago de Cuba gegründet. Noch vor dem Sieg der kubanischen Revolution verlegte es 1958 seinen Hauptsitz nach Puerto Rico, wo es die weltgrößte Destillen-Anlage betreibt. Nach der Nationalisierung 1962 gingen die meisten Mitglieder des Bacardi-Clans ins Exil und beteiligten sich führend an anti-kubanischen Kampagnen. So wirkten Rechtsanwälte von Bacardi maßgeblich an der Ausarbeitung des Helms-Burton-Gesetzes mit, mit dem die USA das Embargo gegen Kuba weiter ver­schärften. 1996 entschloß sich Bacardi, einen Rum mit der Bezeichnung „Havana-Club“ auf dem US-amerikanischen Markt, auf den immerhin ein Drittel des weltweiten Rum-Konsums entfällt, herauszubringen. Die Holding Havana Club International verklagte daraufhin Bacardi wegen Betrugs, Raub eines Markenzeichens und Täuschung der Verbraucher. Obwohl die US-Gerichte Bacardi Recht gaben, darf das Unternehmen den falschen „Havana-Club“ nicht mehr auf den Bahamas produzieren. Außerdem ist eine Klage von Pernod-Ricard bei der WTO (Welthandelsorganisation) anhängig, die von der EU unterstützt wird.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert