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Kuba und seine Corona-Impfstoffe – Mit einer Jungfrau und einem Freiheitshelden souverän gegen die Pandemie

Gabi Töpferwein | | Artikel drucken
Lesedauer: 9 Minuten

Am 25 Februar 2022, 24.00 Uhr, meldete das kubanische Ministerium für Öffentliche Gesundheit (MINSAP) 606 Neuerkrankungen an COVID-19. Damit liegt die Zahl der bestätigten aktuellen Fälle bei 2.568; Tendenz fallend, wie ein Vergleich mit den Vortagen zeigt. Vergleicht man diese Zahlen mit denen in Deutschland, selbstverständlich unter Beachtung der Bevölkerungszahl, dann gerät man doch ins Staunen.

Wenn uns diese Pandemie ewas gelehrt hat, dann ist das wohl die Tatsache, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen darf. Aber es sieht ganz danach aus, als hätte die Insel die Omikronwelle hinter sich gelassen. Entgegen dem weltweiten Trend schaffte es Kuba, dass nach dem ersten registrierten Omikronfall im November 2021 die Infektionszahlen nicht mehr so stark anstiegen wie in den von der Beta- und insbesondere der Deltavariante verursachten Coronaausbrüchen. Im August waren mit mehr als 265.000 Infektionen die höchsten Fallzahlen in einem Monat zu verzeichnen. Erst im September beruhigte sich Lage wieder und die Infektionen gingen langsam, aber kontinuierlich zurück. Mittlerweile ist die Zahl der insgesamt registrierten Coronafälle rückläufig und die Zahl der Neuerkrankungen pegelt sich scheinbar bei täglich um die 500/600 Neuinfektionen ein. Verständlich, dass die Kubaner das als einen Erfolg ihrer Gesundheitspolitik feiern. Was haben die eigentlich anders gemacht als andere Länder?

Das kubanische Gesundheitssystem ist ebenso krisengeschüttelt wie das gesamte Land. Die Pandemie hat die Situation zusätzlich erheblich verschärft. Es fehlte und fehlt grundsätzlich an Geundheitsgütern wie Schutzausrüstungen, Masken, Spritzen. Der Mangel an Spritzen drohte, das ambitionierte Imfprogramm zu torpedieren. Es waren wohl vor allem chinesische Spenden, die die Situation etwas entspannten. Erst im Dezember letzten Jahres hatten die Chinesen Schutzkleidung, Antigen-Kits und Lungenbeatmungsgeräte an Kuba übergeben. Eine Folge der enormen Belastung in der Pandemie ist z.B. auch der Anstieg der Kindersterblichkeit bei Kindern unter einem Jahr pro 1.000 Lebendgeburten von 4 Todesfällen im Jahr 2020 auf 7,6 im letzten Jahr. Bei allen Problemen, die das kubanische Gesundheitswesen offensichtlich hat, es scheint in der Pandemie, wenn auch mit Stockungen, zu funktionieren, wie die Entwicklung der Coronazahlen zeigt. Die Kubaner haben zudem offensichtlich einen guten Überblick über die Zahl der Erkrankten, die Schwere der Erkrankungen, die Zahl der Todesfälle, die kumulierte Infektionszahl etc. Und epidemiologische Daten (Inzidenz, Prävalenz etc) sind schließlich eine wesentliche Voraussetzung, um eine Epidemie/Pandemie erfolgreich bekämpfen zu können.

Um das Ganze zu illustrieren, soll die offizielle Information des kubanischen Gesundheitsministeriums herangezogen werden.

Corona_auf  Kuba_Bild_Quetzal-Redaktion_gt

Von den 609 Neuerkrankungen vom 25. Februar entfallen 99 auf die Provinz Holguín, den derzeitigen Corona-Hotspot im Land. Mit 50 neuen Erkrankungen führt die Provinzhauptstadt Holguín die Infektionsliste nicht nur in der Provinz an, sondern im gesamten Land. Bei drei der registrierten Neuerkrankungen in der Provinz konnte der Infektionsweg nicht nachverfolgt werden, eine Infektion gilt als importiert. Für ganz Kuba werden 27 ausländische Infektionsherde gemeldet, und fünf Fälle sind nicht nachverfolgbar.

Das ist jetzt sehr viele Zahlen, aber sie sind tagesaktuell. Und sie verdeutlichen die schlichte Tatsache, dass die Kubaner in der Lage sind, auch die Infektionswege nachzuverfolgen. Das ist etwas, was hierzulande zurzeit nicht einmal mehr versucht wird, und das auch vor Omikron nie gewährleistet werden konnte. Und was noch viel seltsamer ist: Das kubanische Gesundheitsministerium veröffentlicht Tag für Tag nicht nur die Zahlen für die aktuelle Corona-Entwicklung (Zahl der Neuerkrankungen, der aktuellen/kumulierten Fälle, aktuelle/kumulierte Todesfälle, Geschlecht, Altergruppe) für das ganze Land, sondern schlüsselt diese auch nach Provinzen und Municipios auf. Das schließt auch die erwähnten Angaben über den Infektionsweg ein. Und das alles, ohne offensichtliche „Einbrüche“ an den Wochenenden. Die Veröffentlichung dieser Daten erfolgte übrigens auch in der Hochphase der Pandemie im Juli/August letzten Jahres, während der Kritiker von chaotischen Zuständen in der Gesundheitsversorgung berichteten.

