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Es braucht mehr Achtung und Möglichkeiten – JIWASAN: Eine Organisation feiert Menschenwürde

Uta Hecker | | Artikel drucken
Lesedauer: 7 Minuten

Ich lernte Miguel im Rahmen der Internationalen Trainerkurse der Universität Leipzig (ITK)[i] kennen. Er war als Para-Volleyballtrainer und Spieler zum Weiterbildungsstudium für Sport für Menschen mit Behinderung ausgewählt worden und schilderte uns in einer der ersten Wochen sein berufliches und – ich nenne es, sozial-aktivistisches Umfeld. Neben der Gründung eines Masterstudiengangs Sport für Menschen mit Behinderung, arbeitet er in verschiedenen Kontexten zur Sensibilisierung der Gesellschaft; denn wie überall ist nicht nur die Arbeit mit Menschen mit Behinderung ein Thema, sondern vor allem, die Schulung von Menschen ohne Behinderung zu ihrem Umgang und den Behinderungen, die überhaupt erst sozial geschaffen werden. Miguel berichtete von seiner Organisation, die ursprünglich aus einer Rettungsaktion entstanden war. Er und seine Mitstreiter*innen hatten anfangs ausgesetzte Babys mit Behinderungen, sogenannte „Kinder aus Kartons“, aufgenommen und ihnen einen Raum zum Leben gestaltet. Das Projekt wuchs schnell zu einem Wohnheim und zu einem Weiterbildungszentrum an Chancen für Familien mit ihren Kindern mit Behinderung an. Die Resonanz ist sehr positiv, die Träger*innen der Stiftung sind gefragt und der inklusive Raum für alle Menschen bis zum Bersten gefüllt. Jiwasan ist ein essenzieller Schritt einer wertschätzenden Gesellschaft, einer Gesellschaft, die Wege sucht und findet, einer Gesellschaft, die zeigen will, es gibt Möglichkeiten. Bei all dem braucht die Stiftung Fördermittel, damit sie den Zulauf stemmen kann und dem Druck von finanziellen Grenzen und erschöpften Kapazitäten standhält. Mguel ist dabei, neue Förderstrategien zu erarbeiten, damit Menschen nachhaltig mit der Aufrechterhaltung solcher zwischenmenschlichen Projekte beschäftigt sein können – und darin nicht nur eine idealistische, sondern gleichzeitig handfeste Zukunftsperspektive sehen.

 


Auszug aus dem Aktionsplan JIWASAN von Miguel Florents Machaca Delgado, El Alto (Bolivien) von 2025

 

JIWASAN ist eine Stiftung, die sozial benachteiligten Kindern, insbesondere in ländlichen Gebieten Boliviens, über Zugang zu Bildung, Sport, Kleidung, Lebensmittelversorgung und Ausbildungsmöglichkeiten dazu verhilft, eigene Ideen zu entwickeln, Wege zu schaffen und so wirtschaftlich unabhängig zu werden. Sport soll dabei dem Empowerment der Kinder dienen, ihnen Werte vermitteln und ihnen aufzeigen, wie sie wichtige Fähigkeiten für den Alltag erlernen können.

Das Wort „Jiwasan“ stammt aus dem Aymara, einer der indigenen Sprachen Boliviens, und bedeutet „Das Unsere“. Und genau dieses Gefühl möchten wir unseren Kindern mit Behinderung vermitteln. Oftmals werden sie ihrer Behinderung und dem fehlenden Zugang zu Bildung wegen, ihres Zugehörigkeitsgefühls und sogar ihrer Rolle in der Gesellschaft beraubt. Deshalb halten wir es für wichtig, ihnen einen Raum zu bieten, den sie als ihr Eigen betrachten und in dem sie das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Familie, der großen Familie, zurückgewinnen.

Es stimmt, dass unser Land, was Bildung, Gleichstellung, Inklusion und viele andere Bereiche betrifft, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Viele glauben, dass Bolivien ein unscheinbares und armes Land ist, aber wir sind halten daran fest, dass es ein reiches Land ist, reich an Kultur, Natur und reich, durch seine arbeitsamen und widerstandsfähigen Menschen.

In Bolivien, im ländlichen Raum, gehen nur sechs Prozent der Kinder mit Behinderung zur Grundschule. Davon sind ein Prozent Mädchen.

Wir bieten eine Ausbildung an, bei der u.a. das Ehrenamt ein Bestandteil ist, sowohl in Förderschulen, dem CEREFE (Zentrum für Prävention, Reha und Sonderpädagogik) als auch beim Paralympischen Komitee und den Special Olympics. Außerdem veranstalten wir Workshops zum Thema Sport für Menschen mit Behinderung und Inklusion in mehreren Departamentos[ii] und Schulen quer durch Bolivien mit Zielgruppe Sportlehrer*innen.

