Guatemala: 30-tägiger Ausnahmezustand nach massiver Gang-Gewalt
Seit dem 18. Januar 2026 nachts herrscht in Guatemala der Ausnahmezustand. Von Präsident Bernardo Arévalo verhängt und vom Parlament mit nur fünf Gegenstimmen bestätigt, gilt er für 30 Tage. Verfügt wurde er, nachdem tags zuvor zehn Polizisten von der Jugendgang Barrio 18 ermordet worden waren. Die – gegenüber Polizisten seit 1997 heftigsten – Gewaltakte durch die Gang Barrio 18 sind im Zusammenhang mit voraufgegangenen Banden-Revolten in den Strafvollzugsanstalten Renovación I, Centro de Detención Preventiva (Zona 18) und Fraijanes II zu sehen. Gangmitglieder hatten dabei 46 Gefängniswärter entwaffnet und als Geiseln genommen. Auf diese Weise wollten sie die Regierung zu Verhandlungen über die Verlegung aus dem Hochsicherheitsgefängnis in andere Strafvollzugsanstalten zwingen. Zudem forderten sie Klimaanlagen, King Size Betten, das Ende von Besucherkontrollen sowie die Anlieferung von Mahlzeiten aus ganz bestimmten Restaurants, kurz die Wiedereinführung von Vergünstigungen, die sie schon einmal hatten. Die Regierung indes ließ nicht mit sich verhandeln und übernahm wieder die Kontrolle der Haftanstalten. Schon im Oktober hatte sie die beiden größten Gangs, das Barrio 18 und die Mara Salvatrucha, zu terroristischen Vereinigungen erklärt. 48 Stunden nach der Verhängung des nunmehrigen Ausnahmezustands sind von der Polizei bereits 293 Personen festgenommen worden, darunter 23 Mitglieder beider Banden. Gefängnismeutereien und entsprechende Gewaltakte vonseiten der Gangs sind in Guatemala schon seit langem gang und gäbe, und die beiden Jugendbanden existieren seit den 1980er Jahren. Inzwischen scheint aber das Barrio 18, das sich selbst nicht Mara nennt, stärker zu sein als die Mara Salvatrucha. Die neueste Gefängnisrevolte jedoch hat einen politischen Hintergrund: Arévalo beschuldigt die frühere First Lady, selbst dreifach gescheiterte Präsidentschaftskandidatin und jetzige Vorsitzende der Partei UNE (Unidad Nacional de la Esperanza) Sandra Julieta Torres Casanova, hinter diesen Gewalttaten zu stecken. Konkrete Beweise, so Arévalo, habe er aber nicht. Pikant ist, dass Sandra Torres‘ Nichte María Marta Castañeda Torres mit Aldo Dupié Ochoa Mejía alias El Lobo liiert ist, einem der Chefs des guatemaltekischen Zweiges des Barrio 18, der seit August 2025 in Renovación I einsitzt und die Gefängnisrevolte angeführt haben soll. Mehr noch, Arévalo gab an, dass ihm die Pandillas (das inzwischen dritte Mal) mit dem Tod gedroht haben und es ein Komplott zwischen diesen und bestimmten Politikern gegen ihn gebe. So sickern beispielsweise wieder und wieder vertrauliche Polizei-Informationen zu den in Haft befindlichen Gang-Mitgliedern durch, und Vollzugsbeamte schauen bei illegalen Vorkommnissen in den Haftanstalten des Öfteren weg. Beobachter bestätigen, dass die Banden, in Verbindung mit korrupten Politikern, das Land destabilisieren wollen, um Präsident Arévalo zu schwächen. Das alles spielt sich im Vorfeld der Wahlen des neuen Generalstaatsanwalts, der Richter des Verfassungsgerichts und der Mitglieder der Obersten Wahlbehörde ab. Die jetzige Generalstaatsanwältin Maria Consuelo Porras, die schon einmal über einen „Putschversuch“, versucht hatte, Arévalos Präsidentschaft zu verhindern und die in einem Ausmaß wie nur wenige Andere Organisierte Kriminalität und Korruption personifiziert, ist nun verdächtig, Gangmitglieder vor Strafverfolgung zu schützen, indem sie ihnen deutlich geringfügigere Delikte unterstellt als realiter begangen. Dahinter wiederum dürfte das Interesse stehen, Arévalo durch einen Präsidenten zu ersetzen, der à la Nayib Bukele in El Salvador eine extrem-repressive und nicht-rechtsstaatliche Politik der „mano dura“ („harte Hand“) verficht, mithin eine solche, die grundlegende demokratische Rechte außer Kraft setzt, nicht nur gegenüber Gangs. Insofern wird in Guatemala zurzeit kriminelle Gewalt aus oppositionell-politischem Interesse geschürt bzw. instrumentalisiert. Dabei ist die – in großen Teilen von Pandillas zu verantwortende – Homizidrate nicht nur in El Salvador (dort allerdings besonders signifikant) gesunken, sondern auch in Guatemala, das unter der Präsidentschaft von Arévalo im Unterschied zu El Salvador die „mano dura“ nicht favorisiert hat. Sie ist in Guatemala (und auch in Honduras) mittlerweile geringer als selbst in Costa Rica, und dies, obwohl sich nicht wenige salvadorianische Pandilleros in die beiden Nachbarländer abgesetzt haben. (Bild: pixabay, codyvanscyoc, cc)