Vor einiger Zeit waren die Veröffentlichungen übrigens noch detaillierter, sie lieferten auch Angaben über die COVID-Patienten und die Schwere ihrer Erkrankung. Nein, natürlich konnte man nicht erfahren, dass sich Maikel García García aus Havanna bei seiner Nachbarin angesteckt hat und schwer erkrankt ist. Veröffentlicht wurden lediglich Alter, Herkunft und Zustand der Erkrankten – also: 65-jährige Kubanerin, kritisch; 44-jähriger Italiener, ernst usw. Davon ist man aber offensichtlich wieder abgekommen. Doch der Interessierte erfährt nach wie vor, dass z.B. am 25. Februar 21 Patienten in ernstem und 9 in kritischem Zustand waren.

In Kuba könnte, wie es scheint, jeder Interessierte den Epidemiologen spielen, wichtige Daten hat er ja. Vermutlich mehr und tagesaktueller, als diese hierzulande den Gesundheitswissenschaftlern zur Verfügung stehen. Vielleicht ist ja genau das eine Ursache für die Wirksamkeit der Maßnahmen in Kuba? Aber genau genommen handelt es sich ja um zwei Spezifika des kubanischen Umgangs mit der Pandemie: die sorgfältige tagesaktuelle Erfassung grundlegender epidemiologischer Daten und die Veröffentlichung derselben

Und drittens wären da natürlich noch SOBERANA, Abdala und Mambisa – die kubanischen Impfstoffe gegen COVID-19.

Im Januar ging eine Meldung durch die Medien, dass der Impfstoff Mambisa Erfolge bei der Vermeidung von Infektionen verspricht. Mambisa, entwickelt vom Centro de Ingeniería Genética y Biotecnología de Cuba (CIGB), ist weltweit der erste nasal zu verabreichende Impfstoff, der in klinischen Studien an erwachsenen Rekonvaleszen getestet wird. Und es sieht so aus, als mache er genau das, was er soll – das Virus bereits beim Eintritt in den Körper angreifen. Die Gabe von Mambisa erhöhte die Anti-RBD-Reaktion um das vierfache. RBD bezeichnet die Rezeptorbindungsdomäne des Spikeproteins, die eine wichtige Rolle beim Nachweis von Antikörpern gegen SARS-COV-2 spielt. Die Studie soll übrigens die Wirksamkeit von Mambisa als Booster prüfen.

Corona_Spritze_Maske_CCAber gehen wir der Reihe nach und systematisch vor. Kuba hat von Anfang an darauf bestanden, unabhängig vom Ausland eigene Inpfstoffe zu entwickeln. Betrachtet man die mangelnde Wirksamkeit der Covax-Initiative bei der Verteilung von Vakzinen, dann war das wohl eine gute Entscheidung. Bisher haben die kubanischen Forscher fünf Impfstoffe entwickelt, federführend dabei sind das Centro de Ingeniería Genética y Biotecnología de Cuba und das Instituto Finlay de Vacunas, beide aus Havannna.

Alle kubanischen Vakzine sind vom Typ Protein-Subunit, also sogenannte Unterinheitenimpfstoffe, die gereinigtes virales Protein enthalten. Abdala, SOBERANA 02 und SOBERANA Plus sind bereits zugelassen und im Einsatz, Mambisa und SOBERANA 01 befinden sich in der zweiten Testphase. Rückblickend ergibt sich das Bild einer beeindruckenden Impfstrategie, die seit dem letzten jahr in Kuba umgesetzt wird.

Im März 2021 begannen in Havanna, Santiago de Cuba, Granma und Guananamo die ersten klinischen Studien für SOBERANA Plus, SOBERANA 02 und Abdala mit freiwilligen Probanden. Gleichzeitig lief eine Risikogruppen-Interventionsstudie mit SOBERANA 02 und Abdala. Diese beiden Impfstoffkandidaten wurden ab Mai letzten Jahres in einer großen Gesundheitsintervention eingesetzt, die auf der Grundlage des „Gesetzes über die öffentliche Gesundheit“ genehmigt worden war. Im Rahmen dieser Impfaktion wurden mehr als 9 Millionen Imfdosen verabreicht; geimpft wurde in Risikogebieten, um die Infektionswelle unter Kontrolle zu bringen.

Am 9. Juli 2021 erteilte das Zentrum für die staatliche Kontrolle von Arzneimitteln, Ausrüstungen und medizinischen Geräten (CECMED) die Notzulassung für den Impfstoff Abdala und 20 Tage später begann dann eine Massenimpfung. Einbezogen waren Personen über 19 Jahre aus Gebieten mit epidemiologischem Risiko und weitere Risikogruppen aus allen Provinzen sowie Kinder und Jugendliche von 2. bis 18 Jahren. Im August erfolgte schließlich die Zulassung von SOBERANA 02 und SOBERANA Plus. Ende letzten Jahres startete zudem eine Auffrischungsimpfung, in die bis heute mehr als die Hälfte der Bevölkerung einbezogen wurde, darunter auch Genesene.