Vor vielen Jahren haben wir mit einem kleinen Hilfsprojekt für Kinder mit Behinderungen im Eingangsgebiet zum bolivianischen Amazonas begonnen und einen kleinen Raum geschaffen, in dem Kinder mit Behinderungen eine Grundausbildung erhalten, während ihr täglicher Bedarf an dem was nötig ist, gedeckt wird. Im Laufe der Zeit konnten wir dieses Modell in verschiedenen Gegenden angewandt und der Zulauf von Kindern mit und ohne Behinderungen wurde immer größer.

Diese Initiative wurde ins Leben gerufen, um zu helfen und einen besseren Ort für alle zu schaffen. Wir erhalten dabei keine Unterstützung von nationalen oder internationalen Institutionen. Obwohl wir uns schon seit vielen Jahren in diesem Programm engagieren, lernen wir jeden Tag aufs Neue dazu, wie wir als Organisation funktionieren können, die nur durch ihre Mitglieder getragen wird. Unsere einzige Einnahmequelle sind die Gehälter, die wir als Lehrer an öffentlichen Schulen erwirtschaften. Trotz allem gibt es viele Menschen, die uns mit ihrem Wissen unterstützen oder uns gelegentlich mit Secondhand-Kleidung oder Lebensmitteln versorgen. Sie sind eine wichtige Stütze, um diesen Traum aufrechtzuerhalten.

Zurzeit betreiben wir auch untergeordnete Projekte im ländlichen Raum [in verschiedenen Gemeinden], bei denen es darum geht, die Gemeinschaften mit Lebensmitteln, Spielzeug, Schulsachen, Kleidung und handwerklicher Ausbildung zu unterstützen. Darüber hinaus führen wir eine Kampagne an Schulen in El Alto durch, um Sport für Menschen mit Behinderung zu stärken und Kinder mit Behinderung als Nachwuchstalente zu gewinnen. In El Alto selber konnten wir unsere Ersparnisse in einem kleinen, aber eigenen Raum anlegen, in dem gelernt und trainiert werden kann. (…) Wir haben auch mit Hilfe des Paralympischen Bolivianischen Komitees einen fachsprachlichen Englischkurs ins Leben gerufen, um mehr Trainer*innen und Sportler*innen mit Behinderung Zugang zu internationalen Materialien und Ressourcen zu ermöglichen. Wir träumen davon, dass ihnen in Zukunft auch Stipendien verliehen werden können. Dabei ist es wichtig, dass die Gemeinschaft mit Behinderung die Möglichkeit bekommt, ihre Stimme für sich selbst zu erheben und ihre Wirklichkeiten und Erfahrungen mitzuteilen.

Unter den Fittichen des Dekans der Fakultät für Geistes -und Erziehungswissenschaften der Universidad Mayor de San Andrés, Orlando Huanca, entstand, in enger Zusammenarbeit mit dem CEDI[iii] der Polytechnischen Universität Madrid und den Stipendiat*innen des ITK 2025, ein neuer Aufbaustudiengang. Dabei investieren alle beteiligten Institutionen und Expert*innen ihre Zeit und ihr Wissen, um mit dieser Spezialisierung und dem Input in der Universität selbst eine Plattform zu schaffen, durch die Kinder mit Behinderung in der Stadt La Paz unterstützt werden können.

Ebenso steht uns Coach Peter Huges tatkräftig mit eigenen Ressourcen und dem Rückhalt seiner Universität Arizona zur Seite. Dadurch war es uns möglich, im Jahr 2025 eine Fortbildung für Sportlehrkräfte und Personal im (Vereins)sport zu initiieren, gemeinsam mit Athlet*innen der Auswahl des paralympischen Komitees Bolivien. Wir sind auf der Suche nach mehr Lehrenden, die sich mit uns für diese gute Sache starkmachen.

(…)

Wir feiern 13 Jahre Ehrenamt, um all denjenigen zu danken, die sich dafür einsetzen, dass wir mit unserer Arbeit weiterhin Menschen mit Behinderung in Bolivien gleiche Chancen und Zugänge eröffnen können, im Hinblick auf hochwertige Bildung und vor allem auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und eine bessere Lebensqualität.

 


 

[i] Internationale Trainerkurse der Universität Leipzig

[ii] Verwaltungsbezirke

[iii] Forschungszentrum für Inklusionssport

 

Bildquellen: [1-4] JIWASAN

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