USA/Lateinamerika: Energiepolitik im Schatten der Monroe-Doktrin
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Von allen Weltregionen verbraucht Nordamerika die meiste Energie pro Einwohner. Mit 230 Gigajoule pro Kopf (Gj/K) ist er doppelt so hoch wie in Europa (115,2 Gj/K) und beträgt mit 77 Gj/k das Dreifache des globalen Wertes. Der Anteil der USA am globalen Primärenergieverbrach liegt bei 15,2 Prozent und wird nur von China mit 27,6 Prozent übertroffen, wobei zu berücksichtigen ist, dass die chinesische Bevölkerung mehr als vier Mal so groß ist wie die der USA. Mit Hilfe der Fracking-Technologie ist es den Vereinigten Staaten gelungen, bei der Erdöl- und Erdgasförderung alle anderen Länder zu überflügeln und sich in beiden Sektoren als Exporteur zu profilieren. Zwar verbrauchen die USA mit einem Anteil von 18,9 Prozent weltweit das meiste Erdöl, liegen bei der Förderung mit 20,1 Prozent aber noch darüber. Auch beim Erdgas sind sie sowohl bei der Produktion (25,5 Prozent) als auch beim Konsum (22,1 Prozent) Weltspitze. Auf dem Weg zur „Energiedominanz“, die von Donald Trump bereits in seiner ersten Amtszeit deklariert worden war, verfolgen die USA drei Strategien. Erstens haben sie sich beim Eigenbedarf weitgehend von den anderen Weltregionen unabhängig gemacht, indem sie sich neben der Erschließung eigener Ressourcen vor allem auf die Westliche Hemisphäre konzentrieren. Deren Anteil an der globalen Erdölförderung lag 2023 mit 35,7 Prozent sogar höher als die der OPEC-Länder mit 35,3 Prozent. Mit 52 Prozent führte Kanada die Liga der US-Erdöl-Importeure an, gefolgt von Mexiko (11 Prozent) und Saudi-Arabien (5 Prozent). Von den zehn führenden Importländern gehören sieben zur Westlichen Hemisphäre – neben Kanada und Mexiko außerdem noch Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Venezuela und Guyana. Die zweite Strategie besteht darin, die Energieimporte konkurrierender Mächte zu behindern. Dies bezieht sich zum einen auf den Fördergebiete Westasiens, zum anderen die maritimen Handelsrouten, wobei besonders verwundbare Engpässe wie das Rote Meer, der Suezkanal, der Persische Golf und die Straße von Malakka im Fadenkreuz des US-Militärs liegen. Aber auch die Sabotage von bereits bestehenden oder geplanten Pipelines gehört zum Repertoire Washingtons. Als dritte Strategie verfolgen die USA eine aggressive Exportpolitik, die sich beim Erdgas besonders anschaulich nachweisen lässt. 2023 übernahm die nordamerikanische Energie-Supermacht erstmals die globale Führung bei den LNG-Exporten. Während der US-Anteil 2013 noch bei mageren 0,2 Mrd. m³ vor sich hin dümpelte, schnellte er innerhalb von zehn Jahren auf 104,5 Mrd. hoch, so dass 2022 nur noch Australien (107,4 Mrd.) und Katar (110,5 Mrd.) auf höhere Zahlen kamen. Ein Jahr später erreichten die USA 114,4 Mrd. und ließen die beiden Konkurrenten damit hinter sich. Von den LNG-Exporten der USA gingen zwei Drittel (76,2 Mrd.) nach Europa und ein Viertel (29,3 Mrd.) in die Asien-Pazifik-Region. Donald Trumps Ansprüche gegenüber Kanada, Grönland, Panama und Venezuela belegen eindrücklich, dass die gezielte Reaktivierung der Monroe-Doktrin vor allem dazu dient, die energiepolitische Dominanz der USA unter den neuen Bedingungen der Multipolarität sicherzustellen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die Kontrolle über die Westliche Hemisphäre unverzichtbare Voraussetzung. (Bild: Quetzal-Redaktion, gc)