Die Bilanz dieser Impfstrategie kann sich sehen lassen. Insgesamt wurden 34.947.655 Impfdosen verabreicht. 89,2 Prozent der kubanischen Bevölkerung sind vollständig geimpft, Stand: 24.2.2022. Vollständig geimpft heißt für den überwiegenden Teil, dass sie drei Imfdosen erhielten. Da Impfstoffe vom Typ Protein-Subunit eine geringere Stärke der Immunantwort aufweisen können, wird für Abdala eine Dreifachimpfung empfohlen.

Als erster in Kuba zugelassener Impfstoff hatte Abdala international eine große Aufmerksamkeit erfahren, es war sogar von einem Wunderimpfstoff die Rede. Stellvertretend soll deshalb an dieser Stelle Abdala etwas näher vorgestellt werden. Abdala 50 µg ist ein Subunit-Impfstoff und jede Dosis enthält, wie der Name verrät, 50 μg der Rezeptorbindungsdomäne des Spikeproteins von SARS-CoV-2. Das Impfschema umfasst drei Dosen, die im Abstand von 14 Tagen verabreicht werden. In den klinischen Studien wurden zumeist nur leichte Beschwerden festgestellt, wie Kopfschmerzen, Fieber, Muskelschmerzen, Schmerzen im Arm, Müdigkeit und Schüttelfrost, die auch bei anderen Impfstoffen auftreten. Den klinischen Studien zufolge hat Abdala eine Wirksamkeit von 92,25 Prozent und schneidet damit leicht besser ab als Comirnaty von BionTech. Die Koordinatorin des Projektes betonte, dass die Wirksamkeit von Abdala darin besteht, schwere Verläufe der Krankheit oder den Tod des Patienten zu verhindern, eine Infektion könne das Vakzin nicht verhindern. Auch das hat Abdala mit dem BioTeck-Impfstoff gemeinsam.

Die bereits zugelassenen SOBERANA-Impfstoffe, die miteinander kombiniert verabreicht werden, erreichen eine ebenso hohe Wirksamkeit.

Die kubanischen Impfstoffe sind derzeit noch mit Notzulassungen kubanischer Behörden in Kuba und sechs weiteren Ländern im Einsatz. Bereits im vergangenen September wurde die Anerkennung bei der WHO beantragt. Entschieden hat diese bisher nicht. Im Dezember teilten kubanische Wissenschaftler mit, sie arbeiteten jetzt an der Anpassung der für das Präqualifikationsverfahren der WHO erforderlichen Unterlagen. Die Kubaner hoffen auf eine baldige Zulassung, schon weil diese eine weitere Verbreitung der kubanischen Impfstoffe außerhalb Kubas ermöglicht. In den meisten westlichen Staaten werden Abdala und SOBERANA trotz ihrer erwiesenen Wirksamkeit nicht anerkannt; mit kubanischen Impfstoffen immuninisierte Personen gelten auch in Deutschland als ungeimpft. Ein Kommentar erübrigt sich hier.

Abschließen noch eine kleine Hintergrundinformation zu den kubanischen Impfstoffen: La Mambisa wird in Kuba die Vírgen de la Caridad del Cobre (Barmherzige Jungfrau von Cobre) genannt. Als Schutzpatroning des Kampfes der Kubaner gegen die spanischen Kolonialherren im Jahr 1869 erhielt sie ihren Beinamen nach der Bezeichnung für die kubanischen Guerilleros – Mambí. Abdala ist der Held des gleichnamigen Dramas von Kubas Nationaldichter José Martí und er steht für einen aufopferungsvollen Kampf für das kubanische Volk. Und SOBERANA (souverän) erklärt sich von selbst.

 

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Quellen:

Ministerio de Salud Pública. República de Cuba. https://salud.msp.gob.cu/

¿En qué punto está la precalificación de las vacunas cubanas ante la OMS? https://www.granma.cu/cuba/2021-12-27/en-que-punto-esta-el-proceso-para-la-precalificacion-de-las-vacunas-cubanas-ante-la-oms-27-12-2021-11-12-34

Impfstoffkandidat Mambisa könnte Übertragung unterbinden. https://de.granma.cu/cuba/2022-01-24/impfstoffkandidat-mambisa-konnte-ubertragung-unterbinden/

Vacuna Abdala contra COVID: eficacia, efectos secundarios y origen. https://expansion.mx/mundo/2021/12/30/vacuna-abdala-covid-efectividad-efectos-secundarios

Kuba lässt selbst entwickelten Coronaimpfstoff Abdala zu. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/125483/Kuba-laesst-selbst-entwickelten-Coronaimpfstoff-Abdala-zu

 

Bildquellen: [1] Quetzal-Redaktion_gt; [2] pixabay_cc

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